Glamwiki-Konferenz-London
Crossposting mit dem Beitrag in der Wikipedia.
Vom 12. bis zum 14. April 2013 fand die Glamwiki 2013-Konferenz im Konferenzzentrum der British Library London statt. Aber bevor ich jetzt von der Konferenz erzähle, vielleicht für den Anfang noch mal drei Worte, was Glam ist: Glam kommt aus dem englischen Sprachraum und bedeutet Galerien, Libraries (Bücherein), Archive und Museen, kurz: Kulturinstitutionen im weiteren Sinne. Das sind die Institutionen, mit denen Wikipedia/Wikimedia gerne zusammenarbeiten würde, und um deren Aufmerksamkeit Wikim/pedia schon länger buhlt. Mittlerweile kommen wir aber dahin, dass auch Institutionen deutlich interessierter sind, und gerne „irgendwie in Wikipedia“ wären. In der Praxis gibt es allerdings noch sehr große kulturelle Unterschiede zwischen Wikipedia und Wikimedia und den Glams. Auch das, was Glams wollen, das was die ganzen Wikimedias wollen, und dem was die Wikipedianer wollen, liegt zum Teil noch sehr deutlich auseinander. Die Vorstellungen der Gruppen sind nicht unbedingt deckungsgleich, und auch die Gruppen in sich sind reichlich heterogen.
Trotzden aber gibt es auf allen Seiten Protagonisten, die diese Zusammenarbeit verstärken wollen. Die Protagonisten sind international mittlerweile recht gut über Mailinglisten, ein Glam Outreach Wiki und auch über persönliche Kontakte vernetzt. Diese Kontakte werden unter anderem bei Konferenzen bestärkt. Die Konferenz im April in der British Library sollte nun wiederum sowohl Wikip/medianer als auch Leute aus den Glams zusammenbringen, um einen gemeinsamen Erfahrungsaustausch zu gewährleisten. Für mich war es eine praktische Gelegenheit, mal die gesamte internationale Glam-Szene auf einem Haufen live zu erleben, mitzukriegen was der Stand ist, wovon sie reden, was Ziele und Probleme sind, und wer in dem Bereich überhaupt aktiv ist.
Neben mir waren aus dem weit gefassten de.wikipedia-Universum zB noch Beat Estermann, Christoph Braun, Barbara Fischer, Ruben von WMAT, Daniel Mietchen, Stepro und Jens Best da. Dazu noch jede Menge Wikimedianer, diverse Wikipedianer, und eine ganze Menge Leute, die aus den Glams kamen - allerdings wiederum oft Technik- oder PR-Leute, weniger die Entscheidungsträger oder diejenigen in Glams, die inhaltlich arbeiten. Ein Großteil der Teilnehmer war tatsächlich Berufs-Glam und Hobby-Wikipedianer.
Die Anwesenden kamen vor allem aus Europa, besonders die Niederländer waren sowohl was ihre Anzahl als auch die inhaltliche Qualität ihrer Beiträge anging, herausragend. Briten waren natürlich auch viele da, deren Beiträge waren aber qualitativ deutlich weiter gestreut als die Beiträge von der Südküste der Nordsee. Es gab aber auch weltweit angereiste. So unterhielt ich mich zum Beispiel in einer Pause mit einer ursprünglich Deutschen, die mittlerweile mittelbar finanziert durch Google an einer Uni in Hong Kong zu Freier Kultur forscht. Das scheint in Asien aber ein eher schwieriges Konzept: Freie Kultur als Idee ist da wohl noch unbekannter als hier. Auf die Frage in die Runde in einer Veranstaltung, wieviel Anwesende Urlaub nehmen mussten um zu kommen, hat sich soweit ich sehen konnte etwa ein Drittel bis die Hälfte der Anwesenden gemeldet.
Die Konferenz diente vor allem der Kontaktpflege. Was die inhaltlichen Aspekte anging, wurde mir bis zum Ende nicht so ganz klar, um es jetzt eher eine Veranstaltung war, bei der Wikip/medianer um Glams werben, oder aber ob es um echten Erfahrungsaustausch ging, aber vermutlich war es irgendwie beides gleichzeitig. Auch das Verhältnis "zur Community" war etwas eigentümöich: zum einen die manchmal explizite, oft implizite, Distanzierung von all' den komischen anstrengenden Menschen, die da Online rumlaufen; zum anderen das Gefühl, dass hier die eigentliche Community ist. Selten nur ergab der WMDE-Spruch von "den Communitys" so viel Sinn wie hier: Glammies sind eine Gruppe von Leuten, die mittlerweile sehr anders organisiert sind als die Kerncommunities, die international vernetzt sind, und die auch langsam und beständig daran arbeiten, sich mit externen Akteuren zu vernetzen.
Das ist eine Community im Wikip/media-Umfeld, die aber deutlich anders funktioniert als die Leute, die Artikel schreiben, in der Eingangskontrolle agieren und sich selten mal zum Stammtisch treffen. Was die "Professionalisierung der Wikipedia" und das Herauslösen aus einem reinen Hobbyprojekt angeht, ist Glam die Avantgarde.
So die Konferenz allgemein. Es war ja das erste mal, dass ich die Nicht-deutsche Glam-Bewegung tatsächlich in Person gesehen habe, und so insgesamt waren meine Eindrücke doch eher gemischt. Ein paar sehr fitte und interessante Leute (Andrew Gray, Maarten Brinkerink, ein paar Leute bei denen ich mich ernsthaft Frage, welches Chapter die freiwillig auf die Menschheit loslässt, eindrucksvolle Menschen beispielsweise vom Smithsonian und vom Rijksmuseum Amsterdam: die Eindrücke waren wild gemischt.
Inhaltlich waren meine Eindrücke auch durchaus gemischt. Gerade die werbenden Talks waren teilweise von deutlich verbesserungsfähiger Qualität. Wäre ich ein Glam, hätten diese Veranstaltungen mich eher abgeschreckt. Trotzdem auch - das mag auch eine persönliche Sache sein: Veranstaltungen auf denen sich alle Beteiligten andauernd versichern, wie toll sie sich gegenseitig finden, und wie unfassbar wichtig sie sind, sind nicht so mein Ding.
Die Veranstaltungen der Glams selber waren sehenswert. Michael Edson vom Smithsonian Institute dichtete sehr sehenswert über die Befreiung der Museen. Lizzy Jongman vom Rijksmuseum Amsterdam wiederum war sprachlich nicht ganz so eindrucksvoll, dafür aber inhaltlich wesentlich bestimmter. Die hat ein langes ausführliches Plädoyer dafür und darüber gehalten, warum das Rijksmuseum seine Sammlung unter freier Lizenz in höchstmöglicher Auflösung ins Netz lädt, und was sie auf ihrer Website mit den Bildern machen. Da musste ich dann ja fast ein bisschen weinen als ich an den traurigen Zustand von Commons dachte, und fragte mich, ob "wir" (als Wikipedia/Wikimedia) den Museen wirklich was zu bieten haben. Jongma hat natürlich am Ende pflichtschuldigst auch Wikimedia und Wikipedia gelobt und für wichtig erklärt. Aber so die leuchtenden Augen hatte sie eher bei den Wörtern Pinterest und Europeana.
Die Wikip/medianer waren vor allem sehenswert, wenn sie etwas inhaltsreicher wurden. Hier möchte ich ja besonders den Talk von Maarten Brinkerink hervorheben, der sich mal ernsthaft Gedanken macht ob und wie man den Erfolg einer Glam-Kooperation eigentlich messen kann. Das Interessiert sowohl die Glams als auch die Wikimedia-Organisationen, und die vorhandenen Meßmethoden stehen da alle noch sehr am Anfang: außer den reinen Aufrufstatistiken lässt sich kaum etwas herausfinden.
Projektweise für mich natürlich besonders spannend: der Vortrag "Professional GLAM staffers on Wikipedia", der sich dann aber letztlich mehr mit den sehr grundlegenden Fragen auseinandersetzte, wie man die Staffers überhaup zum editieren bringt - weniger damit, was eigentlich passiert, wenn sie professionell editieren. (Natürlich außer dem Hinweis: schreibt nicht über Euch selbst]).
Ergiebiger war da der Workshop "Finding the Community" ganz am Ende, bei dem Sarah Stierch (mit dezenter Assistenz durch Andrew Gray) erklärt, wo man die Community findet. Spannend hier auch: "die Community" sind nicht nur die Leute, die schon Community, sondern auch die Externen Freundinnen und Freunde des Museums, die durch Glam-Kooperationen zum Editieren angeregt werden. Und hier nach dem Talk die Fragerunde: erste Frage (nicht von mir!): wie sieht es mit Paid Editing aus? Spontane Antwort: "Oh shit". Letztlich gab es die Diskussion, dass das alles sehr kompliziert ist, und man zu dem Thema eigene Konferenzen oder Workshops machen kann.
Aber auch mein Eindruck hat sich bestätigt, dass das der große Große Gorilla im Raum ist, über den bei Glam niemand gerne redet. „Vermeide Interessenkonflikte“ ist Konsens, aber natürlich gibt es viele Formen des Paid Editing, die kein direkter Interessenkonflikt sind und über die man sehr verschiedene Meinungen haben kann. Besonders schön und nachvollziehbar fand‘ ich dann aber auch Sarah. Irgendein Chapter (Israel? Niederlande?) brachte mal wieder ins Spiel, dass ein "Wikipedian in Residence" alles darf außer Artikel editieren. Worauf Sarah dann sinngemäß meinte „Ich bin Wikipedianer. Ihr wollt mir das editieren verbieten? Dann werde ich depressiv.“ Sie hat es aber schöner gesagt, leider habe ich kein Wortprotokoll und ausgerechnet von der Veranstaltung gibt es auch kein Video.