Nein danke, ich möchte nicht in Ihrer Schublade stecken
Frauen sind dies, Frauen sind jenes. Feministinnen sind so und nicht anders. Es scheint ungemein wichtig zu sein das eigene Handeln als Frau bestimmten Schablonen unterzuordnen. Wenn du Feministin bist, dann bist du pro Quote, gegen Schönheitsideale und gegen stay-at-home Mütter. Als Hausfrau bist du gegen Akademikerinnen, kurz geschorene Haare und für das Betreuungsgeld. Ist ja auch bequem sich in eine Schublade zu pressen. Sie erspart es einem selbständig zu denken.
Ich möchte das nicht. Ich möchte das Recht haben ich selbst zu sein ohne dabei einer starren Anleitung zu folgen.
Ich bin eine junge Akademikerin. Ich trage kurze Haare und tiefe Ausschnitte. Ich gehe ins Solarium und habe keinen blassen Schimmer von Make-up. Ich will promovieren und meinem Freund trotzdem jeden Abend das Essen auf den Tisch stellen. Wenn ich Kinder habe will ich zu Hause bleiben und wenn ich mein Studium beendet habe Professorin werden. Ich darf das, auch wenn es die meisten Deutschen verwirrt und einige zur Weißglut treibt.
Ich bin gegen eine Quote und gegen das Betreuungsgeld. Ich bin für Slutwalks und für Frauen am Herd. Wenn ich kurze Röcke und tiefe Dekolletees trage, dann nicht für mich. Als würde man seine Brüste für sich selbst zur Schau stellen. Warum? Damit ich an mir runtersehe und denke “Gott sei Dank, sie sind noch da”? Glaubt ihr euch das selbst, wenn ihr sowas behauptet? Das “für mich” bedeutet an dieser Stelle doch nichts anderes als: Ich tue das für mich, weil ich die Aufmerksamkeit und die Komplimente genieße. Bloß weil ich was im Köpfchen habe will ich nicht darauf verzichten auch für mein Äußeres Lob zu ernten. Einige werden jetzt aufgebracht denken: “Das hat dir die Gesellschaft anerzogen!” Ja. Und? Ich lebe in einer Gesellschaft, und zwar gern. Was ist so schlimm daran sich dem Umfeld in dem man lebt in gewissem Maße anzupassen? Was spricht dagegen meine Sozialisation in den Grenzen, die mir persönlich zusagen, anzunehmen?
Lange Haare empfinde ich persönlich als Last. Deswegen trage ich sie kurz. Dennoch kann ich Frauen mit langer Mähne schön finden oder sogar bewundern. Es ist mein Recht mir meine eigene Identität zusammenzukleben, aus Normen und Normbrüchen, aus Tradition und Fortschritt.
Die Zuordnung zu einer bestimmten Gruppe führt in vielen Fällen dazu, dass Themen, Texte und Menschen nicht mehr differenziert betrachtet werden. Sobald Kritik an etwas geäußert wird, dass man gut findet (oder gut finden muss) werden die vermittelten Inhalte gar nicht mehr richtig gelesen. Ein Beispiel:
In Martensteins Text steht zu Wissenschaft folgender Absatz:
Das Feindbild der meisten Genderforscherinnen sind die Naturwissenschaften. Da ähneln sie den Kreationisten, die Darwin für einen Agenten des Satans und die Bibel für ein historisches Nachschlagewerk halten. "Naturwissenschaften reproduzieren herrschende Normen." – "Naturwissenschaften konstruieren Wissen, das den gesellschaftlichen Systemen zuarbeitet." – "Der Objektivitätsanspruch der Wissenschaft ist ein verdeckter männlicher Habitus." – "Naturwissenschaft und Medizin haben eine ähnliche Funktion, wie die Theologie sie einst hatte". Von solchen Sätzen wimmelt es in den Einführungen. Irgendwie scheint Genderforschung eine Antiwissenschaft zu sein, eine Wissenschaft, die nichts herausfinden, sondern mit aller Kraft etwas widerlegen will. Aber wenn Wissenschaft immer interessengeleitet ist, was vermutlich stimmt, dann gilt dies wohl auch für die Genderforschung.
http://www.zeit.de/2013/24/genderforschung-kulturelle-unterschiede/komplettansicht
Er schreibt über Seiten hinweg mal mehr mal weniger deutlich immer wieder, dass die Gender Studies selbst an naturwissenschaftlichen Erkenntnissen zweifeln. Dass die Erde rund ist, ist, meines Wissens nach, eine Erkenntnis der Naturwissenschaft. Martenstein zu unterstellen, dass er die Naturwissenschaften ablehnt, weil er in einem kritischen Text über Gender Studies schriebt, dass diese die Naturwissenschaften oft ablehnen, ist grober Unfug und zeigt, dass der Text nicht richtig gelesen wurde. Es geht nicht mehr um Inhalte oder darum sich mit einem Text sinnvoll auseinanderzusetzen. Es geht nur noch darum zu polarisieren und die Fahnen der Gruppe, derer man sich zugehörig fühlt, blind vor sich her zu tragen.
Eine Frau, die in einer heterosexuellen Ehe lebt, sollte ihre Perspektive nicht als feministische Perspektive bezeichnen. Frage ist warum. Haben die nichts zu sagen? Sind sie vom System zu sehr gebrochen? Ist die heterosexuelle Ehe als feministisches Thema per se ungeeignet, weil es zutiefst antifeministisch ist als Frau einen Mann zu heiraten? Wenn ich einen Mann geheiratet habe, soll ich dann diese Beziehung nicht thematisieren oder habe ich mich dann in Gänze disqualifiziert?
Mein Leben und dessen Gestaltung werden nicht von Schablonen diktiert, sie werden lediglich inspiriert. Ich wünsche mir dafür Akzeptanz und hoffe, dass Frauen es wagen ihren Weg zu gehen ohne von Feministinnen oder Traditionalistinnen verurteilt zu werden. Das ist wahrer Feminismus für mich, das ist mein Feminismus. Nicht das bloße Kopieren männlicher Muster und die Forderung nach Auflösung von allem was war, sondern das Annehmen aller Facetten unserer selbst. Die Freiheit entscheiden zu können.
Ich schließe mit einem Zitat aus dem Lied "Cont" von Tim Minchin: "And women who judge other women for not holding the same views as them vis-a-vis career and mothering just make me so mad. Does that make me bad?"