Kapitel 33
,,Wenigstens hast du es versucht." Seufzte Susan, als sie vor einer roten Ampel hielt. Ich sagte nichts. In mir drin herrschte Stille. Alles, was sich in den Ferien hinter einer Mauer versteckte hatte, schien nun zerquetscht unter den einzel Teilen der in sich einander gefallenen Mauer zu liegen. Es war zwecklos wieder von vorne zu beginnen.
Ich saß an meinem Schreibtisch und machte gar nichts. Ich hatte es mit lernen versucht, doch es klappte nicht. Die Stille in mir drin übertönte meine Gedanken. Alles, was ich tat, war, gegen die weiße Wand zu starren. Ich hatte keine Ahnung, wie es weitergehen sollte, ich wusste nur, dass es weiter gehen musste. Mein größter Wunsch war, glücklich, ohne Angst bei Ben zu sein. Mit ihm zu sein. Doch das ging nicht. Denn den Gedanken zu haben, dass er irgendwo doch nur meinen Körper wollte, konnte ich nicht ertragen. Ich war verdammt empfindlich bei sowas. Ich wollte einfach nicht, dass mein Körper für solche Zwecke benutzt wurde. Denn niemand, wirklich niemand, würde meinen nackten Körper zu sehen bekommen, bevor er nicht meine nackte Seele gesehen hatte. Ich wusste, dass Jungs mit sowas oft anders umgingen als Mädchen, aber das hieß noch lange nicht, dass jedes Mädchen da mitspielte. Ich auf jeden Fall nicht.
Ich gab mein Bestes, klaren Kopf zu fassen. Wenn niemand da war, musste ich mir eben selber helfen. Plötzlich war es mir egal, dass Linda sich nicht gemeldet hatte, und es war nicht Lisa die ich anrief, sondern Linda. Linda schien mir um einiges hilfreicher als Lisa und ich musste jetzt einfach die sein, die den ersten Schritt machte. ,,Melia?" Meldete sich Linda. Ich schwieg kurz, weil ich nicht wusste, wie ich anfangen sollte. ,,Sag mal... Hast du heute noch irgendwelche Vorlesungen?" ,,Nönö, heute nicht mehr. Aber halt mal, wieso meldest du dich so unangekündigt? Ich hab mega lange nichts mehr von dir gehört." ,,Soll ich vorher noch schreiben, dass ich mich melde, oder was?" Versuchte ich mit Humor die angespannte Stimmung in meiner Kehle zu lockern. ,,Nein Spaß, aber ich... ich brauch glaub ich jemanden zum Reden." Am anderen Ende der Leitung war es Still, ich hatte das Gefühl Linda denken zu hören. ,,Ja klar, zum Reden bin ich immer gut. Komm vorbei." Ich war so dankbar, dass Linda so viel Selbstbewusstsein hatte. Wie von selbst viel die Spannung von mir und wir machten eine Uhrzeit ab.
,,Also, da du, so verklemmt wie du aussiehst, wahrscheinlich nicht von alleine mit der Wahrheit rausrückst, rate ich einfach mal." Linda schloss die Haustür hinter sich, aus der sie gerade Maximilian geschickt hatte, der bei ihr zu Besuch war, bevor ich kam. Sie hatte wohl direkt bemerkt, dass es etwas war, worüber ich eigentlich nicht reden wollte, es aber nur aus unerklärlichen Gründen tat. Ich saß in ihrer kleinen Küche, in ihrer kleinen Studentenwohnung, irgendwo in Berlin. Ich mochte ihre Wohnung. Sie war schlicht und modern und hatte irgendwie was Sommerliches an sich. Ich saß auf einem Barhocker an einem Esstisch, der auch als Stehtisch durchgehen könnte, aber super in die Küche passte. ,,Bist du Schwanger?" Die Frage kam direkt und ich wusste erst nicht, wie ich darauf reagieren sollte. Erschrocken schüttelte ich mit dem Kopf. Plötzlich wurde mir klar, dass Linda mein Problem wahrscheinlich für total kindisch und dumm halten würde. Klar, ich hatte irgendwie Liebeskummer, aber war das wirklich so dramatisch? Außerdem hatte Linda vermutlich fast täglich Sex, schließlich war sie auch schon erfahrener als ich. Und ich drehte schon am Rad, wenn mein Freund sagte, dass er mit mir ins Bett gehen würde. Meine Reaktionen darauf, würde Linda wahrscheinlich nicht nachvollziehen können, wenn sie meine Geschichte nicht kannte. Wenn sie wüsste, was Körper Nähe für mich hieß, wenn sie wüsste, was nackte Haut für mich bedeutete, dann würde sie das vielleicht verstehen. Also entschied ich mich, alles etwas zu verharmlosen.
,,Ben und ich haben Schluss." Kurz und knackig, so musste das. Linda setzte ihre Tasse Cappuccino ab und starrte mich mit weit aufgerissenen Augen an. ,,Aber", stammelte sie dann. ,,Aber ihr habt euch so... so ergänzt." Sie wurde immer leiser. Ich schluckte und wusste nicht, wie ich fortfahren sollte. Aber aus Linda sprudelte es nur so heraus. ,,Das tut mir echt Leid, Süße. Sowas ist echt ätzend. Ich hab das auch schon einige Male gehabt und es ist zum kotzen. Weißt du, ich bin da schon irgendwie froh, dass du dich bei mir gemeldet hast. Wir hatten jetzt zwar länger keinen Kontakt mehr, aber ich bin gerne für dich da, weil du mir wichtig bist. Also, wenn was ist, ich bin immer für dich da!" Worte, die wahrscheinlich jedes Mädchen von ihrer besten Freundin zu hören bekam, wenn sie Kummer hatte. Aber für mich war es das erste mal, dass eine Freundin mir sowas sagte. Ich lächelte ,,Danke." ,,Jetzt erzähl doch bitte mal. Also, wieso habt ihr denn Schluss?" ,,Ehm," stammelte ich. ,,Weißt du noch die Party? An der wir uns das letzte mal gesehen haben?" Linda runzelte zuerst die Stirn, dann nickte sie aber. ,,Stimmt. An dem Abend hab ich dich glaub ich noch gesucht, du warst ziemlich schnell weg. Aber das ist ja schon ein paar Wochen her und ich war in der Nacht glaub ich auch ziemlich gut dabei." ,,Ja, genau. An dem Abend haben wir uns irgendwie gestritten. Ich war dann irgendwie total fertig und bin zu einer Freundin gegangen, bei der ich übernachtet habe. Am nächsten Morgen bin ich zu Ben um meine Sachen zu holen. Und irgendwie... irgendwie konnte ich..." Linda schaute mich ruhig an, ihr Blick zwang mich nicht, die Worte zu sagen, sie merkte, dass es mir schwer fiel. Ich gab mir Mühe und versuchte ihr zu vertrauen. ,,Ich konnte mich plötzlich nicht mehr wohlfühlen ihm gegenüber. Und ich hatte das Gefühl, dass ich noch gar nicht so bereit bin für eine Beziehung so einer Art bin." ,,Ja okay." Es war komisch, dass sie nur zwei Wörter sagte, aber sie schien zu überlegen. ,,Ich glaub, ich verstehe, wie du dich fühlst." Sie nahm ihre Tasse und trank daraus. ,,Wenn ich das Richtig verstehe, bist du Jungfrau?" Ich nickte. ,,Melia, ich weiß du bist jünger, und ich denke irgendwie, da ich ja auch mehr Erfahrung hab, kann ich dir helfen. So weißt du, große-kleine Schwester Prinzip." Ich zuckte mit den Schultern. Eigentlich war ich ja die große Schwester und ich kannte es nicht, dass jemand einem Ratschläge geben konnte oder einen verstand. ,,Weißt du was wichtig ist? Dass du dich wohlfühlst. Und solange du das nicht tust, musst du auch nichts machen. Es ist dein Körper, und deine Entscheidung. Und wenn du kein Bock auf sowas hast, dann lässt du es sein. Klar?" Ich nickte. Ihre Ansage war locker, aber ich verstand was sie sagen wollte. ,,Wie... Wie hast du herausgefunden, dass es um Sex geht?" Schließlich hatte ich es nirgendwo erwähnt. ,,Keine Ahnung, ich hab geraten. Manchmal merkt man sowas einfach, und glaub mir, ich hatte auch mal das Problem, als ich noch Jungfrau war. Ich glaub viele Mädels kämpfen damit, weil Jungs sowieso viel schneller bei sowas sind." Ich war erleichtert, und dachte, dass das Thema hiermit beendet war. Es tat gut, Zuspruch zu finden und irgendwie fühlte es sich echt an, wie das große-kleine Schwestern Prinzip. Aber Linda harkte weiter nach. ,,Und weswegen habt ihr euch jetzt gestritten?" Ich zögerte, sollte ich das erwähnen? Irgendwie vermutete ich, dass Linda meine Reaktion als überreagiert bezeichnen würde, und das wollte ich nicht. ,,Ja weil..." Die Wörter blieben mir ihm Hals stecken. So kannte ich mich gar nicht. So kleinlaut und unbewusst. Klar, mir ging es nicht gut, und irgendwie konnte ich mich auch nicht wirklich öffnen. Aber von dem geradeaus eiskaltem Mädchen das mal in mir steckte, war nicht mehr viel übrig. Entweder legte ich meine Gedanken auf den Tisch oder ich zeigte Linda, dass ich zu Blöd war um sie auszudrücken. Irgendwie machte mich das wütend, aber ich versuchte mich zusammen zu reißen und plötzlich platzte es aus mir heraus und ich redete ohne Punkt und Komma. ,,Ja weil er sich mit irgendwem unterhalten hat und plötzlich über Sex geredet hat und irgendwie hab ich das mitbekommen und er hat es so komisch dargestellt und ich kam mir so komisch vor, so blöd hingestellt. Natürlich hat er nicht gemerkt dass ich zugehört habe und als er mich dann gesehen hat hat er ziemlich blöde aus der Wäsche geguckt. Ich weiß auch nicht, irgendwie hab ich mich so billig gefühlt, auf jeden Fall hat er mich so dargestellt oder vielleicht wollte er es auch nicht aber er hat es getan und er kann es nicht rückgängig machen und ich auch nicht aber es waren irgendwie so Worte die mich unter Druck gesetzt haben. Er hat gesagt dass es mal langsam Zeit wird und mal sehen was sich da so machen lässt und niemand, wirklich niemand hat mich gefragt!" Als ich meine Monolog beendete war ich völlig außer Atem. Linda hatte zugehört und schaute mich mit einem entsetzten aber auch erschrockenen Blick an. ,,Und dann habt ihr euch gestritten?" Ich nickte nur, denn mir blieb immer noch die Puste weg.
Linda schlug vor, dass ich mit Ben reden sollte. Ich nahm ihren Rat an, aber irgendwie verstand sie das nicht und ich konnte es ihr auch nicht erklären. Wie sollte ich sagen, dass es verdammt schwer war und dass ich mit mir selber kämpfte? Ich konnte mit Ben nicht einfach über meine Gefühle reden. Das war alles viel leichter gesagt, als getan. Natürlich hatte ich Linda nicht erzählt, dass Ben jetzt rauchte. Vermutlich machte sie daraus auch nicht so ein riesen Ding, wie ich. Aber ich hatte immer noch ein schlechtes Gewissen. Ich wusste, dass man nicht so einfach aufhörte, wenn man einmal angefangen hatte, und ohne mich hätte Ben womöglich überhaupt nicht angefangen.
Linda und ich machten uns noch einen coolen Abend auf ihrer Couch und bestellten Pizza. Wir schauten irgendeine Serie, die Linda gerne schaute. Es war fast ein richtiger Mädels-Abend, wie man ihn sich vorstellte, und es gefiel mir. Ich hatte sowas vorher nie gemacht. Meine Abende, besonders am Wochenende, hatten meistens nur aus Alkohol, Zigarettenrauch und breiten Menschen bestanden.
Am nächsten Tag ging ich wieder zur Schule, aber Ben sah ich diesmal nicht. Er stand auch in der Pause nicht da, wo ich ihn am Tag zuvor rauchen gesehen hatte und in den Fluren entdeckte ich ihn auch nicht. Natürlich versuchte ich nicht daran zu denken, aber insgeheim hielt ich trotzdem nach ihm Ausschau. Anna sagte mir auch nichts, mit der, und mit sonst keinem aus meiner Klasse, redete ich sowieso nicht.
Ich war die restlichen Tage der Woche viel alleine Zuhause. Papa war arbeiten, Jamila trieb sich mit irgendwelchen Freunden rum und wo Susan war, wusste ich nie. Oft lag ich in meinem Zimmer auf dem Fußboden und starrte einfach nur an die Decke. So konnte ich gut nachdenken. Ich rauchte sehr viel und dachte darüber nach, wie es sein würde, wenn es jetzt nicht so war wie es war. Außerdem malte ich mir aus, wie ich mit Ben über meine, beziehungsweise unsere, Gefühle reden konnte. In einem knappen Monat war ich schon Achtzehn. Achtzehn verdammte Jahre und ungefähr die hälfte davon war scheiße. Es war eines der seltenen Male, dass ich an meine Mutter dachte. Irgendwie hatte ich ja keine Mutter mehr, ich wusste nicht mal, wo sie wohnte, was sie machte und wie es ihr ging. Und es reizte mich auch überhaupt nicht, das zu erfahren. Hier in Berlin, in einer so vollen Stadt, lebte ich doch lieber, als bei irgendeiner Frau, der ich wahrscheinlich egal war. Ich wusste nicht einmal, ob meine Mutter sich noch in meiner Nähe befand. Vielleicht war ich ihr ja schon öfters begegnet, ohne, dass ich es wusste. Ich hatte so viele Gedanken, an jedem Nachmittag, den ich alleine auf meinem Zimmerfußboden verbrachte. Aber trotzdem füllte das alles nichts, die Leere in mir blieb.




