Durch akustische Untersuchungen am Material Stein entwickelt Ingo Schulz mit dem kostbaren Stein Black Ebony seine Klangskulpturen. Die idiophonen Skulpturen benötigen nur einen kleinen Impuls von außen, der sie auf spezielle Weise elektrisch anregt und dadurch erklingen lässt. Auf der hellen Kiesfläche des Japangartens werden fünf schwarze Klangkörper, naturbelassene Fragmente aus einem Steinbruch in Schweden, exakt platziert, um dort optisch wie akustisch mit dem Garten in einen Dialog zu treten.
56°23‘55 N 14°15‘90 E
19.06.–24.06.2012
Klangkunst im Japangarten
Kunstmuseum Wolfsburg
Waldstück Op.1
Dennis Graef, Eunhye Hwang, Gudrun Lischkewitz, Christoph Metzger, Ingo Schulz, Walter Zurborg
Waldstück op. 1 - der Name ist Programm - eine an Zitaten reichen Komposition, die als Partiturskizze niedergeschrieben und deren 12-minütiger Verlauf präzise gestaltet ist. Ein komponiertes Werk, das in Erinnerung an John Cage 4'33" den mittleren Teil als stilles Werk in klirrend kalter Landschaft eingebettet hatte.
Ironie des Schicksals: Während der Probe donnerte ein italienischer Sportwagen der Marke Lamborghini Gallardo lautstark über die Bundestraße, und er wurde von den ersten Zuhörern als Teil des Stückes empfunden. Insgesamt war Waldstück op. 1 als Installation für die Dauer von ein paar Stunden angelegt. Vier bewegliche Jagdhochsitze - auf ihnen waren die Teilnehmer der Performance platziert - fungierten als mobile musikalische Räume in typischer kammermusikalischer Anordnung etwa eines Streich- oder Hornquartetts. Als Instrumente dienten Spielzeugkettensägen mit elektronischen Schaltungen als Impuls- und Geräuschgeber. Zufällig und gezielte Steuerungen dominierten das Geschehen, das mit Spiralfedern, Resonatoren, Effektgeräten und Kofferverstärkern die Elektronik als Zufallsgenerator nutzte. Arbeiten an elektronischen Systemen provozierten die Kunst des Kurzschlusses. Waldstück op. 1 wurde zum Universum im Kleinen, eine All Music. Die Aktion wurde von einem szenischen Ablauf bestimmt, seine Elemente - Bewegen, Beobachten, Hören, Erzeugen, Verklingen, Erinnern - wurden von den Musikern mit ihren modifizierten Klang- und Geräuscherzeugern gestaltet. Die Landschaft wurde zur Klangfläche, deren Zentrum bei dem als Waldarbeiter gekleideten Dirigenten lag. Er leitete das Stück durch Bewegungen mit einer Wiederhopfharke, die Spuren und Einschreibungen auf gefrorenem Feld hinterließen. Heben, Senken und Schleifen der Harke galten als Anweisungen. Eine Zeitstrecke wurde abgeschritten und hinterließ eine Spur. Der Waldarbeiter/Dirigent näherte sich einer schlanken weißhaarigen Bäuerin, die das Feld absurderweise mit einem Metallbesen von Laub, Stroh und Ästen befreite. Eine Aussaat im Winter wurde vorbereitet. Alles Vollzug sich auf geöffneter Scholle, die bereit war für weitere Arbeitsschritte. Dabei wurde das Areal von ca. 20.000 qm zur Fläche der klanglichen Szene und zur Partitur. Einschreibung und Ereignisse entstanden als Folge.
Historisch gesehen steht Waldstück op. 1 in der Tradition von Land-Art-Arbeiten, die zwischen 1968 und 1973 in den USA entstanden. Vor em Hintergrund industriell betriebener Ausbeutung natürlicher Rohstoffe wird die Ressource Natur in ihrer romantisch geprägten Perspektive neu erfahren. Das Bäumepflanzen als Ritual wird durch Waldstück op. 1 künstlerisch kommentiert. Einschreibungen in die Landschaft sind als Kritik am Kunst- und Musikbetrieb zu verstehen, deren Inhalte in die Konzeption eingeflossen sind. Natur bietet mehr als die bekannten Idyllen des 19. Jahrhunderts nämlich den Stoff zur kulturgeschichtlichen Reflexion, zum Stellenwert historischer Perspektiven, die Teil der Komposition sind.
Im hörbaren Schatten des Baumes
Ilka Theurich, Jörg Hufschmied, Frank Hühnerbein, Frank Hartz, Ingo Schulz, Ulrich Eller
"Im hörbaren Schatten des Baumes"
Eine Klangskulptur für den Garten des Barkenhoffs, Worpswede 2003
Im zentralen Bereich des Gartens, vor der bekannten Fassade des Barkenhoffs, steht eine betagte, große Esskastanie. Ihre Höhe und die weit ausladenden Äste entsprachen genau der räumlichen Ausdehnung, die wir als akustischen Raum erfahrbar machen wollten. Diese Verwandlung eines Baumes in einen Klangraum sollte übergangslos und ohne aufwändige optische Bemühungen entstehen, einfach durch die räumliche Nähe zum Gegenstand beim Vorbeilaufen und beim zufälligen Eindringe in den hörbaren Bereich der Klänge.
Die technischen Installationen entsprechen daher nur den Notwendigkeiten der Übertragung unserer Sounds und der Haltbarkeit gegenüber den Witterungseinflüssen: In Klarsichtfolie verschnürte kleine Lautsprecher und Kabel als Wegnetz zu den einzelnen Klangquellen. Die Lautsprecher hängen wie Früchte im Baum und werden nach und nach sichtbar beim Zuhören unter der Esskastanie.
Natürlich hat die Esskastanie im Garten des Barkenhoffs klangkunsthistorische Vorbilder, der Baum als modifizierter Klangraum ist nicht unsere Erfindung. Begeben sich die Hörer unter das Blätterdach, so werden die Besonderheiten unseres Klangraums allerdings deutlich.
Zwei völlig unterschiedliche Geräusche sind gleichzeitig hörbar: Eine Art natürliches Knacken bewegt sich permanent und unvorhersehbar in schnellem Wechsel durch die gesamte Ausdehnung des Baumes und wird ergänzt durch ein stationäres, aber mit einer Bewegung versehenem Dauergeräusch in der Baumkrone. Beim entspannten Zuhören entsteht der Eindruck, als ob sich der Baum in seiner Höhe erweitert, wie bei einem langsamen stetigen Wachstum.