Gregor Sander: Was gewesen wäre
Mehr Indikativ als Konjunktiv.
Als Teenager verliebt sich Astrid Hals über Kopf in Julius und er in sie. Doch dann ist plötzlich Schluss und Astrid sitzt allein in Neubrandenburg, während Julius seinen Dienst in der JVA verrichtet, damit er danach studieren kann. Auf dem Land verliert man sich jedoch nicht so schnell aus den Augen, sie treffen sich immer wieder auf Partys und in Diskos – und merken, da brodelt noch etwas. Erst als Julius aus der DDR flieht, ist die Beziehung wirklich vorbei. Julius eröffnet mit seinem Bruder Sascha eine Galerie in Hamburg, Astrid heiratet Tobias und studiert Medizin. 20 Jahre später ist die Mauer lange gefallen, Astrid Kardiologin, von Tobias geschieden und mit Paul zusammen, der ihr einen Trip nach Budapest zum Geburtstag schenkt, wo Astrid eigentlich gar nicht hinwill.
Erst als sie dort tatsächlich auf Julius trifft und Paul die ganze Odyssee ihrer Beziehung zu ihm schildert, versteht Paul, wieso. Als jedoch Julius bei seinem Wiedertreffen mit Astrid wortlos verschwindet, schwant dem Leser, dass er doch noch nicht die ganze Geschichte kennt, obwohl die Geschehnisse der Gegenwart und der Vergangenheit parallel zueinander geschildert werden. Wie also ist diese Beziehung wirklich geendet?
Eine Schlüsselrolle spielt Jana, Astrid frühere beste Freundin. Es grenzt an ein Wunder, dass Astrid zwei Wochen Westurlaub bekommt, die sie bei Jana in Westberlin verbringt. Als Jana ihr von dem Plan berichtet, Julius in den Westen zu holen, kann Astrid nichts mehr tun, um das Ganze aufzuhalten. Also flieht Julius unter Lebensgefahr über Jugoslawien in die BRD. Doch als er dort ankommt, wo er Astrid zu treffen hofft, ist diese schon wieder zurück in die DDR gereist. Die Enttäuschung und die Wut darüber bewegen Julius auch 2 Jahrzehnte später noch. Dabei hat sich längst herausgestellt – auch für Julius –, dass Astrid nichts mit diesem Plan zu tun hatte und die DDR Astrids Westurlaub nur deswegen erlaubte, um endlich Julius‘ Mutter Katharina, eine unbequeme Künstlerin, aus dem Land zu kriegen – und Jana hat die Strippen gezogen. Mit Julius im Westen sollte auch Katharina gehen, was sie nicht tat, stattdessen landete sie im Frauengefängnis.
Gregor Sanders zweiter Roman ist eine kurze, schnörkellose, sprachlich solide Story über die Ränkespiele der DDR. Die Stasi benutzte Menschen wie Marionetten, ohne Rücksicht darauf, wie viele Menschen und Schicksale sie dabei zerstören. Dabei steht Julius‘ und Astrids Geschichte zwar im Vordergrund, aber nur, um an ihnen die Hintergründe deutlich zu machen. Der Titel führt etwas in die Irre, denn es geht nicht darum, was gewesen wäre oder hätte sein können. Es geht eindeutig darum, was gewesen und wie blöd das gelaufen ist. Nichts davon konnten ausgerechnet die beiden, die von nichts eine Ahnung hatten, beeinflussen.
Zum Autor: Gregor Sander (* 1968 in Schwerin) begann verschiedene Ausbildungen und Studiengänge, bevor er seine Berufung zum Autor entdeckte. Heute lebt er als solcher in Berlin. Er veröffentlichte bisher zwei Romane und zwei Erzählbände. Für „Winterfisch“ erhielt er den 3Sat-Preis des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs, den Preis der LiteraTour Nord und zuletzt 2013 den Deutschen Erzählerpreis. „Was gewesen wäre“ ist seine neueste Veröffentlichung.







