Bevor Robb Stark (Richard Madden) selbst umgebracht wird muss er mitansehen, wie seiner schwangeren Ehefrau mindestens zehnmal ein Dolch in den Bauch gerammt wird. Die Frau weint und schreit bewegungslos, ihre Augen weit aufgerissen. Sie sackt auf den Boden und während sie jämmerlich verblutet trifft Robb ein Pfeil mitten durch die Brust. Als das nicht reicht wird er ebenfalls erstochen. Robb’s Mutter, die nur lange genug am Leben gelassen wird um den Tod ihres Sohnes zu sehen, wird kurz darauf die Kehle durchgeschnitten. Und weil das nicht schrecklich genug ist köpft man Robb danach, köpft seinen Wolf, näht den Kopf des Wolfes auf seinen Körper und lässt die geschändete Leiche auf einem Pferd unter Gesang und Gelächter durch den Hof reiten, was wiederrum Robb’s kleine Schwester mit ansehen muss. Und das war nicht einmal das Finale der dritten Staffel von „Game of Thrones“. Die vierte Staffel hat gerade erst begonnen und schon durfte ich mitansehen, wie ein Zwillingspaar nicht so richtig einvernehmlich Sex vor der Leiche ihres Sohnes hat. Warum gucke ich das? Das grausamste Tier ist der Mensch, das wusste schon Nietzsche und es ist sicherlich keine Offenbarung. Die westliche Welt ausgenommen. Natürlich! Ich bin immerhin bei den Guten. Wenn die Guten Kriege führen, dann nur um Ländern zu helfen, die es nicht so gut haben. Abgesehen von ein paar bedauerlichen Einzelfällen gibt es bei den Guten keine Folter oder Ritualmorde. Und wenn doch, dann sind die Computerspiele schuld, oder Heavy Metal, oder die Ausländer, oder der Täter hat zu viele Konservierungsstoffe gegessen. Das sage ich mir und dann setze ich mich vor den Fernseher, mache es mir bequem und ergötze mich an Verstümmelungen, Vergewaltigungen und Hinrichtungen. Nicht in den Nachrichten, das wäre doch barbarisch. Das kann sich ja niemand mehr anschauen, die Nachrichten. Obwohl die Nachrichten früher viel mehr davon gezeigt haben wie schlecht die Welt ist. Die Realität des Krieges in einer Nachrichtensendung zu präsentieren ist sowieso schwierig, aber mittlerweile sehe ich nur noch Symbolbilder, die mein zartes Gemüt schonen sollen. Die Hinrichtung von Saddam Hussein habe ich natürlich trotzdem auf Youtube gesehen. Das ist mir aber peinlich. Ich habe mir das ja nicht angeguckt um sicher zu gehen, dass er tot ist. Sondern weil es mich fasziniert hat zu sehen, wie ein Mensch erhängt wird. Dafür bin ich eigentlich viel zu zivilisiert. Und doch ist da dieser antike Römer tief in mir, der im Kolosseum steht und Befriedigung empfindet, wenn jemand sterben muss. Wenn ein pädophiler Vergewaltiger im Knast von den anderen Insassen gefoltert wird hat er das ja auch irgendwie verdient. Finde ich. Sage ich natürlich nicht. Und wenn, dann nur im kleinen Kreis nach dem dritten Bier. Die Welt ist ja so schlecht. Gott sei Dank bin ich bei den Guten. Wäre ja nicht auszudenken, wenn es nicht so wäre. Ich gucke halt gern Serien, in denen Menschen auf brutalstmögliche Art geschlachtet werden. Aber das ist doch Fiktion. Das gucke ich mir an um nach der Arbeit zu entspannen. Das ist etwas ganz anderes. Das kann man doch gar nicht vergleichen! Ich kann mich nicht erinnern in meinem Bekanntenkreis mal gehört zu haben: „Hast du gestern in der Tagesschau gesehen, wie dieser Zivilist erschossen wurde? Voll krass!“ Also bitte! „Hast du gestern in „Game of Thrones“ gesehen, wie Arya dem Typen ganz langsam ihr Schwert durch die Kehle gebohrt hat?“ Das habe ich schon öfter gehört. An „Game of Thrones“ fasziniert mich gerade die Unbarmherzigkeit, mit der Hauptcharaktere umgebracht werden. Die Andersartigkeit, das von meinem Leben total Abgetrennte. „Game of Thrones“ ist oft an entscheidenden Stellen nicht spannend, weil man weiß, dass sowieso alle sterben. Spannend ist nur noch das „Wie“. Und das „Wie“ ist es, dass mich bei jeder Folge wieder den Atem anhalten lässt. Ist ja nicht echt. Das wird man jawohl noch gucken dürfen. Ich finde es dann ja auch entsprechend eklig und geile mich daran nicht auf oder so. Wenigstens sage ich mir das, wenn ich mir Mord um Mord und Vergewaltigung um Vergewaltigung angucke und dabei Popcorn rumreiche. Ich behaupte dann es ginge mir um die tieferliegende Bedeutung, die in der Geschichte steckt. Aber kann ich sage welche Bedeutung das sein soll? George R.R. Martin, der Autor der Buchreihe „Das Lied von Eis und Feuer“, deren Verfilmung „Game of Thrones“ ist, kann das. Auf meine Frage ob der Kriegsepos „Das Lied von Eis und Feuer“ nun kritisieren solle, dass Krieg eigentlich doof, unmenschlich und brutal ist oder einfach unterhalten soll antwortet Martin, dass es sich in der Tat um Kritik und nicht nur Unterhaltung handelt. Das wäre auch total glaubwürdig, wenn beim Lesen oder Sehen das Gefühl aufkäme da wird was kritisch verhandelt. So entsteht bloß der Eindruck, dass Martin, der als kleiner Junge Monstergeschichten an Nachbarskinder vertickt hat und dessen Haus mit Äxten und Schwertern geschmückt ist, irgendwie drauf abfährt. Weil eben keiner in „Game of Thrones“ mal innehält und sich fragt in was für einer abgefuckten Zeit er lebt und was für abgefuckte Dinge er tut. Außer Tyrion Lannister (Peter Dinklage). Tyrion ist unser aller Gewissen. Natürlich gibt es finstere Epochen in der Geschichte. George R.R. Martin betont in Interviews immer wieder, dass viele seiner besonders scheußlichen Episoden Vorbilder aus der Geschichte haben. Das mag natürlich sein. Problematisch ist, dass Martin sich Negativbeispiele aus vielen tausend Jahren Menschheitsgeschichte zusammensammelt und hintereinander weg rekapituliert, Seite um Seite, Folge um Folge. Da kann ich auch gern darauf beharren, dass ich mir „Game of Thrones“ wegen der tollen Monologe angucke. Eigentlich ist es das perfide Spiel um Macht, dass mich begeistert und es sind die blutigen, unmenschlichen Szenen, die mich fesseln. Auf Twitter und Facebook diskutiert man darüber, wie sehr gehofft wird, dass der Eine oder Andere endlich krepiert, dass er von dem oder dem umgebracht werden soll, dass endlich mal wieder jemand so oder so gestorben ist. Aber das macht nichts. Ich bin ja bei den Guten. Das ist ja nur Fernsehen. Das ist Kriegskritik. Das sind ganz tolle Dialoge (an die ich mich nicht erinnern kann, aber wie Robb Stark gestorben ist weiß ich noch genau). Ich habe aber nicht das Gefühl, dass mich das Ansehen der Szenen pazifistischer macht. Es bringt mich nicht dazu plötzlich reale Geschehnisse zu hinterfragen. Ich rechtfertige meine Faszination vor mir selbst um mich nicht damit auseinanderzusetzen, warum ich das wirklich gucke. Genau wie George R.R. Martin versucht zu rechtfertigen warum er so etwas schreibt, statt einfach zuzugeben, dass es ihm Freude bereitet. Der ist halt auch ein Guter. Was für eine Erleichterung. Der wahre Grund für meine Faszination ist nicht die Kriegskritik, so gern ich es glauben möchte. Dr. Christian Lüdke, Kriminalpsychologe und Geschäftsführer der "TERAPON Consulting GmbH", die Opfer von traumatischen Ereignissen unterstützt, erklärte mir, warum wir Realität und Fiktion anders bewerten. Der Mensch ist, trotz allem, empathisch (was tatsächlich erleichternd ist) und fühlt automatisch mit, wenn er beispielsweise einen Verkehrsunfall sieht. Nach dem Prinzip „ich fühle, was du fühlst“ geht es mir persönlich nah und ich schalte unbewusst ab, um mich selbst vor der Grausamkeit zu schützen. Anders verhält es sich bei Fiktion. Wenn ich einen besonders bescheuerten Tag hinter mir habe, benutze ich fiktionale Gewalt, ohne es zu merken, als eine Art innerer Befreiung. Vielleicht war der Chef gemein oder der Freund war blöd. Da ich ja nun weder meinen Chef anschreien, noch meinen Freund bepöbeln oder meine Katzen schlagen kann, laufe ich mit meiner Wut herum und weiß nicht wohin damit. Durch das Eintauchen in eine fiktionale Welt, in der Gewalt gelebt wird, kann ich mich mit den Personen identifizieren und aus dem negativen Gefühl der Ohnmacht das positive Gefühl der Allmacht werden lassen, ohne mich von dem bequemen Sofa der Fiktion auf das harte Nagelbrett der Realität zu begeben. Eine Art innerer, voyeuristischer Katharsis. Es ist eine Möglichkeit mein Bedürfnis zu befriedigen, ohne dass jemand zu Schaden kommt. Voll praktisch. Wenn ich wenigstens versuche mich von meinem zivilisierten Ich, davon dass ich eine von den Guten bin, nur für eine Sekunde zu lösen, was schwer und sagenhaft unangenehm ist, dann wird mir klar: Genau so ist es. Ich komme auf dem Weg ins Büro, im Supermarkt oder abends in der Kneipe nicht mit Gewalt in Berührung. Ich will das auch nicht, weil ich Angst davor habe Opfer zu werden. Aber wenn ich ehrlich bin, dann bin ich nicht frei von Gewaltfantasien. Niemand ist das. Ich bin derart losgelöst von diesem Trieb, dass ich ihn niemals ausleben würde. Es genügt mir völlig diesen Trieb zu befriedigen, indem ich mir ansehe wie Robb Stark ermordet oder Saddam Hussein erhängt wird, genau wie es dem antiken Römer genügt hat sich anzusehen wie ein Gladiator geköpft wird und genau wie es noch heute Menschen genügt sich Stiefkämpfe anzusehen. Aufgrund meiner Sozialisation ist es mir nicht möglich mir bei realer Brutalität ein gutes Gefühl zu erlauben. Das gehört sich nicht. Bei „Game of Thrones“ ist das anders, weil ich mich im Schoß einer millionenstarken Gruppe wiege, die die selbe Faszination offen auslebt. Und wenn ich den mordlustigen Steinzeitmenschen in mir damit befriedigen kann ist der Gesellschaft am Ende wohl sogar damit geholfen. Ich habe auf dieser Reise in mein finsterstes Inneres gelernt zu akzeptieren, dass ich nur oberflächlich bei den Guten und nur oberflächlich zivilisiert bin. Und wenn ein bisschen Blut im Fernsehen in der Lage ist diese Fassade aufrecht zu erhalten finde ich das sogar irgendwie beruhigend. Danke, Mr. Martin.