"Demüthige Bittschrift" von Katharina Henzi-Malacrida an den Berner Rat, 1749.
Katharina Henzi-Malacrida und die Söhne Samuel Henzis: Die Bittschrift und der Wandel einer Familie im politischen und sozialen Kontext (1749–1849)
Autorin: Raissa Ruchti Erstellt: 15. November 202
Die Bittschrift von Katharina Henzi-Malacrida als rhetorisches und politisches Instrument der Machtverhandlung im 18. Jahrhundert
Untersucht werden die Bittschrift von Katharina Malacrida, der Ehefrau Samuel Henzis, und der Lebensweg ihrer Söhne nach seiner Hinrichtung. Die Analyse erfolgt vor dem Hintergrund der politischen und sozialen Verhältnisse des 18. Jahrhunderts. Fragestellungen: Wie manifestieren sich Unterwerfung und Subversion in Katharina Henzi-Malacridas Bittschrift? Welche Bedeutung hat die Bittschrift als Quelle im Kontext der politischen und sozialen Dynamiken des 18. Jahrhunderts? Wie prägte die Flucht ins Exil nach Holland das Schicksal von Henzis Familie? Bittschriften oder Beschwerden (Gravamina), auch Suppliken2 genannt, waren Anträge an die Obrigkeit, in denen auf Missstände hingewiesen oder persönliche Anliegen vorgetragen wurden. Sie ermöglichten es der Bevölkerung, unabhängig vom sozialen Status, auf Probleme aufmerksam zu machen und um Hilfe oder Gnade zu ersuchen. Suppliken können als politisches Instrument betrachtet werden, das dazu dient, bedeutende politische Funktionen zu erfüllen. Die Bittschrift von Katharina Henzi-Malacrida aus dem Jahr 1749, angesichts der drohenden Hinrichtung ihres Ehemannes Samuel Henzi verfasst, ist ein bemerkenswertes Zeugnis der politischen Kultur des 18. Jahrhunderts. Sie dient nicht nur als persönliches Gnadengesuch, sondern reflektiert auch die komplexen Interaktionen zwischen Untertanen und Obrigkeit sowie die geschlechtsspezifischen Normen jener Zeit.
Das Gnadengesuch: Strategien der Legitimation und Emotionalisierung Malacrida beginnt ihre Supplik mit ehrerbietenden Anreden wie ‚Hochwohlgeborne‘ und ‚Hochgeachte‘, wodurch die soziale Hierarchie und die Autorität der Adressaten betont werden. Solche formelhaften Anreden waren typisch für Bittschriften und dienten dazu, die eigene Unterordnung zu signalisieren. Die Selbstbezeichnung als „höchstbetrübte Ehefrau“ und der Verweis auf „unaufhörliche Thränen“ erzeugen ein emotionales Bild, das auf das Mitgefühl der Obrigkeit abzielt. Die Darstellung persönlicher Not war ein bewährtes Mittel, um die Erfolgsaussichten eines Gesuchs zu steigern. Die gezielte und strategische Formulierung der Anliegen bildet ein charakteristisches Merkmal dieser Quellengattung. Die strategische Artikulation der Bitte (Petition) erfolgt im Hauptteil der Supplik, in dem die Petentin zwei zentrale Forderungen vorbringt: die Verschonung ihres Mannes vor einer grausamen Hinrichtungsart und die Rückgabe seines Leichnams zur Beisetzung auf eigenem Grund. Sie ersucht um eine „Beerdigung in Stille und auf eigenem Erdreich.“ Diese Bitten sind präzise und in einer demütigen Sprache verfasst, was den damaligen gesellschaftlichen Konventionen entsprach. Durch die Vermeidung direkter Kritik und die Betonung von Demut und Loyalität versuchte sie, die Gunst der Obrigkeit zu erlangen. Am Ende der Bittschrift versichert sie, für das Wohlergehen der Obrigkeit zu beten – ein Ausdruck, der zugleich als strategische Geste der Loyalität und als performative Inszenierung von Demut gesehen werden kann. Solche Dankesformeln waren üblich und dienten dazu, eine symbolischeReziprozität herzustellen, die die Adressaten moralisch in die Pflicht nahm.
Die Supplik als politisches Instrument
Die Bittschrift von Katherina Henzi-Malacrida zeigt, wie Untertanen in der Frühen Neuzeit versuchten, durch sorgfältig konstruierte Schreiben Einfluss auf Entscheidungen der Obrigkeit zu nehmen. Die Wahl einer demütigen Sprache und die strategische Emotionalisierung spiegeln die gesellschaftlichen Erwartungen wider, insbesondere an Frauen, die ihre Anliegen in einer Weise vorbringen mussten, die den patriarchalen Normen entsprachen. Solche Suppliken waren nicht nur Ausdruck persönlicher Bitten, sondern auch ein Mittel, um innerhalb der bestehenden Machtstrukturen zu agieren und um in einigen Fällen eine öffentliche Wirkung zu erlangen. Nach Rita Voltmer und Shigeko Kobayashi fungierte das Bitten und Begehren in all seinen phänomenologischen Ausprägungen – von der individuell-privaten Bittschrift eines Leibeigenen bis hin zu den kollektiven Suppliken von Bürgerschaften und Gemeinden – als fundamentale Praxis im Alltag der Frühen Neuzeit. Es diente der wirtschaftlichen, rechtlichen und politischen Regulierung und fungierte als «Instrument obrigkeitlicher Kontrolle und Supervision», wodurch es wesentlich zur Stabilisierung des politischen Gefüges beitrug. Somit gilt das Supplikationswesen als zentraler Kommunikations- und Informationskanal zwischen Obrigkeit und Untertanen, das nach Schennach Einblicke in die Volkseele geben kann. Gawthrops Rezension zu Andreas Gestrichs Analyse in Absolutismus und Öffentlichkeit: Politische Kommunikation in Deutschland zu Beginn des 18. Jahrhunderts zeigt, dass offizielle Feste, Hinrichtungen oder die Verkündung von Dekreten den Massen bedeutende Gelegenheiten boten, sich politisch wirksam auszudrücken. Gestrich analysiert darin, wie solche öffentlichen Zeremonien und Veranstaltungen als Plattformen dienten, auf denen verschiedene gesellschaftliche Gruppen ihre politischen Ansichten artikulieren und Einfluss auf die öffentliche Meinung nehmen konnten. Diese Ereignisse boten nicht nur der Obrigkeit die Möglichkeit, Macht und Autorität zu demonstrieren, sondern ermöglichten es auch den einfachen Bürgern, durch Teilnahme, Beobachtung und manchmal auch durch Protest ihre politischen Haltungen zum Ausdruck zu bringen. Somit spielten sie eine entscheidende Rolle in der politischen Kommunikation jener Zeit. Es erscheint plausibel, dass ähnliche Prozesse sowohl in der Schweiz als auch im gesamten europäischen Raum, insbesondere in Frankreich, wirksam waren. So scheinen absolutistische Regierungsformen dynamischer und fragiler, als es häufig angenommen wird. Die Legitimität absolutistischer Regime war nicht selbstverständlich und konnte nicht einfach durch symbolische Repräsentation aufrechterhalten werden. Stattdessen handelte es sich um einen interaktiven und kontinuierlichen Prozess, der letztlich den Übergang vom Absolutismus zum modernen Staat einleitete. Gestrich führt weiter aus, dass die moderne Öffentlichkeit nahezu ein Jahrhundert früher entstand, als Habermas es postulierte. Dabei sei sie nicht primär als Gegenbewegung zum Ancien Régime zu betrachten, sondern vielmehr als ein Produkt, das sich aus den bestehenden Strukturen und Dynamiken des Ancien Régime heraus entwickelte.
Von der Bittschrift zur Petition: Die schriftliche Kommunikation als Spiegel politischer Kultur und gesellschaftlicher Transformation Die Praxis des Verfassens von Petitionen und Briefen durch Untertanen an ihre Herrscher ist ein universelles Phänomen, das in unterschiedlichen politischen Systemen und historischen Kontexten eine zentrale Rolle gespielt hat. Solche schriftlichen Kommunikationsmittel wurden beispielsweise im frühneuzeitlichen Hessen-Kassel unter Kurfürst Friedrich Wilhelm II., im Persien des 19. Jahrhunderts unter dem Schah,19 im Zarenreich Russlands bis hin zur Sowjetunion sowie im Osmanischen Reich seit dem 18. Jahrhundert eingesetzt. Der Historiker Lex Heerma van Voss beschreibt das schriftliche Bitten und Begehren als eine universelle menschliche Erfahrung und ein weltweit verbreitetes politisches Instrument. Ute Frevert hebt hervor, dass Kommunikation ein grundlegendes Merkmal jedes politischen Systems darstellt, wobei der Grad an Offenheit und Eindeutigkeit variiert. In Gesellschaften, die keine anderen Formen politischer Partizipation kannten, boten Petitionen oft eines der wenigen Mittel, um Meinungen und Anliegen zu artikulieren. Selbst Nichtschreibkundige in Mitteleuropa der Frühen Neuzeit investierten ihre knappen Ressourcen, um professionelle Schreiber zu beauftragen, ihre Bitten in akzeptabler Form niederzuschreiben. Bittschriften repräsentierten nicht nur individuelle Interessen, sondern trugen auch zur Herausbildung moderner Staatlichkeit bei, indem sie den Umgang mit dem Gnadenrecht der Herrschenden thematisierten und somit die Funktion und Legitimation von Macht reflektierten. Artlette Farge und Michel Foucault betonen, dass Gnadensuppliken ein Mittel darstellten, um innerhalb autoritärer Strukturen Handlungsspielräume zu eröffnen. Im Frankreich des 18. Jahrhunderts wurden Briefe an den König beispielsweise genutzt, um familiäre Konflikte zu lösen oder rebellische Familienmitglieder zu disziplinieren. Wie Farge und Foucault zeigen, wurde durch diese Praxis das Privatleben zur Angelegenheit des Staates. Mit der Entstehung einer modernen demokratischen Rechtsstaatlichkeit verlor die Bittschrift scheinbar an Bedeutung. Dies hängt möglicherweise mit der politischen Entwicklung Mitteleuropas zusammen, in der die Aufklärung, die Demokratisierung sowie die Etablierung einer öffentlichen Meinung und der privatrechtlichen Freiheit als abschliessende Ziele betrachtet wurden. Mit der Herausbildung der bürgerlichen Gesellschaft und dem Machtstreben des Bürgertums gewannen Petitionen an Bedeutung. Sie wurden in zahlreichen europäischen Verfassungen verankert und etablierten sich als bedeutendes Instrument gesellschaftlicher Partizipation, Demonstration, Konfliktlösung und Herrschaftslegitimation. Petitionen reflektieren dabei nicht nur individuelle Anliegen, sondern auch umfassendere gesellschaftliche und politische Entwicklungen. Ihre Analyse bietet wertvolle Einblicke in die historische und gegenwärtige politische Kultur. Besonders die Vormoderne und das 19. Jahrhundert offenbaren die zentrale Bedeutung der Petition für die Dynamiken von Macht, Gesellschaft und individueller Teilhabe. Petitionen dokumentieren dabei nicht nur die Bestrebungen einzelner, sondern auch die Transformationen ganzer Gesellschaften und die Entwicklung moderner Staatlichkeit bis in die Gegenwart. Nach Andreas Würgler lässt sich festhalten, dass die Methode der Repräsentation und Beteiligung durch Gravamina bereits im späten Mittelalter entstand und sich in der Frühen Neuzeit in ganz Europa verbreitete. Gemäss Charles Tilly haben politische Demonstrationen und das Unterschriftensammeln für Petitionen eine lange Geschichte, die bis zu den frühneuzeitlichen Formen des sozialen Protests zurückreicht und sind keine Neuerung der Französischen Revolution.
Quellenkritik
Die Quellengattung der Bittschrift liefert wichtige Erkenntnisse zur Alltagsgeschichte der Frühen Neuzeit und gibt Auskunft über die Schriftlichkeit bzw. den Zugang zur Schriftlichkeit der Supplizierenden. Im Fall der Bittschrift von Katharina Henzi-Malacrida handelt es sich um ein authentisches Original. Es lässt sich nicht abschliessend belegen, ob sie diese selbst verfasst hat oder ob sie möglicherweise die Unterstützung eines Schreibers in Anspruch nahm. Festzuhalten ist jedoch, dass im Verlauf des 18. Jahrhunderts in der Analyse von Bittschriften eine klare Tendenz zur Zunahme eigenhändig verfasster Schreiben erkennbar ist. So gibt es auch zahlreiche Bittschriften, die den Schulbesuch betreffen. Somit dienen sie auch als zentrale Quellen für die Geschichte der Bildung, in einer Zeit, die in dieser Hinsicht nur spärlich erschlossen ist. Für die Geschlechtergeschichte sind essenzielle Quellen, da sie einzigartige Einblicke in die mikrohistorischen und geschlechterspezifischen Perspektiven der Supplikanten gewähren und somit zur Erforschung der Geschlechterrollen der Frühen Neuzeit erheblich beitragen. Würgler hebt den hybriden und selektiven Charakter dieser Quellengattung hervor, die sowohl Unterwerfung und Widerstand impliziert.
Im polyphonen Klang der Geschichte: Die Henzi-Familie zwischen Macht, Ohnmacht und der Flucht ins Exil
Die Perspektive der Unterdrückten, die Strategien der Anpassung und der Widerstand gegen bestehende Strukturen werden durch die polyphone Geschichtsschreibung der Henzi-Verschwörung sichtbar gemacht. Dies ermöglicht es, die vielschichtige Wirkungsmacht von Individuen und Familien im grösseren politischen Gefüge zu erfassen und verdeutlicht, wie Geschichte von Stimmen geprägt wird, die oft im Hintergrund bleiben. Die Bittschrift von Katharina Henzi-Malacrida vereint persönliche, politische und moralische Perspektiven. Sie spricht als Witwe und Mutter, appelliert an die Obrigkeit und reflektiert gesellschaftliche Normen des 18. Jahrhunderts. Zudem trägt sie die unausgesprochenen Stimmen ihrer Kinder und den historischen Kontext in sich, wodurch sie vielschichtig und mehrstimmig wirkt.
Zusammenfassend verknüpft die Analyse der Bittschrift und des familiären Werdegangs die Mikrogeschichte der Henzi-Familie mit den makrohistorischen Entwicklungen ihrer Zeit und demonstriert, wie polyphone Geschichtsschreibung diese vielschichtigen Zusammenhänge sichtbar macht. Nach dem Verfassen der Bittschrift floh Katharina Henzi-Malacrida mit ihren Söhnen aus Bern. Adligen Witwen wurde die Vormundschaft für ihre Kinder häufig selbst zugesprochen. So floh Katharina Malacrida-Henzi allein mit ihren Kindern ins Exil in die Niederlande, wo sie zwei Jahre später starb. Rudolf Samuel Henzi, Henzis ältester Sohn aus erster Ehe wurde durch die Bemühungen seines väterlichen Freundes, Samuel Koenig, am Hof von Prinz Wilhelm V. in Den Haag angestellt und leitete dort die Ausbildung von höheren Beamten. Als Rudolf Samuel Henzi aus dem Dienst des Statthalters entlassen wurde, floh er in die Schweiz zurück, da man ihn der Spionage beschuldigte. Ludwig Niklaus Henzi diente als Oberst im österreichischen Militär. Im Jahr 1849 wurde sein Sohn Heinrich Henzi zum Generalmajor ernannt und fiel in Ofen als Held. Samuel Henzis Erbe bleibt ein Sinnbild für die Werte von Gerechtigkeit und Freiheit und ist ein prägendes Vermächtnis der Geschichte, das bis in die Gegenwart hineinwirkt.
General Heinrich Hentzi von Arthurm, Josef Kriehuber, Lithografie, 1849.
Graf Franz Philipp von Lamperg, Theodor Baillet de Latour, Heinrich Hentzi von Arthurm, Freiherr Karl von Kopal, Graf Eugen Zichy Vásonykeö (v.l.n.).
Der Heldentod General Heinrich Hentzy's von Arthurm, Franz L' Allemand, Öl auf Leinwand. 1850.
Katharina Henzi-Malacrida und die Söhne Samuel Henzis: Die Bittschrift und der Wandel einer Familie im politischen und sozialen Kontext (1749–1849) · Bern 1749 · DH@UNIBE Omeka











