Er fand Colleen unten am Bach. Sie hatte die Schuhe ausgezogen und den Rock ein wenig nach oben gerafft, so dass sie die Füße in das klare Wasser tunken konnte. Hier, fernab von den Blicken, die jeden ihrer Schritte beurteilten, kam die wahre Colleen zum Vorschein. Die Colleen, die Liam am liebsten mochte.
Ihr Haar war strahlend blond, noch eine Nuance heller als das von Ronan. Sie trug es zu einem lockeren Dutt gebunden, den ihre Mutter sicherlich nicht gebilligt hätte. Liam lie sich neben Colleen ins Gras fallen. Sie sah nicht einmal auf. Wahrscheinlich hatte sie ihn schon lange bemerkt.
“Du solltest dich für deine Geburtstagsfeier umziehen”, sagte er.
Colleen entglitt ein kleines Schnauben. Sie warf einen Kiesel ins Wasser. “Ist doch nur mein Vierzehnter”, erwiderte sie und wandte das Gesicht, so dass sie ihn ansehen konnte. “Wusstest du, dass meine Mutter jetzt schon von meinem Sechzehnten spricht? Davon, dass ich dann offiziell heiratsfähig bin? Wieviel Ansehen es der Familie bringen wird, wenn du um meine Hand anhältst? Sie rechnen fest damit.”
“Ich weiß.” Liam presste die LIppen zusammen “Meine Mutter überlegt jetzt schon, wen sie zur Feier einladen soll. Und mein Vater spricht nicht darüber aber ich weiß, dass er es erwartet. Es wäre eine gute Liaison für unsere beiden Familien.” Er kannte seine Pflichten. Sein Vater hatte sie ihm ausgiebig genug eingebläut, mit Gewalt, wenn es sein musste. Liam liebte Colleen nicht, zumindest nicht so wie er glaubte, dass sich Liebe anfühlen sollte. Aber er mochte sie, empfand ehrliche Zuneigung für das Mädchen, mit dem er in ihrer Kindheit Hühner durch den Stall gejagt hatte und auf Bäume geklettert war. Colleen kannte ihn so gut wie niemand anders, zumindest, seit Ronan aus seinem Leben verschwunden war. Und er konnte dankbar dafür sein, dass seine Eltern jemanden für ihn ausgesucht hatten, mit dem für ihn ein gemeinsames Leben immerhin möglich schien.
“Willst du, dass ich dich in zwei Jahren frage?” Die Worte waren geflüstert. Er liebte Colleen, so wie er seine Schwester liebte. Für keinen Preis der Welt hätte er ihr Leid zugefügt.
Sie atmete langsam aus. “Ich glaube, ich möchte überhaupt nicht heiraten, Liam. Aber wenn ich muss - und das tue ich - dann könnte ich mir dafür niemanden vorstellen außer dir.”