„Manchmal fiese Sportart“: Wie Stefan Blum in Mülheim als Kegeltrainer arbeitet
Mülheim. Wie arbeitet eigentlich ein Trainer beim Sportkegeln? Stefan Blum vom Zweitligisten SKG Mülheim hat uns Einblicke in seine Arbeit gewährt.
Von Marcel Dronia / 20.03.2026
Im Kegelzentrum an der Moritzstraße in Mülheim-Styrum spielt sich auf mehreren Bahnen gleichzeitig ein ähnliches Szenario ab. Erst das leichte Rumpeln der Kugel über die Bahn, dann das laute Krachen der fallenden Kegel. Hinter den gerade Aktiven sitzt Stefan Blum und beobachtet die Bewegungsabläufe ganz genau. Hin und wieder muss er korrigierend eingreifen. Der 59-jährige gilt als einer der besten Kegeltrainer in Deutschland und ist in Mülheim einer von zwei Nominierten für die Auszeichnung zum „Trainer des Jahres“.
„Ich coache eigentlich schon immer“, sagt der gebürtige Oberhausener, der in Holten schon als B-Jugendlicher die Damenmannschaft trainiert hat. Später war er bei drei Weltmeisterschaften der Seniorinnen als Coach dabei. „Ich habe 1973 mit dem Kegeln angefangen, habe also jetzt 53 Jahre auf dem Buckel, das macht eine Menge aus“, sagt Blum.
Über die Eltern kam er klassisch zum Kegeln, spielte später zehn Jahre in der ersten Liga und gewann mit Wanne-Eickel den Europapokal. Einmal absolvierte er sogar ein Länderspiel für Deutschland gegen Luxemburg. „Das klingt für Außenstehende jetzt vielleicht nicht so spektakulär, aber Luxemburg war zu dem Zeitpunkt der amtierende Mannschaftsweltmeister“, erklärt der Kegler.
Seit 2007 spielt er für die Sportkeglergemeinschaft Mülheim in Styrum. „Ich wollte nicht mehr so weit fahren“, lacht der 59-Jährige. Weil er irgendwann aufgrund von Koordinationsschwierigkeiten eine ganze Weile nicht mehr selbst kegeln konnte, übernahm er die Betreuung während der Spiele. „Ich sehe relativ schnell, wie die überall unterschiedlichen Bahnen gebaut sind und kann in den Auswärtsspielen Ratschläge geben“, beschreibt Blum seine Rolle im Wettkampf.
Er achtet auch darauf, wie die Kegel fallen und in welchem Winkel sie angespielt werden müssen. „Einen Fehler sollte man möglichst schnell erkennen, sonst hat man leicht mal zehn Holz verschenkt. Meine Aufgabe ist es daher, den Spieler eine Sache nicht viermal falsch machen zu lassen“, betont Blum und ergänzt mit einem Schmunzeln: „Ich bin wie der Co-Pilot beim Rallye-Fahren.“
Mittlerweile ist er aber auch mindestens einmal die Woche im Mülheimer Kegelzentrum vor Ort und coacht einzelne Spielerinnen und Spieler. „Mit manchen mache ich auch extra Termine aus, wenn wir gemeinsam an etwas arbeiten wollen“, erklärt der Coach.
„Er sieht die Dinge, die keiner sonst sieht und diese Dinge sind oft der Unterschied, zwischen gut und sehr gut. Die Kegler, die sich auf ihn einlassen, werden sich verbessern und auch mich hat er nach über 40 Jahren noch einmal viel besser gemacht“, sagt Heiko Störig aus dem Mülheimer Zweitliga-Team, das seine Saison gerade auf Platz fünf abgeschlossen hat.
Aber wie kann sich der Laie so ein Training vorstellen? „Kegeln ist ja irgendwie eine fiese Sportart“, sagt Stefan Blum augenzwinkernd. Technisch ein Stück weit mit Darts vergleichbar, wo es auch darum geht, die perfekten Würfe möglichst oft zu reproduzieren. Eine Neun im Kegeln hat sogar der Kneipenspieler schonmal geschafft, aber 120-mal im Wettkampf? Da trennt sich die Spreu vom Weizen.
„Man braucht vor allem einen konstanten Anlauf“, sagt Blum. Klassisch würden drei Schritte gemacht, Rechtshänder laufen mit links an und umgekehrt. „Streng genommen läuft man an der Kugel vorbei“, erklärt der Experte. Dabei sei auch die Stellung ganz wichtig. „Vereinfacht gesprochen stellt man sich so hin, dass man mit dem perfekten Wurf eine Neun kriegt“, sagt Blum. Selbst mit 80 Prozent richtiger Technik könne es noch für die volle Punktzahl reichen.
Andererseits deute eine neun noch längst nicht auf einen perfekten Wurf hin. „Wir definieren uns leider noch zu sehr über Endzahlen. Man sollte aber lieber auf den richtigen Ablauf achten“, findet Blum. Denn: „Manchmal bleibt einfach einer stehen und umgekehrt kann auch eine neun falsch sein. Da ist eine Herangehensweise ans Training, die vorher noch nicht unbedingt gemacht worden ist“, sagt der Mülheimer Coach.
Selbst bei Spielern mit 30 Jahren oder mehr Erfahrung sei noch Luft nach oben, wenn diese zum Beispiel lange nicht auf ihre optimale Stellung geachtet hätten. Wobei es den einen perfekten Anlauf ohnehin nicht gibt. „Man muss ihn so hinkriegen, dass man ihn für sich am häufigsten reproduzieren kann“, erklärt der Coach. Der Sinn des Trainings sei es, den Spieler selbst zu befähigen, Fehler zu erkennen und darauf zu reagieren. „Der absolute Top-Spieler braucht mich eigentlich nicht. Aber es gibt schon Spieler, die davon profitieren und die noch Reserven haben, die man rausholen kann.“
Auch im Training bleiben die Kegler nah an der Wettkampfdistanz von 120 Wurf und absolvieren auch bei den Einheiten maximal 160 bis 170 Versuche. „Mit 60 vernünftigen Sachen kann ich aber besser leben als mit 120 gemogelten“, betont der Trainer. Ein beliebtes Format ist, die Kegel in Vierergruppen aufzuteilen und dann immer diese bestimmten vier Pinne zu treffen. „Damit hat man eigentlich alle Würfe abgedeckt“, weiß Stefan Blum.
Manchmal sei er als Trainer natürlich auch eine Art Berater oder Psychologe. „Eine gewisse Gelassenheit muss man auch haben. Ich muss mich zwar manchmal selbst zügeln, weil ich mich ärgere, warum er oder sie das jetzt wieder so macht, aber man darf ja Fehler machen, man muss nur daraus lernen.“ Falsche Bewegungsabläufe seien sonst nur schwer wieder rauszubekommen. Schließlich geht es bei der Präzisionssportart Kegeln auch oft um Millimeter, die den Unterschied ausmachen können.
Auch wenn es für die Mülheimer Sportkeglergemeinschaft wohl nicht mehr für mehr als das Mittelfeld der zweiten Bundesliga reichen wird, sind sie in Styrum froh um die Expertise ihres Trainers. „Er nimmt sich jedes Jahr auf eigene Kosten eine Woche Urlaub und mietet sich eine Wohnung, um alle Spieler und Spielerinnen auf den Deutschen Meisterschaften zu unterstützen und zu coachen“, berichtet Heiko Störig und fasst zusammen: „Das alles ist nur ein Teil davon, was ihn außergewöhnlich macht und ihn zum Trainer des Jahres qualifiziert“.