Jim #27 - Flucht
Ich drehe mich zu dem Alten um. Er hockt in sich zusammengesunken an der Wand und hat die Arme um seine Beine geschlungen. „Ich glaube“, kommt es undeutlich von dem zitternden Körper, „ich weiß wo wir sind.“ „Wo?“ Bevor Vets antworten kann, knackt es plötzlich aus den Lautsprechern, die an der Decke hängen. Jim und ich zucken zusammen, Vets zittert nur etwas stärker. „Kennt ihr die Einsamkeit?“, fragt eine verzerrte Stimme aus den Lautsprechern. „Vets! Was passiert hier?“, frage ich eindringlich. „Niemand ist da, mit dem man sich unterhalten kann. Niemand ist da, der einem Gefühle entgegenbringt. Man kann nicht mal gehasst werden, denn niemand ist da, der hassen kann. Niemand, der lieben kann.“ Vets hebt den Kopf. „Wir sind tot. Ich hätte die Tankstelle nie verlassen dürfen.“ „Natürlich kennt ihr das nicht. Ihr habt euch ja schließlich gegenseitig.“ Jim dreht sich im Kreis, und versucht, die Stimme zu lokalisieren. Ein sinnloser Versuch, die Lautsprecher verraten nichts über die Position des Sprechers. Plötzlich erstarrt Jim in der Bewegung und schreit auf. Eilig drehe ich mich um, doch der Gang, in den er starrt, ist leer. Zitternd durchquert Jim den Raum und starrt auf die Schwelle. Kreidebleich dreht er sich zu uns um. „Keine Spuren.“ „Was?“ „Keine Spuren“, wiederholt Vets, „es hinterlässt keine Spuren im Staub.“ Ich knie mich neben Vets und frage: „Was weißt du? Wo sind wir hier?“ Vets schaut auf. Er reißt seine Augen auf und schreit. Ich drehe mich um. Direkt hinter mir steht Jim und starrt mich voller Entsetzen an. Dann dreht er sich um und sprintet los. Vets folgt ihm sofort und erstaunlich schnell. Ich folge. Allein an diesem Ort zu sein ist eine schreckliche Voerstellung. Wir rennen. Mir gelingt es nicht, zu den anderen beiden aufzuschließen. Es bleibt immer etwas Abstand zwischen ihnen und mir. Immer weiter hetzen wir in ein verwirrendes System aus beigen, staubbedeckten Gängen hinein. Wieder erreichen wir einen Warteraum. Aber etwas ist hier anders. Jemand hat die Stühle von den Wänden gerissen. Jim und Vets hetzen weiter. Im Lauf greift Jim nach einem der Stühle. Er dreht sich einmal um die eigene Achse und schleudert ihn mir vor die Füße. Ich kann nicht mehr ausweichen, stolpere und bleibe liegen.
Vorsichtig setze ich mich auf. In meinem Kopf pocht der Schmerz. Ich sehe mich langsam um. Die Staubschicht ist dünner als in den anderen Räumen. Überall liegen die Stühle herum. Die Scheibe vom Schalter ist zerbrochen. Langsam klären sich meine Gedanken. Ich bleibe sitzen und starre die beige Wand an. Ich denke an Artur, der draußen im Raumschiff ist, und von dem ich nicht weiß, ob er weiß, was mit uns ist. Ob er überhaupt noch lebt. Ich denke darüber nach, was gerade passiert ist. Wovor sind wir geflohen? Vor einer Stimme. Vor irgendwelchen Wahnvorstellungen. Vets hat mich angestarrt. Er hat nicht hinter mich gestarrt. Sondern er hat mich angestarrt. Wie auch Jim mich entsetzt angestarrt hat. Und sie sind vor mir geflüchtet.
Und jetzt bin ich hier. Ganz allein. Und weiß nicht wohin. Das stimmt nicht. Ich bin nicht ganz allein. Jemand steht hinter mir. „Wollen wir uns ein wenig unterhalten?“
















