Fritz Guggenberger had some trouble with foreign languages but he still made himself the 13th of the 165 new second lieutenants in the regular naval officer branch.
Preziosen aus dem Südsee-Archiv: Das erste Interview von Linus Guggenberger beim FC Südsee
Gewohnt größenwahnsinnig und unübertroffen selbstreflexiv gab sich anno 2009 der damalige Neuzugang Linus Guggenberger bei seinem ersten Interview mit der Flaschenpost. Wir werfen einen Blick zurück auf einen schillernden Auftritt, den Guggenberger heute mit den Nebenwirkungen einer Vitamintherapie erklärt.
Guggenberger 2009 in seiner Lieblingstaverne in Montevideo: "Sie rauchen ja gar nicht!"
Zwischen Fehlpass und Feuilleton: Linus Guggenberger
Tumultartige Szenen erlebte der FC Südsee in den vergangenen Tagen. Die versammelte Journaille des Ball-und-Busen-Boulevards bestürmte den Verein nach dem schlechtesten Saisonstart mit Schmähungen wie "Erich Ribbeck-Gedächtnisfußball". Forderungen nach einem Rücktritt von Präsident Dr. Benjamin Braun wurden laut. Dieser intervenierte und rückte einiges aus dem Lot geratene in einem großen Gespräch mit Starreporter Vicente La Pluma wieder gerade. Dabei zeichnete der Präsident in gewohnt souveräner Manier ein differenziertes Bild der aktuellen Situation und erklärte die ungewohnten Startschwierigkeiten seiner Mannschaft unter anderem auch mit der zeitintensiven Integration vielversprechender Neuzugänge.
Ungenutzt blieb aufgrund der spitzen Feder la Plumas, die das sonst so kühle Blut Dr. Brauns arg in Wallung brachte, die Möglichkeit, auf die einzelnen Verpflichtungen näher einzugehen. Diesem Versäumnis möchte sich die Flaschenpost annehmen und in loser Folge die Südsee-Neulinge in ausführlichen Interviews vorstellen.
Den Anfang der Serie macht mit Linus Guggenberger einer der teuersten Einkäufe der Vereinsgeschichte. Die 22jährige Nachwuchshoffnung charakterisierte sich unlängst selbst als "klassische Zehn mit dem Laufpensum eines Sechsers". Außerhalb des Platzes überraschte er mit Einwürfen zur politischen Lage sowie mehreren feuilletonistisch inspirierten Artikeln zur Philosophie des Offensivfußballs.
Insider bemängeln hingegen seinen fehlenden Trainingsfleiß, berichten von Eskapaden im Stile eines George Best und sind erstaunt über die astronomische Summe, die der FC Südsee für die Verpflichtung von "Ángel rubio", so sein Spitzname während des Engagements in Argentinien, hingeblättert hat. Ein Vorstandsmitglied seines Ex-Klubs Fortuna Franzius erklärte gegenüber der Flaschenpost: "Wir sind hocherfreut über den Deal. Der Guggenberger ist fertig. In den letzten Spielen war sein Akku so leer wie die Magnum-Flasche Veuve Cliquot, die er stets am Abend vorher gesoffen hat."
Was also sieht der FC Südsee in Linus Guggenberger? Was sieht Präsident Dr. Braun in einem, der neben Galavorstellungen in Spiel und Sprüchen oft genug gleich einem umnachteten Nietzsche in kurzen Hosen über den Platz taumelt.
Wir haben Linus Guggenberger selbst gefragt. Während eines vereinsinternen Fotoshootings in Montevideo sprach er mit uns über Maradona, Martini und Max Frisch. Dabei versicherte er, dass er "jeden Cent der Ablöse wert" sei.
FlaPo: In der Freistoßmauer betrunken eingeschlafen, das Auto des Trainers ausgeliehen, um am Spieltag zur Buchmesse zu fahren und 17 gelbe Karten wegen Schiedsrichterbeleidigung: da blüht dem FC Südsee ja einiges, Herr Guggenberger.
Guggenberger: Ach Quatsch! Das ist ja alles kalter Kaffee. Auch ich bin reifer geworden. Wer mich kennt, weiß, dass ich mich insbesondere im Umgang mit den Unparteiischen mittlerweile rhetorisch einwandfrei verhalte.
FlaPo: Es sieht so aus, als ob Sie einen Vollbart über ihre Jugendsünden wachsen ließen. Trotzdem erklärten Sie erst vor kurzem, dass Sie Ihre besten Spiele unter Alkoholeinfluss abgeliefert hätten. Wo bleibt da bitte die Reife?
Guggenberger: Ich denke, dass gerade Sie als Journalist sich auf die Fakten konzentrieren sollten. Und wenn sie die Tatsachen betrachten, so sind ein direkt verwandelter Eckball und ein Heber aus 25 Metern nun mal zwei fußballerische Geniestreiche, aber zugleich auch das Ergebnis von einer Menge Wodka Martini.
FlaPo: Ganz ohne negative Folgen bleibt dieser Lebenswandel wohl nicht. Es heißt, Sie seien in den letzten Jahren vor allem aufgrund ihrer finanziellen Nöte durch die Fußballprovinz getingelt.
Guggenberger: Naja, ich halte es da mit George Best...
FlaPo: ...der gesagt hat, er habe viel Geld für Frauen, Alkohol und schnelle Autos ausgegeben, den Rest habe er einfach verprasst. Sie auch?
Guggenberger: Mit der Ausnahme, dass ich kein Auto habe.
FlaPo: Wie sind Sie dieser persönlichen Misere entkommen?
Guggenberger: Ich muss an dieser Stelle besonders Herrn Dr. Braun danken. Er hatte mich im vergangenen Jahr bei einem Spiel beobachtet und da ich ausnahmsweise einen guten Tag erwischt hatte, hat er mich nach dem Match angesprochen. Er sagte: "Linus, wenn du dich reinhängst, hole ich dich hier raus." Das war der Weckruf.
FlaPo: Wie würden Sie dann den geläuterten Linus Guggenberger beschreiben? Wer erwartet die Fans des FC Südsee?
Guggenberger: Mehmet Scholl mit kieferorthopädischer Behandlung, Netzer auf Speed oder Maradona mit Buch unterm Arm. Suchen sie sich's aus.
FlaPo: Das sind markige Wort für einen, der zuletzt bei fußballerischen Äquivalenten der Harlem Globetrotters nicht unbedingt geglänzt hat. Bei ihren Ex-Klubs Sergej Juran Swingers, Sporting Pöcker und Fortuna Franzius hält sich die Trauer über Ihren Abgang jedenfalls in Grenzen.
Guggenberger: Ich habe inzwischen gelernt, das vom Boulevard angeheizte Wechseltheater von der gerechten sportlichen Beurteilung gut zu unterscheiden. Der FC Südsee weiß, was er an mir hat. Und ich weiß, dass ich es kann. Ich verspreche der gesamten Schmierenjournaille hier und heute, dass Sie in dieser Saison einen Guggenberger erleben wird, der ihnen angesichts ihrer früheren Schmähungen die Schamesröte ins Gesicht treiben soll.
FlaPo: Sie spüren also nicht den Druck der hohen Ablösesumme, die der Verein für Sie überwiesen hat?
Guggenberger: Nein, ich bin überzeugt, dass ich jeden Cent der Ablöse wert bin.
FlaPo: Das ist eine Aussage, die man nach Ihrem bisher einzigen Auftritt im Spiel gegen Hajduk Berlin, getrost als Realitätsverweigerung bezeichnen könnte.
Guggenberger: Ach, hören Sie doch auf! Ich will keine Ausreden suchen. Natürlich habe ich mich da in die insgesamt schlechte Mannschaftsleistung nahtlos eingefügt. Aber selbst Sie dürften wissen, dass ich gegen die bärenstarken Kroaten auf einer für mich völlig ungewohnten Verteidigerposition eingesetzt wurde und so eine Notlösung darstellte, die das Problem nicht lösen konnte. Zudem habe ich beinahe die gesamte Vorbereitung verpasst und war zum Zeitpunkt der Partie ungefähr so gesund wie Sokrates nach dem Genuss des Schierlingsbechers.
FlaPo: Sie waren den Sommer über in einer Entzugsklinik!
Guggenberger: Ich gestehe, dass ich in den Wochen der Transferwirren einen Rückfall erlitten habe, den ich selbst nicht für möglich gehalten hätte. Aber wie jeder andere bin auch ich nicht vor der eigenen Inkonsequenz gefeit.
FlaPo: Solche Sätze steigern nun nicht unbedingt das Vertrauen in Ihre Qualitäten.
Guggenberger: Wissen Sie, mich selbst zu kennen, unterscheidet mich doch gewaltig von einigen Konkurrenten. Ich denke, die Verantwortlichen haben das ebenso erkannt, sonst hätten Sie ja jemand anders holen können.
FlaPo: Wo sehen Sie ihre spielerischen Stärken?
Guggenberger: Wie gesagt, ich verstehe mich durchaus als einen Spielgestalter mit großem Offensivdrang. Man läßt mir nach vorne alle Freiheiten, wenn ich auch defensiv engagiert zu Werke gehe. An dieser Vorgabe und einigen Toren werde ich mich messen lassen.
FlaPo: Aus Ihren Äußerungen spricht viel Optimismus. Wie beurteilen Sie insgesamt die Chancen des FC Südsee?
Guggenberger: Sehen Sie, es ist unser erstes Jahr in dieser Liga. Gehen wir vom Potenzial des Teams aus, werden wir einige Große ärgern können. Vor allem aber müssen wir versuchen zu werden, was Jogi Löw "eine schnelle Umschaltmannschaft" nennt. Mit der neuen Trainingsarena haben wir dafür den Grundstein gelegt. Jetzt muss jeder noch mehr tun, mehr Wille zeigen.
FlaPo: Sie gelten nicht gerade als einer, der fleißig seine Hausaufgaben macht. Vielmehr ist Ihr Satz "Ein Trainingsweltmeister werde ich keiner mehr!" überliefert.
Guggenberger: Wie oft denn noch? Ich bin reifer geworden und habe erkannt, dass nur steter Tropfen den Stein höhlt. Hier bietet sich die Chance zum Durchbruch und die will ich nutzen. In der Vorbereitung bin ich deshalb einen Marathon gelaufen, um mich auf die langen Wege, die ich als Mittelfeldmotor gehen muss, optimal einzustellen. Ich werde wahrscheinlich auch weiterhin kein Gras fressen, aber grätschen, was das Zeug hält.
FlaPo: Mit Gläser Grados besetzt allerdings ein Publikumsliebling und Urgestein des Vereins den Platz im zentralen Mittelfeld. Wie wollen Sie bitteschön an solch einem Spieler vorbeikommen, wo er sich doch zudem des Wohlwollens von Fachleuten wie Vicente la Pluma erfreut?
Guggenberger: Ich spiele nicht gegen Gläser Grados. Vielmehr glaube ich, dass wir als Duo harmonisch die Fäden im Südsee-Mittelfeld ziehen können. Jedenfalls sehe ich mich nicht als sein Konkurrent, allenfalls in der dritten Halbzeit...
FlaPo: Herr Guggenberger, als ausgewiesener Fußballphilosoph dürfte es für Sie kein Problem sein, uns zu beantworten, was denn nun besser ist: ein 5:4 oder ein 1:0?
Guggenberger: Nun ja, wenn Sie meine Abwehrleistung gegen Hajduk gesehen haben, dürfte sich die Frage erübrigen...
FlaPo: Linus Guggenberger ist also ein unbelehrbarer Stürmer und Dränger im Geiste Menottis?
Guggenberger: Zweifelsohne hänge ich eher einer offensiven Fußballkultur an. Allerdings möchte ich nicht verhehlen, dass die ungehemmte Offensive einer Mannschaft wie dem FC Südsee, die sich in einer neuen Liga erst orientieren muss, unangenehme und ungewünschte Konsequenzen bescheren mag. Außerdem sehe ich mich mehr als Stürmer und Dränger im Geiste von J.M.R. Lenz als in jenem Menottis.
FlaPo: Kann sich ein bezahlter Spieler solche Utopien überhaupt noch leisten?
Guggenberger: Beim FC Südsee kann man sich jedwede Art von Utopie leisten, auch im krisengeschüttelten Spätkapitalismus, das gefällt mir. Ich meine, der eine philosophiert über Voetbol Total, der andere phantasiert eine Nacht mit venezolanischen Bikinimodels herbei. Im Verein hat so jeder seine Utopie, auch unter uns aufgeklärten Fast-Akademikern.
FlaPo: Ein gutes Stichwort. Es wird stets behauptet, sie seien Teil dieser jungen Generation großer Talente, die sich neben ihrer fußballerischen Klasse auch einer ernstzunehmenden, intellektuellen Beweglichkeit rühmen könnten. Wie drückt sich diese für den Fußballfan ungewohnte Verbindung für Sie auf dem Platz aus?
Guggenberger: Ich lese sehr viel, samstags mit Vorliebe Spiele. Aber im Ernst: ein verzwicktes, intellektuelles Problem gleicht einer komplexen Spielsituation; eine fixe, kreative Idee, ein tödlicher Pass oder ein erhellendes Argument löst alles.
FlaPo: Allerdings stehen die üblichen Vertreter des Spielertyps "Mit Fuß und Kopf" im Ruf, eher einfache und ehrliche Fußballarbeiter wie Beck und Hitzlsperger zu sein, die selten durch technische Brillanz glänzen. Sie hingegen nennen sich einen Rastelli, pflegen einen Hang zum Exzessiven. Wenn ich mich recht erinnere, sind das jedoch eher Instinktfußballer wie Gascoigne oder Maradona, die man getrost als geistigen Fußgänger beschreiben könnte:
Guggenberger: Ich halte es da, wie sehr oft übrigens, mit Nietzsche. Der hat einmal gesagt, dass Langeweile die Windstille der Seele sei. Und über mich kann ich nur sagen, dass ich stets mit sturmgepeitschter Seele spiele.
FlaPo: Aber was reizt einen jungen Mann wie Sie überhaupt an der allsamstäglichen Chance auf einen Kreuzbandriss, einer Gefahr, der Dribbelkünstler wie Sie häufig ausgesetzt sind.
Guggenberger: Natürlich gibt es Tage, an denen ich wenig Lust aufs Spielen verspüre, auch wegen des ständigen Medientheaters. Da wünsche ich mich durchaus in die Rolle eines "Homo Faber", den Max Frisch einsam schreibend in der Wüste sitzen lässt. Allerdings ist es noch nicht soweit mit mir wie mit Frischs Stiller, der sich eine Zweitidentität zulegt. Dafür reizt mich die Unvorhersehbarkeit des Spiels viel zu sehr. Und daran können auch ihre ständigen Sticheleien gegen "Studentenfußball" oder ähnliches nichts ändern.
FlaPo: Ich sehe, Sie stehen Ihren Vereinskollegen sowie dem Vorstand in puncto Medienschelte in nichts nach. Herr Guggenberger, vielen Dank für dieses Gespräch.