Gern trüge ich den Regenbogen bunt als helles Kleid · doch trägt die Welt in diesen Tagen nur ihr tiefstes Leid.
B · V · D [Fotos & Verse]
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Gern trüge ich den Regenbogen bunt als helles Kleid · doch trägt die Welt in diesen Tagen nur ihr tiefstes Leid.
B · V · D [Fotos & Verse]
Der George Kreis (Der Meister ganz links im Bild)
Die Hierarchie der Gestalt: Der George-Kreis im Licht
Dieses Bild ist mehr als eine fotografische Dokumentation – es ist ein Manifest in Licht und Schatten. Wir sehen Stefan George, den „Meister“, im markanten Profil, während seine Begleiter sich ihm nicht nur physisch, sondern auch geistig zuwenden.
I. Die Inszenierung der Nähe Der George-Kreis war keine lockere Gemeinschaft, sondern ein streng hierarchisch geordneter Bund. Die Anordnung der Personen auf diesem Bild spiegelt diese Ordnung wider: George als das unbewegte Zentrum, die Jünger als die Trabanten, die ihr Licht und ihre Form aus seiner Gegenwart beziehen. Es ist die Visualisierung des „Geistigen Staats“.
II. Die Maske des Ernstes Auffallend ist die vollkommene Abwesenheit von Alltäglichkeit. Kein Lächeln, keine entspannte Geste. Jedes Gesicht ist zur „Gestalt“ erstarrt. Hier wird das Gesetz der Statuarik gelebt: Der Mensch präsentiert sich nicht als Individuum mit privaten Regungen, sondern als Träger einer überpersönlichen Idee.
III. Die Vorahnung der Tat In den Gesichtern der jungen Männer – unter ihnen jene, die später Geschichte schreiben sollten – liest man die Ernsthaftigkeit einer Erziehung, die auf Charakter und Opferbereitschaft zielte. Das Bild fängt jenen Moment ein, in dem aus ästhetischer Theorie gelebte Existenz wird.
„Wo das Wort des Meisters klingt, wird das Fleisch zum Bild und der Augenblick zur Ewigkeit.“
Kuratiert im Archiv der Gestalt · Bastian Van Dietz
D I E · S T A F F E L · D E S · G E I S T E S George und Frommel · Der Funke und die Flamme
Im kühlen glanz der strengen meisterhand erhob sich einst das wort als neues land. Der eine schuf den kreis aus hartem stein · um vor dem lärm der welt gefeit zu sein.
Der adler wich · doch blieb der ferne ruf · den er aus sehnsucht und aus ordnung schuf. Und einer fing den strahl im Schatten auf und gab dem feuer seinen neuen lauf.
Vom Rhein zum Amstelstrom · durch dunkle nacht · hat er das siegel unversehrt gebracht. Nicht fleisch · nicht blut – der geist allein verbindet · wer sich im dienst der heiligen form entzündet.
So reicht die kette über grab und zeit vom hohen thron zur stillen einsamkeit. Was jener stiftete in erhabner ruh · dem fügte dieser treue dauer zu.
BASTIAN · VAN · DIETZ
Les fleurs d' Ambrose
Aus nächt’gem grund erhebt sich leis die blume meiner zeit · Ihr duft ist glanz und widerspruch · ein hauch von ewigkeit. Sie wächst in mir · wo traum und trotz sich still die hände reichen Ein kelch aus feuer · der nicht will · dass alte schatten weichen.
Sie blüht wenn meine seele ruft in sanfter stolzer pracht Ein zeichen dass im tiefsten kern noch ungeboren macht erwacht. So trägt mein herz die blume fort durch sturm und stilles los – Und jede ihrer blüten spricht: Ich bin des Lebens Ambrose.
AMBROSE · THE · POET
GEORGES ästhetischer Amoralismus entspringt der Überzeugung, dass Kunst keiner äußeren Moral verpflichtet ist, sondern allein ihrem eigenen Gesetz. Für ihn war das Gedicht kein Werkzeug für Ethik, Politik oder Mitgefühl, sondern ein autonomer Raum reiner Form. Der Dichter steht nicht im Dienst der Gesellschaft, sondern über ihr; er schafft Werte, statt sie zu befolgen. Georges Haltung verweigert jede moralische Nützlichkeit und jede Sentimentalität: Schönheit ist nicht gut, sie ist gültig. Aus dieser Strenge entsteht ein aristokratischer Anspruch an Sprache und Geist, der das Leben nicht bessern will, sondern erhöhen. Sein Amoralismus ist kein Zynismus, sondern ein Kult der Form – eine Ethik jenseits der Moral, gegründet auf Maß, Rang und Gestalt.
Die Novizen von Heidelberg
Denn Haltung im Schicksal, Anmut in der Qual bedeutet nicht nur ein Dulden; sie ist eine aktive Leistung, ein positiver Triumph, und die Sebastian-Gestalt ist das schönste Sinnbild, wenn nicht der Kunst überhaupt, so doch der in Rede stehenden Kunst.
THOMAS MANN
D E R · T R I U M P H · D E R · P F E I L E
Über die schöpferische Qual Der Satz behauptet etwas Radikales: Qual ist nicht bloß etwas, das man erträgt – sie ist eine Form von Aktivität, eine Leistung, ein Triumph. Übertragen auf das Schreiben bedeutet das:
I. Die Qual als Material · Die Qual ist kein Hindernis. Beim Schreiben entsteht sie nicht, weil etwas „nicht funktioniert“, sondern weil etwas werden will. Die Spannung zwischen dem, was in dir glüht, und dem, was noch nicht Form hat, ist selbst der schöpferische Motor. Die Qual ist also nicht passiv, sondern ein Zustand höchster innerer Bewegung.
II. Haltung im Schicksal · Formbewusstsein im Chaos Wenn wir von „Haltung im Schicksal“ sprechen, meinen wir: Man richtet sich innerlich auf, während etwas Größeres durch einen hindurchwirkt. Beim Schreiben heißt das: Du hältst die Linie, den Rhythmus, die Vision – auch wenn der Text sich windet, widerspricht, sich entzieht. Diese Haltung ist nicht stoisch, sondern formend.
III. Anmut in der Qual · Stil trotz innerem Riss Anmut entsteht nicht trotz der Qual, sondern in ihr. Der Text gewinnt Schönheit gerade dort, wo du im Ringen nicht verkrampfst, sondern eine Linie findest, die den Schmerz in Musik verwandelt. Das ist der Moment, in dem ein Satz plötzlich „steht“ – nicht weil er leicht war, sondern weil er durch die Schwere hindurchgegangen ist.
IV. Die Sebastian-Gestalt als Sinnbild Sebastian ist der Märtyrer, der nicht bricht, sondern im Durchbohrtwerden eine Haltung bewahrt, die schöner ist als der Schmerz selbst. Beim Schreiben ist das die Figur des Autors, der sich von seinem Werk „durchbohren“ lässt:
Die Pfeile sind die Sätze.
Der Körper ist die Seele.
Die Haltung ist die Kunst.
V. Der Triumph im Durchhalten Es ist ein „positiver Triumph“. Er liegt nicht im fertigen Ergebnis, sondern im Akt, im Durchgang durch die Qual. Das Schreiben triumphiert nicht, weil es leicht war, sondern weil du nicht ausgewichen bist.
B A S T I A N · V A N · D I E T Z ⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯⎯ P E R · A S P E R A · A D · F O R M A M (Durch das Raue zur Form)
stefan george und friedrich gundolf
Stefan George: Zeitalter und Aufgabe
aus der Biografie von FRIEDRICH GUNDOLF
Wenn wir Stefan Georges erste geschichtliche Aufgabe in der Wiedergeburt der deutschen Sprache und des Dichtertums sehen, müssen wir den Zustand zeigen woran er sich zunächst bewährte, die deutsche Literatur um 1890. Nicht daß der Widerspruch sein Wesen bedingt oder auch nur seine Mittel geformt hätte: kein Wesen entsteht aus Beziehungen wie Widerspruch oder Hingabe, aber es kann dadurch erscheinen, und jede Fülle findet als Schickung oder Erbschaft eine Not vor, die zu ihr gehört. Sprache und Dichtung sind uns hier nur die faßlichsten Zeichen eines Gesamtzustandes der von den Alltagsverrichtungen bis zur Religion reicht. Sie sind zugleich der Boden von dem aus der einzelne Mensch am ehesten ohne äußere Macht, mit keiner anderen Gewalt als der seiner ursprünglichen Seele, am »un-mittel-barsten« also, eine Welt aus den Angeln heben kann, wenn ringsum Staat, Wirtschaft, Gesellschaft, Wissenschaft, Presse, Theater – massen- und sachenhaft geworden – die Privatperson nur als Stoff oder als Stück kennen. Die Sprache ist das innerste Bollwerk des Geistes in einer Welt der Dinge, sie ist die letzte Zuflucht des Gottes im Menschen, wenn es keine durchseelte Kirche, keine öffentliche Magie und kein Geheimnis mehr gibt. Nur vom lebenhaltigen Wort her ist die Erneuerung alternder, allzu seßhaft oder allzu splittrig gewordener Gesamtheiten möglich für den Einzelnen der ihrer öffentlichen Stoffe und Mittel sich nicht bedienen kann, der »nicht anders kann« als ihn sein Herz heißt.