Jim #36 - Pressekonferenz
Vor mir steht Christian Lindner und lächelt gütig. Ein wenig stolz. Ein kalter Schauer kriecht meinen Rücken entlang. Ich schaue zu ihm hoch. Vor ihm steht jetzt ein Rednerpult. Er befindet sich gerade mitten im Satz. “… freuen wir uns auf eine fanatische … Verzeihung … fantastische Zusammenarbeit mit unserem Koalitionspartner.” Neben Herrn Lindner steht ein weiteres Pult. Dahinter erkenne ich, ich traue meinen Augen kaum, Gregor Gysi. Eine Journalistin neben mir hebt die Hand. “Herr Gysi, wie Sie wissen, ist dies die erste große Koalition neuer Art, also zwischen der FDP und den Linken. Wieso glauben Sie, dass dieses Modell besser funktionieren wird als die letzte Bundesregierung? Und haben Sie nicht Angst, dass Sie in vier Jahren dort stehen, wo die letzte große Koalition nach ihrer Regierungszeit stand: in der außerparlamentarischen Opposition?” Fassungslos sehe ich mich um. Die Szenerie um mich herum setzt sich immer mehr als unwirkliche Vision zusammen. Langsam weil um Fassung ringend erhebe ich mich und verlasse die Pressekonferenz. Der erste Schock weicht einem fast zynischen Einverständnis. So viel schlimmer als die jetzige Regierung kann es eigentlich nicht … Ich bin durch die Schiebetüren getreten, die Treppen hinunter gehastet. Und nun stehe ich auf einer leeren weißen Fläche. Ich kenne das alles schon. Ich drehe mich um, ahnend was meine Augen mir bestätigen. Der barocke Bau ist verschwunden. So stehe ich wieder im leeren Nichts. Es war alles Einbildung. Langsam dämmert mir, dass das alles auch Einbildung sein muss. Eine Frage drängt sich. Ich möchte sie nicht einmal in Gedanken stellen, und doch, sie scheint unvermeidbar. Unausweichlich. Es führt kein Weg vorbei.
Will ich hier wieder weg?
Will ich zurück? Zu Artur? Zu Vets? Und, wie hieß er doch gleich? Das Weiß beginnt langsam, meine Gedanken zu durchsetzen. Es ist allgegenwärtig, umfängt mich in sanfter, kühler Umarmung. Jim hieß er. Also: Will ich zurück zu diesen, die meine Freunde waren? Sind? Vielleicht liege ich im Koma, und Artur, Vets und Dingens, Jim sitzen mit besorgten Mienen um mich herum und lesen mir Geschichten vor, erzählen mir, was in der Welt passiert. Meine Gedanken streifen die Pressekonferenz von vorhin. Oder von vor langer Zeit? Was weiß ich schon? Ich habe Angst. Vielleicht will ich gar nicht zurück.
Vielleicht möchte ich einfach hier im ewigen Weiß liegen bleiben.









