Der 58-Jährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand
Jeff Widener mit seinem wohl berühmtesten Foto, dem "Tankman".
Die meisten Menschen kennen sicherlich das sogenannte „Tankman“-Foto, auf dem sich ein Unbekannter chinesischen Panzern in den Weg stellt. Das Ganze geschah im Juni 1989 auf dem Tian'anmen-Platz (Platz des Himmlischen Friedens) in Peking und beeinflusste unter dem Schlagwort „Die Chinesische Lösung“ auch die Protestbewegung in der DDR.
Weniger bekannt ist der Mann hinter der Kamera: Jeff Widener. Das Leben des Fotografen ist geprägt von seltsamen Zufällen, unglaublichen Ereignissen und „Wundern“, wie er es nennt.
Wie in dem Bestseller-Roman „Der Hundertjährige der aus dem Fenster stieg und verschwand“ führte Wideners Lebensgeschichte ihn in Krisensituationen und in prominente Gesellschaft, ohne dass er das wirklich beabsichtigte.
Obwohl er behauptet, dass ihm alle guten Dinge im Leben nur durch Zufall in den Schoß gefallen seien und er dafür gar nichts getan habe, wirkt er nicht gerade wie ein passiver Feigling. So stellte er sich in seinem Vortrag an der Ohio University dar. Für ihn war es einfach ein Job, der erledigt werden musste.
Er fotografierte beispielsweise Lady Diana und Margaret Thatcher.
„Ich fotografiere Bilder nicht, ich fühle sie.“
Nur mit Glück schloss er die Schule ab und das Fotografiestudium brach er ab, weil er die Kurse nicht bestanden hatte. Jeff Widener brauchte scheinbar keine Ausbildung. Er ging seinen eigenen Weg und entwickelte seine eigene Philosophie.
„Ich fotografiere Bilder nicht, ich fühle sie.“ Ihn interessiert nicht die faktische Abbildung der Realität. Er versucht immer eine Reaktion beim Betrachter der Bilder zu provozieren. Immer haben die Aufnahmen etwas Besonderes, ein Detail, was nur exakt in diesem Moment an diesem Ort existiert. Sei das ein General, der sich die Nase kratzt, oder die Kamera eines anderen Fotografen im Bild.
Ein wenig nostalgisch wird er, als er über die Vergangenheit der Pressefotografie redet. Er vermisst die großen, qualitativ hochwertigen Titelbilder der Zeitungen der 70er und 80er und die Romantik der Dunkelkammer. Heute ist alles online.
Außerdem stört ihn das immer komplizierter werdende Urheberrecht für Fotos.
„Wir werden keine Bilder von zukünftigen Generationen haben“.
Jeder fotografiert 24 Stunden am Tag aber keiner möchte sich mehr fotografieren lassen. In seinem Leben zögerte Widener nie abzudrücken, selbst wenn ihm sechs skrupellose Rote Khmer in Kambodscha gegenüber standen. "Sehe ich etwa schüchtern aus?" Er kaufte einfach jedem von ihnen ein paar Schuhe bei einem Straßenhändler.
Romane wie den "Hundertjährigen" könnte man mit Wideners abstrusen Geschichten füllen, besser wahrscheinlich Bildbände. Eindrucksvoller könnte eine Biografie kaum illustriert sein.