David Hume und seine Bedeutung für die moderne VWL
Von David Hume stammt die Einsicht, dass der Mensch weder Ursache noch Wirkung eines Vorgangs oder eines Gegenstandes nur aus seiner Vernunft ableiten könne, sondern dabei stets auf seine Erfahrung angewiesen sei. Und mehr noch: Da aus Erfahrung niemals die absolute Gewissheit folgen könne, dass sich die Beobachtungen auch in Zukunft genau wie zuvor wiederholen werden, sind alle absoluten Aussagen über Ursache und Wirkung null und nichtig.
Das allerdings wirft ein sehr kritisches Licht auf die Methoden der modernen Volkswirtschaftslehre, ist diese doch rein der Deduktion verhaftet: Aus einer Reihe von Annahmen werden mittels vorausgesetzter Wirkungszusammenhänge in einem Modell Ergebnisse abgeleitet; oder, wie Hume sagen würde, der eigentlich zu untersuchende Gegenstand, nämlich der Wirkungszusammenhang, wird bereits vorausgesetzt! Welchen Erkenntnisgewinn kann nun aber eine solche Vorgehensweise bringen, außer dem einen: Herauszufinden, was eigentlich in den Annahmen steckt, mit denen man arbeitet (was in der Tat der Sinn der Deduktion ist).
In der aktuellen, anhaltenden Finanzkrise sollte sich die ökonomische Wissenschaft wieder verstärkt einer Tradition zuwenden, die es tatsächlich schon mal gegeben hat, die jedoch vom deduktionistischen Mainstream beiseite geschoben wurde: Die sogenannte historische Schule der Volkswirtschaftslehre.
Natürlich hatte diese einige Eigentümlichkeiten; von Belang aber bleibt ihr Ansatz, Wirtschaftsprozesse induktiv, also erfahrungsbasiert zu analysieren. Ein solches Verfahren - auch wenn es die hohen Erwartungen der Öffentlichkeit enttäuschen mag - erhöbe eben nicht den Anspruch, vermeintlich eindeutige, um mit Hume zu sprechen: pseudo-faktische Ursache-Wirkungsbeziehungen aufzustellen, sondern bescheiden anzuerkennen, dass Wirkungsmechanismen im komplexen Geflecht von Interaktionen zwischen den Wirtschaftssubjekten bestenfalls zumeist bestimmten Gewohnheiten folgen - aber auch nicht mehr. Diese Bescheidenheit ist nichts weiter als die notwendige Folge insbesondere in den Geisteswissenschaften aus Humes Philosophie, dass all die "Ideen" unseres Verstandes [die volkswirtchaftlichen Modelle] stets nur auf unseren "Eindrücken" [die beobachtbaren Tatsachen] beruhen können, und als solche keinen eigenen, unverrückbaren Wahrheitsanspruch erheben können.
Tatsächlich gibt es eine Disziplin innerhalb der Volkswirtschaftslehre, die einen solchen, bescheidenen Ansatz verfolgt: die Evolutionsökonomik. Ihr Bestreben ist es, bestimmte Muster menschlichen Wirtschaftens im Geschichtsablauf zu identifizieren und auf mögliche Entwicklungspfade von Märkten und Austauschprozessen zu schließen. Explizit verfolgt sie dabei ebensowenig den typisch gleichgewichtsorientierten Analyseansatz der deduktiven Forschung, wie sie auch Ausnahmen von der Regel nicht nur anerkennt, sondern sogar als Erkenntnisgewinn einstuft. Eine Disziplin also, die von der Beobachtung versucht, auf eine Theorie zu schließen, und nicht umgekehrt - klassische Induktion, eben.
Die Volkswirtschaftslehre des 21. Jahrhunderts hat einige Hausaufgaben zu machen, wie bereits der Post zum offenen Brief von VWL-Studenten unten zeigt - höchste Zeit, dass sie angepackt werden!
(Vgl. Hume, David: "Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand", insbes. Abschnitte 4 und 5)
[geänderte Fassung vom 12.09.2012]