THE ART OF THINKING
Die WHOZWHO Kolumne von Julia Malz
Foto: Olaf Kroenke Creative Direction: Kuni aka Kunhild Haberkern Produktion: WHOZWHO Magazine
WAS ICH BIN
ZWEI DAUMEN, EINE ZUNGE UND BILDER AN DER WAND
Der Mensch ist ein wundersames Tier. Morgens brüht er sich Kaffee und richtet sich zur Arbeit. Manchmal schenkt er sich auch schon in aller Früh ein Bier ein und richtet sich nicht zur Arbeit.
Der Mensch ist mit zwei Daumen ausgestattet, einem an jeder Hand, gerade recht im Winkel zu den anderen Fingern. So kann er sich das Hemd zuknöpfen und den Schlüssel im Schloss umdrehen. Er kann mit einer Hand den Nagel halten und mit der anderen Hand den Hammer schwingen, der den Nagel in die Wand jagt. Manchmal haut er sich dabei auch auf einen seiner Daumen.
Der Mensch hängt Bilder auf. Von anderen Menschen, die er liebt. Von Orten, die er schon gesehen hat oder einmal sehen möchte. Manchmal hängt der Mensch auch Bilder auf, die andere Menschen gemalt haben. Mit einem Pinsel und mit Farbe. Bilder davon, wie jemand sich die Welt vorstellt. Manche dieser Bilder sind so teuer wie eine eigene Ferieninsel. Aber der Mensch fühlt sich gut, weil so ein Bild bei ihm an der Wand hängt. Eine Ferieninsel kann man dort nämlich nicht so gut anbringen.
Der Mensch braucht Schuhe, um durch diese Welt zu gehen. Denn einen großen Teil der Welt hat der Mensch mit Asphalt überzogen, weil die Autos darauf besser fahren können. Wenn ein Mensch groß genug ist, lernt er, rückwärts einzuparken und auf die Regeln des Verkehrs zu achten. Wenn er sich nicht an diese hält, verliert er den Schein mit der Berechtigung, vorwärts zu fahren oder rückwärts einzuparken. Dann denkt er manchmal bei sich, wie nutzlos dieser ganze Asphalt ist und wie viel schöner es wäre, mal wieder barfuss einkaufen zu gehen.
Der Mensch muss sich bekleiden, weil er ein schamhaftes Wesen ist. Er weiss, dass es Männer und Frauen gibt und was diese in ihren Körpern unterscheidet. Doch dieses Wissen muss genügen, denn es gehört sich nicht, ab einem gewissen Alter nackt herumzulaufen. In manchen Ländern dieser Welt ist die Scham so groß, dass man den Frauen Säcke überzieht, damit statt eines Menschen nur ein Sack aus Stoff durch die Straßen wandelt. Kindern wird das Nacktsein noch hier und da gestattet. Das hat etwas mit der ihnen innewohnenden Unschuld zu tun. Doch die verlieren wir, irgendwo zwischen den Schwimmflügeln und der ersten Sechs in Mathe. Wenn wir ein Auto rückwärts einparken dürfen, ist das Recht auf Nacktsein schon lange dahin.
Der Mensch hat eine Zunge, die gerade recht geformt ist, dass sie an die Schneidezähne stößt und dabei in diesem Stoßen über den Kehlkopf und die Stimmbänder Laute bilden kann. Manchmal prügelt sich der Mensch und verliert dabei die Schneidezähne. Dann ist es erst einmal vorbei mit dem Laute bilden. Für die Laute hat der Mensch Bedeutungen festgelegt. Doch die Bedeutung ist nicht an allen Orten gleich. Wenn ich jemandem von einem Baum erzählen will, an dem eine Leiter lehnt und drei rote Äpfel hängen, dann muss ich darauf hoffen, dass der andere Mensch versteht, was ich mit ‚Baum‘ und ‚Leiter‘ und ‚rot‘ und ‚Äpfel‘ meine. Am besten klappt das, wenn ich mich möglichst nah um mein Haus herum bewege.
Der Mensch braucht Gemeinschaft. Nicht nur zum Sprechen über Dinge, sondern auch zum Überleben. Wenn ich einmal weiter weg von zuhause sein möchte, um mirdie Orte anzuschauen, die ich auf den Bildern an meiner Wand über meinem Bett aufgehängt habe, dann reise ich am liebsten dorthin, wo man das Gleiche von Gemeinschaft versteht wie ich. Als Mensch möchte ich ferne Orte sehen, aber es soll sich möglichst wenig ändern in dem, wie ich mich verhalten muss. Ich möchte nicht hinten im Auto sitzen, wenn es rückwärts eingeparkt wird und ich möchte nicht als Sack verpackt durch die Straßen laufen.
Wenn der Mensch nicht reisen kann, kauft er sich die Zeitung, ein Buch, einen Fernseher, ein Smartphone, oder alles auf einmal. In der Zeitung glaubt der Mensch zu lesen, was in der Welt passiert und muss sich je nach Zeitung nicht mehr die Mühe machen, sich eine Meinung zu bilden. In einem Buch kann der Mensch lesen, was einmal passiert ist, passieren wird, oder passieren könnte. Wenn das Buch sehr wenig Bilder hat, muss der Mensch seine Vorstellung bemühen und sich den Baum, an dem die Leiter lehnt und an dem die drei roten Äpfel hängen, selbst vorstellen. Die Fähigkeit, sich etwas vorstellen zu können, ist sehr wichtig für den Menschen. Sonst kann er keine Pläne machen und niemals Neues schaffen oder denken in der Welt. Viele Menschen haben ihre Vorstellung zu einer alten Dampfnudel verkommen lassen. Das liegt am Fernseher. Wenn der Mensch mit einem seiner Daumen durch die verschiedenen Kanäle flippert, sieht er die Welt nicht, wie sie ist, sondern so, wie er sie sehen soll. Wenn der Mensch zuviel in den Fernseher schaut, vergisst er, in die echte Welt zu schauen. Er weiss dann nur, dass er Millionär hätte werden können und dass er viel glücklicher wäre, wenn er dieses neue Auto hätte, das besonders gut rückwärts einparken kann, weil es hinten eine Kamera hat.
Der Mensch ist besonders gut darin, Dinge zu erfinden, die ihm das Leben einfacher machen. Das ist grundsätzlich eine sehr gute Geisteseinrichtung. Leider erfindet der Mensch oft Sachen, die das Leben kurzfristig einfacher, aber langfristig viel schwieriger machen. Dazu gehören Plastiktüten, das Smartphone und die Atombombe. Wenn der Mensch sich dann endlich einmal seiner Fähigkeit zum logischen Denken bedient, hat er es oft zu weit getrieben. Dann geht das große Geheule los. Man versinkt im Müll, die persönlichen Daten sind futsch, einsam ist man auch noch und obendrein sitzen zu viele Irre mit dem nuclear football herum.
Die besten Dinge, die der Mensch erfunden hat, gehören eigentlich nur einer Kategorie an: dem Spenden von Freude und der Hilfe in Not. Der Mensch ist nämlich ein soziales Tier, das durchaus mal die Götterfunken springen lassen kann. Der Mensch kann einem anderen Menschen dabei helfen, ein Bild an der Wand aufzuhängen. Der Mensch kann einem anderen Menschen die Leiter halten, damit man gemeinsam an die Äpfel auf dem Baum herankommt. Der Mensch kann Bücher schreiben, die uns nicht vergessen lassen, was passiert ist und die uns damit überraschen, was passieren könnte. Der Mensch kann einem anderen Menschen das Hemd zuknöpfen, weil dessen Daumen nicht mehr so wollen, wie er will. Der Mensch kann eine Wiese mähen, statt Asphalt darüber zu schütten. Der Mensch kann einem anderen Menschen das Bier wegnehmen und einen Kaffee aufbrühen, weil der Morgen so viel schöner ist. Und der Mensch kann andere Menschen lehren, was man mit den ganzen Fähigkeiten, die man besitzt, so alles anfangen kann, um diese Welt schöner und besser zu gestalten.
Der Mensch ist ein wundersames Tier. Ein Paradoxon mit zwei Daumen. Eine Fusion aus Sauerstoff, Kohlenstoff, Wasserstoff und ein paar weiteren Elementen, die wir uns morgens mit Sprudeltabletten auflösen. Der Mensch kann dichten, tanzen und lieben. Und rückwärts einparken, das kann er auch.











