Kapitel 32
Jamila war Tage nach dem Konzert noch total hibbelig und erzählte fast ohne Punkt und Komma. Ich fand es nicht schlimm, denn die Zeit, die ich mit ihr verbrachte diente so als gute Ablenkung. Susan sagte mir auch, dass ich mich verändert hatte. Dass ich viel mehr redete, aß und lachte, als vorher. Ich gab mein Bestes, aber in manchen Momenten weinte ich, auch, wenn es nicht so heftig war. Wäre ich alleine gewesen, hätte ich mich vermutlich auch wieder geritzt, denn ab und zu dachte ich daran, aber die anderen waren viel bei mir.
Am Wochenende, bevor die Schule wieder anfing, lernte ich fast jeden Tag. Ich war wieder viel alleine und ich wollte mich ablenken, außerdem schrieb ich in der ersten Woche eine Klausur und ich wollte gut vorbereitet sein. Meine Stimmung an diesen Tagen war wieder im Keller. Vielleicht lag es auch daran, dass ich mein Handy wieder aktiviert hatte und nun voll erreichbar war. Die tausend Nachrichten von ihm ignorierte ich, das einzige, was mich verletzte war, dass sich niemand meiner anderen Freunde nach mir erkundigt hatte. Lisa nicht und Tom nicht. Nicht mal Linda hatte eine Nachricht hinterlassen, ich hatte zwar lange nichts mehr mit ihr zu tun gehabt, aber von ihr hätte ich das schon irgendwie erwartet. Es war ihn also völlig egal was mit mir war, und das verletzte mich.
In der Nacht von Sonntag auf Montag machte ich durch. Aber nicht freiwillig. Ich konnte einfach nicht einschlafen. Meine Gedanken kreisten die ganze Zeit über dem nächsten Tag. Schule fing wieder an. Auf die Klausuren war ich gut vorbereitet, aber auf das andere nicht. Ich würde ihn wieder sehen, und das wollte ich nicht. Ich hatte mich schon fast damit abgefunden, dass es vorbei war. Aber der Gedanke daran, dass ich ihn wiedersehen würde, machte mich total fertig. Wie würde ich reagieren, wenn ich ihn sah? Wie würde sich das anfühlen? Ich schwitzte vor Aufregung und war total gestresst. Ich konnte an nichts anderes denken und kam überhaupt nicht zur Ruhe, was mir am nächsten Tag wohl nicht zu gute kommen würde.
Ich hatte mich auf meinen Platz in der Klasse gesetzt und starrte ins Leere. Die anderen saßen in Grüppchen verstreut und unterhielten sich über die Ferien. Es war irgendwie interessant, dem Durcheinander der Stimmen zuzuhören. Beim Frühstück am Morgen war ich fast eingeschlafen, zum Glück durfte ich wieder Kaffee trinken. Am liebsten hätte ich gebettelt, dass ich zuhause bleiben durfte, aber es hätte nichts gebracht. Ich fühlte mich wie nach einer langen Party Nacht und wünschte es wäre Sonntag und ich könnte im Bett liegen und schlafen. Schon der Gedanke an den Schlaf ließ meine schon super schweren Augenlider noch schwerer werden.
Die Tür der Klasse ging auf und Anna kam rein. Sie blieb stehen und schaute mich kurz an, dann erinnerte sie sich, dass sie neben mir saß, und ließ sich auf ihrem Stuhl plumpsen. Sie grüßte mich nicht, was komisch war, normalerweise war sie schüchtern, aber nie unfreundlich. Ich grüßte sie aber auch nicht. Die Luft zwischen uns war komisch, und das lag vielleicht daran, dass sie seine Schwester war. Nach einiger Zeit, in der wir uns an geschwiegen hatte, fing sie plötzlich an zu reden. ,,Weißt du", sagte sie. ,,Ben geht's echt scheiße wegen dir. Vielleicht solltest du mal darüber nachdenken, was du getan hast." Mir stockte der Atem. Hatte ich da gerade richtig gehört? ,,Geht's noch? Weißt du, wie scheiße es mir geht? Was mischt du dich da überhaupt ein?!" Ich fing an zu zittern und merkte, wie mir warm wurde. Ich konnte mir irgendwie nicht vorstellen, wir Ben gelitten hatte. Ich war zu dieser Zeit viel zu sehr damit beschäftigt, mich selber wieder hinzukriegen. ,,Er raucht jetzt. Wegen dir anscheinend. Ist es das, was du wolltest?" Mir blieb der Atem weg und ich sagte nichts mehr. Die ganze Stunde über konnte ich mich nicht konzentrieren, ich dachte nur an das, was Anna mir gerade erzählt hatte. Ben rauchte also? Als wenn. Das konnte ich mir einfach nicht vorstellen. Er hatte mir immer gesagt, dass ich stank, wenn ich rauchte. Das passte alles nicht zu ihm. All diese Worte waren, als würde mir jemand wieder diesen Stein auf die Brust schieben, der gerade erst verschwunden war. Das Atmen wurde schwerer und ich musste aufpassen, dass ich nicht anfing zu heulen.
Als es zur Pause klingelte, wollte ich nur zwei Dinge. Entweder, in der Klasse bleiben, alleine. Oder, nach Hause fahren und nie wieder kommen. Aber beides ging nicht. Es war uns nicht erlaubt während den Pausen in den Klassenräumen zu bleiben, und nach Hause würde ich jetzt auch nicht kommen. Meine Knochen waren total steif, als ich aufstand um nach draußen zu gehen. Ich hatte das Gefühl, dass ich mit den Schülern mitströmte, die den Weg auf den Pausenhof suchten. Ich bewegte mich nicht, wurde einfach von der Masse mitgezogen. Die Stimmen um mich herum lachten, meckerten und sprachen. Irgendwo dachte ich, ein kleines Kind schreien zu hören, obwohl ich mich an einer Schule befand. Ohne die Dinge wirklich wahr zu nehmen, zog ich an all den Cliquen auf dem Schulhof vorbei, und ging auf meinen Stammplatz, da, wo ich in den Pausen immer rauchte. Ich zündete mir eine Zigarette an und konnte erst nach dem ersten Zug wieder richtig ausatmen. Es tat so gut. Die Zigarette entspannte mich und ich konnte den Rauch in meinen Lungen spüren. Ich konnte nicht aufhören, an Ben zu denken. Das erste mal sagte ich seinen Namen wieder laut in meinem Kopf. Ben. Ich konnte einfach nicht glauben, dass er angefangen hatte zu rauchen. Das musste doch eine Lüge sein. Wieso sollte Ben rauchen? Der, der mir immer versucht hatte zu verdeutlichen, dass Rauchen das absolut widerlichste auf der Welt war. Doch ich hatte nicht wirklich viel Zeit darüber nachzudenken, und ich hatte auch nicht wirklich viel Zeit Angst zu haben, dass ich auf Ben treffen würde. Denn plötzlich stand er vor mir. Seine Gesichtszüge, so schön wie immer. Seine Haare lagen perfekt und ich erinnerte mich wieder an seinen Geruch. Doch trotz seiner Schönheit sah er so leer aus. Seine Augen schienen grau und sein Blick sagte nichts. Er stand an der gegenüberliegenden Wand gelehnt, in der rechten Hand hielt er eine Zigarette. Es war also wahr.
All der Schmerz kam hoch. All das, was ich geschafft hatte zu verstecken, kam wieder. Es war, als würde ein Kartenhaus in sich zusammen klappen. Die Mauer, die mich vor mir selber schützte, schien brüchig zu sein. Und trotzdem erfüllte mich seine Anwesenheit mit Wärme. Er stand einfach nur da und rauchte. Es war wie ein Feuer, das in mir brannte. Es wärmte, aber es tat weh. Meine inneres schien zu schreien, doch trotzdem konnte ich meinen Blick nicht von ihm wenden. Es war krank. Auch er schaute mich jetzt an. Unsere Blicke trafen sich und es war, als könnte ich so mit ihm kommunizieren. Ich hatte das Bedürfnis zu ihm zu gehen, ihm die Zigarette aus der Hand zu nehmen und zu zertrampeln. Ich wollte noch näher bei ihm stehen. Ich wollte noch einmal wissen, wie es war, wenn er dir gegenüber stand. Zwar konnte ich mich noch an jede einzelne Berührung erinnern, dennoch wollte ich es wieder wissen. Und als könnte er meine Gedanken lesen, kam er immer näher auf mich zu. Ich konnte merken, wie er sich zusammen reißen musste, und wie viel Mut es kostete, den ersten Schritt zu machen. Ich konnte mich an der Wand anlehnen, die mir Rückhalt gab. Etwa einen Meter vor mir blieb er stehen.
,,Hi." Sagte er und warf seine aufgerauchte Zigarette auf den Boden. Es stand ihm nicht. Ich sagte eine Weile nichts. ,,Rauchen steht dir nicht." War alles, was ich herausbrachte. ,,Dir auch nicht." Seine Stimme war kratziger als sonst, irgendwie dünner. Das Selbstbewusstsein war nicht mehr zu hören und es tat weh, ihn so zu sehen. ,,Ich versteh nicht, wieso du angefangen hast." Er antwortete eine Weile nicht und auch ich warf jetzt meine Zigarette auf den Boden. Er zog seine Schachtel heraus, die gleiche Marke die ich rauchte. Ich fing an mich schlecht zu fühlen, ich hatte ihn doch nicht etwa zum Rauchen inspiriert? ,,Lass das." Flüsterte ich. Ich wollte seine Hand wegschieben, die mir die Zigarettenschachtel zeigte, aber ich konnte mich nicht bewegen. ,,Es ist nicht so einfach." Sagte er. ,,Was?" ,,Es zu lassen." Ich schüttelte den Kopf. ,,Ach was." Ein schmunzeln zeigte sich in seinem Gesicht und für einen kurzen Moment schien das Feuer in mir schwächer zu werden. ,,Um ehrlich zu sein hab ich nicht angefangen, weil es mich beruhigt, sondern weil ich nicht vergessen wollte." ,,Was wolltest du nicht vergessen?" Er zögerte einen kurzen Moment. ,,Wie du schmeckst."
Seine Worten waren wie ein Messerstich in die Brust. Wie du schmeckst. Diese Worte wiederholten sich noch tausendmal in meinem Kopf. Ich wusste nicht, ob das unheimlich schön war, oder unheimlich schrecklich. Vermutlich wäre ich am liebsten in seinen Armen zusammen gebrochen, aber niemals hätte ich gedacht, dass er vielleicht derjenige war, der aufgefangen werden musste. Ich hielt es nicht mehr aus. Die Schreie in mir waren kurz davor auszubrechen. Mir war alles egal. Ben, Mathe, Englisch, Deutsch. Ich holte meine Sachen aus der Klasse, und ließ mich von Susan abholen. Im Auto brach die Mauer in sich zusammen und ich in Tränen aus.





