Lektüren im Sommer - Von starken Newcomern bis zu Neuentdeckungen
In diesen Sommermonaten (also Juni bis August 2025) bot die Belletristik einige spannende Bücher aus dem thematischen Kontext LGBTQIA+. Aber losgelöst von dieser prägnanten und stärker in den Fokus gerückten Thematik beschäftigen sich die Autor:innen aus den USA, Italien, Irland, Österreich und Deutschland in ihren Romanen auch mit ganz universellen gesellschaftlichen Fragen wie Konfrontationen im menschlichen Zusammenleben, dem Umgang mit Minderheiten (sowohl konfessionell als auch in Bezug auf die Herkunft, Sexualität und politisch/gesellschaftlich allgemein) sowie der fremden oder eigenen Vergangenheit, Engstirnigkeit, Durchlässigkeit von Erinnerungen, Trauerprozessen, Einsamkeit, Schein und Sein oder auch Heimlichtuerei sowie stiller Akzeptanz, kleinen Heldentaten, Zusammenhalt, Unterstützung und (ausgeschlagener) Hilfe. So viele Themen passen in zu Teilen schmale Romane und finden ihren Ausdruck in oberflächlich verspielt poetischer und teils trockener bis harter und in jedem Fall besonderen, individuellen Sprache, welche keine KI nachahmen könnte und auch nur durch die Arbeit von sehr guten Übersetzer:innen aus anderen Ausgangssprachen in die deutsche gelingen kann.
In der Überschrift angekündigt sind Getrennte Räume von Pier Vittorio Tondelli (Gutkind-Verlag; Ü Hinrich Schmidt-Henkel; Neuauflage der EA von 1993), Öffnet sich der Himmel von Seán Hewitt (Suhrkamp; Ü Stephan Kleiner), die beiden Longlist-Nominierten (des deutschen Buchpreises 2025) Mein Vater, der Gulag, die Krähe und ich von Kaska Bryla (Residenz Verlag) und Wachs von Christine Wunnicke (Berenberg) sowie die beiden US-amerikanischen Romane Cinema Love von Jiaming Tang (Klett-Cotta, Ü Nicolai von Schweder-Schreiner) und Der Kaiser der Freude von Ocean Vuong (Hanser Verlag, Ü Nikolaus Stingl und Anne-Kristin Mittag). Jiaming Tang bringt chinesische und Vuong eine vietnamesische Herkunft mit – und beide werfen durch die Augen ihrer Protagonisten sehr hoffnungslose Blicke auf ihre erlebte Welt – sowie ihre Distanz wie symbiotisch damit verknüpfte biographische Nähe zur eigenen Heimat. Diese Ambivalent wird durch den stets von außen gewahrten Emigrantenstatus in den USA gefestigt und scheint schwer bis gar nicht durchdringbar zu sein. Tangs Protagonisten verzweifeln in der Armut während Vuongs Erzählfigur - der höchst intelligente und gebildete Hai - unabwendbar in der Drogensucht versinkt und ganz alleine ums Überleben kämpft. Hinzu treten Traumata ganzer Generationen und unbewältigte Konflikte im Inneren und Äußeren – als Kulisse und als Kern. Das ernüchternde daran ist aber, dass die beiden mit vielen Preisen beehrten Autoren ebenso wie der als Poet bereits anerkannte Hewitt zu einer jüngeren Autorengeneration Anfang und Mitte 30 angehören. Viel Optimismus ist hier nicht zu erkennen – aber ein großer Überlebenswille und ein Blick für die kleinen Freudenmomente, welche letztlich doch das Weiterleben rechtfertigen.
Auch Leo, der ruhelose Protagonist des Romans vom italienischen Autor Pier Vittorio Tondelli (erstmals veröffentlicht 1993 und nun zum 70. Geburtstag des 1991 verstorbenen literarischen Aktivisten neu durchgesehen) führt ein Leben voller Hoffnungslosigkeit und Trauer. Sein langjähriger Partner Michael stirbt und Leo bleibt auf dessen Wunsch schon zuvor bewusst auf Distanz. Nach dem Tod seines Freundes trauert der Künstler um den Pianisten, mit welchem er eine Fern-Beziehung führte und den er nun schmerzlich vermisst. Tondelli teilt seinen Roman in musikalische Sätze auf und er (wie auch sein Übersetzer) erschafft einen poetischen, traurigen und zutiefst menschlichen und politischen Text. Zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit wechselnd fühlt der Leser die wilden Partyzeiten des nun so zurückgezogenen, vor den Bekannten nahezu Flüchtenden, mit.
„Von Anfang an hatte er gewusst, dass er nie »alles« für ihn würde sein können. Daher nannte er ihre Beziehung »getrennte Räume«. Er lebte die Verbindung zu Thomas, als wüsste er in seinem Innersten, dass sie früher oder später voneinander ablassen würden. Das Getrenntsein war eine Grundkonstante ihrer Liebe, ebenso wie die Anziehung, das Wachsen, das körperliche Begehren. Wenn dieses Bewusstsein die Trennung auch nicht verhinderte, so machte es sie doch menschlicher. Mit Hermann hatte er nie den Tod so nah bei seiner Liebe gespürt. Mit Thomas spürte er den Tod nie anders als in Verbindung mit dem Leben.“ (S. 95)
Wie dieser Auszug zeigt, ist Getrennte Räume auch eine große Liebesgeschichte oder eher ein Liebesdrama, da die Prämisse ist, dass einer der Liebenden tot und der andere allein zurückgeblieben ist. Reisen und Arbeit können nicht verhindern, dass Leo Michael langsam verabschieden muss und dies nur schwer mit der Grundprämisse ihres einstigen Zusammenseins zu vereinbaren ist. Tondelli findet für diese Zerrissenheit passende Worte und überträgt die Stimmung der 1980er Jahre in einem großen europäischen Roman mit knapp 200 Seiten. Der Roman hat auch 36 Jahre nach der Erstveröffentlichung nichts an emotionaler Kraft und Qualität eines wahrhaft europäischen Zeitpanoramas verloren – und die tragische Liebesgeschichte nichts an Dramatik und Traurigkeit. Zudem wird man während des Lesens in die wilde Zeit der Beatniks und der belebten Jazzkeller in den USA versetzt, mitten in die lebendige europäische Künstlerszene der Nachkriegszeit:
„Dann, eines Abends, im geräumigen Keller des Grand Dérangement, eines Jazz-Clubs, schön und verqualmt wie eine Tanzdiele der Sechzigerjahre in der Poebene – der glänzende, an die Wand gebaute, fast in eine Ecke gezwängte Tresen, die Menge der kleinen Tische voller Biergläser, die kleine Bühne, der Scheinwerfer mitten im Raum, einige Reflektoren mit getönten Filterscheiben, das Klavier und die Verstärkerboxen, und an der Decke Lichtergirlanden –, ist er mit Hunderten anderer Junger und Alter vereint, den großen, noch rüstigen und kampflustigen Überlebenden der Beat Generation, Dichtern, Schriftstellern, Künstlern, Studenten aus Amerika, England, Deutschland, Kanada, Québec, Journalisten und Musikern, alle zusammengekommen, um die Eröffnung des internationalen Jack-Kerouac-Kongresses zu feiern, an jenem Abend, als auf einmal ein kalifornischer Bluessänger den Auftakt zur letzten Seite von On the Road vorzulesen begann: (…), mit modulierender, rhythmisierender Stimme, die erst annähernd, dann immer genauer im Takt blieb, damit der Bass einsetzen konnte, darauf im Hintergrund das Schlagzeug, und sich dann in wirklichen Gesang mit Gitarrenbegleitung verwandelte, da spürte er ein machtvolles Schaudern, und es schien ihm, als wäre das, was Kerouac geschrieben hatte, tatsächlich die verbale Substanz eines wunderschönen, hinreißenden Jazzstücks; und als dann das Saxofon einsetzte – die Worte waren unterdessen verschwunden, doch die Musik fuhr fort, beschwor diese Visionen immer zahlreicher herauf –, spürte er, dass all diese Menschen, auch diejenigen, die am meisten abgelenkt waren, (…) dass sie alle gemeinsam einen von Pomp und Großtuerei freien Ritus feierten, einen äußerst schlichten und eben darum grundlegenden: das Überleben der Literatur.“ (S. 200f)
Neben diesen männlichen Stimmen sind aber auch Frauenstimmen laut und intensiv (und ähnlich pessimistisch) zu hören: Christine Wunnicke füllt in Wachs eine historische Lücke im Lebenslauf ihrer zu Beginn schlagfertigen Jugendlichen und am Ende ebenso vorlauten und meinungsstarken Greisin: Marie Biheron, eine international anerkannte Anatomin und Schafferin von Wachsmodellen des menschlichen Körpers – einerseits von Wissenschaftlern wegen ihrer akkuraten Arbeiten gefeiert und andererseits an der Académie in Paris nicht geduldet sowie daher auf Unterricht und populäre Ausstellungen von Menschenmodellen angewiesen. Wunnicke lässt sie auf prominente Künstler und die harte Realität der französischen Revolution treffen. Sie entwirft damit ein Sippengemälde der französischen Gesellschaft zwischen Absolutismus und einer gewaltvollen Revolution mit einer weiblichen Note und Perspektive. Denn auch die Geliebte ihrer Protagonistin ist als botanische Illustratorin des französischen Hofes eine reale historische Gestalt in gehobener Stellung, welche allerdings den in pure Gewalt umkippenden Befreiungsversuch des Volkes Ende des 18. Jahrhunderts nicht mehr miterlebt. Hier ist dann tatsächlich ein Hoffnungsmoment zu finden.
Berenberg hat nicht nur einen starken Text veröffentlicht, sondern diesem auch ein wunderschönes Gewand gegeben. Dieses verstört im ersten Moment mit der Kombination aus floralen Illustrationen und einer schematischen Darstellung der Guillotine (hergestellt in der Werkstatt eines Cembalo-Bauers), aber nach der Lektüre des historischen Romans stellt der Leser fest, dass die Lebensrealität sich auch zwischen diesen Extremen abspielen kann. Wunnicke und das Grafik-Team von Berenberg beleuchten hier die Licht- und Schattenseite einer bewegten Epoche ganz treffend. Einige utopische Momente bietet sie uns auch an:
„In der alten Zeit, hatte Edmé gelernt, war es die Sitte gewesen, dass Frauen Frauen heirateten und nicht unbedingt Männer, auch wenn die Kirche die Sakramente dafür verschlampt hatte und man auf Schleichwegen schritt. Großmama und ihre Frau waren Jansenistinnen gewesen. Dabei handelte es sich um Lutherische, nur in Katholisch; Edmé hatte das nicht verstanden. Wenn Frauen Frauen liebten, gefiel das Gott. Es war auch das Gegenteil von Sodomie.“ (S. 55)
Kaska Bryla wiederum wählt in Mein Vater, der Gulag, die Krähe und ich eine zehrende, anspruchsvolle Form um einerseits die Erinnerungen ihres Vaters an die polnischen Aufstandsbewegungen festzuhalten und andererseits in autofiktionaler Manier den eigenen Trauerprozess sowie die Unfähigkeit, dessen Intoleranz gegenüber ihrer lesbischen Sexualität mit dem Revoluzzer der Vergangenheit zu verbinden. Der Konservatismus reißt im Alter jeden mit sich – oder die Welt dreht sich am Ende schneller, als ein Mensch dies in seinem moralischen Kompass an einem gewissen Punkt im Leben noch bereit ist auszutarieren. Zudem kämpft die erzählende Autorin innerhalb des Romans mit Long Covid und einer zunehmenden Isolation sowie einem leichten Abdriften in den Wahnsinn. Die Motive sind sehr dicht angelegt und die Sprache sehr kunstvoll und dementsprechende anspruchsvoll. Doch die emotionale Wucht welche diese harte, karge und zugleich assoziationsreiche Sprache zu bündeln vermag ist wahrlich beeindruckend. Die historischen Schnipsel in den Erinnerungen des Vaters wiederum schockieren und wirken ebenso intensiv nach - obwohl sie nur wiedererzählt werden.
Christine Wunnicke und Kaska Bryla haben es mit ihren extravaganten Projekten auf die Longlists des deutschen Buchpreises (Wunnicke) und des österreichischen Buchpreises 2025 (Bryla) geschafft. Tondelli wiederum verstarb 1991 an Aids und zu seinem 70. Geburtstag veröffentlicht der Gutkind-Verlag mit „Getrennte Räume“ einen Roman, welcher die Freiheit sucht und ebenso wie sein Verfasser nicht findet. Die Zeiten der Zensur von Büchern über homosexuelle Protagonisten mögen in Europa (derzeit) vorbei sein, aber die „Banned Books“ Kampagne aus den USA zeigt, dass diese näher ist als man glauben möchte.
Der preisgekrönte Poet Seán Hewitt hat (ebenso wie Ocean Vuong mit Auf Erden sind wir kurz grandios 2019) sich – erfolgreich - an die lange erzählende Form gewagt. Ocean Vuong wiederum hat diesem Kurzroman kürzlich mit Der Kaiser der Freude einen umfangreichen epischen Text folgen lassen. Sein Protagonist ist ebenso wie der von Hewitt von seiner Vergangenheit gefesselt und ein Ausbruch scheint leider unmöglich- bei Vuong scheint Hai für immer verloren und Hewitts Protagonist mag zwar geografisch fliehen, aber seine Erinnerungen bleiben tief in ihm verankert. Zu beiden Romanen gab es bereits viele Vorabkommentare daher sollen sie hier nur kurz kommentiert werden. Ocean Vuong schließt metaphorisch gewaltig an seine bereits in deutscher Übertragungen erschienenen Gedichtbände an und Séan Hewitt erzählt einen im Verhältnis zu den oben genannten Büchern konventionellen, aber ebenso gut geschriebenen Roman, welcher in verwaisten englischen Landstrichen und einer zeitlich nahen aber gesellschaftlich sehr fern scheinenden Zeiten der allgemeinen Homophobie angelegt ist. Der nun erwachsene und dem Dorf entflohene Erzähler verliert seine Haftung - und muss dafür nur in die Nähe seines Geburtshauses und dem Schauplatz seiner ersten Liebesgeschichte kommen. Das Drama welches dort stattfand hat eine ausreichende dramatische Fallhöhe - und das der Sprache von Hewitt entspringende Werk epische Ausmaße und Qualitäten - trotz der provinziellen Umgebung. Die inneren und äußeren Landschaften lassen den Leser nur schwer los - und das obwohl der Roman "konventionellen" Mechanismen folgt.
Ein wahrlich beeindruckender Sommer - und nun steht schon die Buchmesse und der deutsche Buchpreis an, was erneut das Leserherz auf guten neuen Lesestoff und sprachliche wie thematische Literatur der höchsten Güte hoffen lässt.