WIE ICH FRÜH ZUM ROMANTIKER WURDE ODER BESSER ZUM „WANDERER ZWISCHEN DEN WELTEN“
Meine Zeit im Exil in der Schwäbischen Alp würde ich im Nachhinein als Soft-Trauma bezeichnen. Soft, weil meine Tante alles tat, um für einen fünfjährigen Ersatzmutter zu spielen, traumatisch, weil ich das Wegschicken, die Verbannung aus der Familie auch dort nie richtig verkraftet habe. Ich habe dieses Trauma in Bildern festgehalten. Die lassen sich in zwei Traum-Symbol-Motive einteilen: Der immer wieder kehrende Regenbogen. Die echte Freude eines schamlos belogenen Kindes, dass sich auf das Geschwisterchen freut – meist eher in der linken Bildhälfte platziert – und die roten schwarzen riesigen furchterregenden Greifvögel, die sogar kleinere Vögel zerfleischen. Die fliegen oft auf der rechten Bildseite.
Ich glaube inzwischen, dass sie mehr bedeuten als nur Faszination für die Fauna der damals noch weitgehend unberührten Schwäbischen Alp. Ihre allarmierende Häufigkeit machen mich stutzig. Kinder malen Traumbilder. Und Vögel bedeuten in Träumen nichts Gutes. Der Horror-Film „Die Vögel“ von Hitchcock, der auf der Traumdeutungstheorie von C.G. Jung basiert zeigt das auf eindringliche Weise. Die Vögel sind im Kopf. Vogelträume bedeuten, dass man sich in seinen Kopf geflüchtet hat und kurz davor ist verrückt zu werden, weil man sich Dinge, die um einen herum passieren nicht richtig erklären kann. Der Vogel ist auch immer ein Zeichen der Flucht.
Nach meiner Rückkehr werden die Vogelmotive seltener. Der Fluchtgedanke bleibt, die bedrohlichen Vögel werden abgelöst durch wehrhafte Ritter, durch Burgen aber auch durch Ruinen. Das traumatisierte Kind wird zum Romantiker. In der 3. Grundschulklasse machte ich eine Bildbeschreibung über das Bild von C. David Friedrich „Männer im Mondschein“, dass sogar vom Schulamt mit einem kleinen Buchpreis prämiert wurde.
Dass unten abgebildete Aquarell entstand kurz nach meiner Rückkehr aus dem Exil. Mit wenigen Pinselstrichen malte ich die Burgruine am Drachenfels bei Bonn, die man von unserer Veranda aus sehen konnte. Davor der Rhein. Mit großem Entsetzen habe ich beim Sortieren meiner Kinderbilder gemerkt, dass diese frühe Begabung immer mehr verloren ging, schlimmer noch, sie wurde mir regelrecht ausgeprügelt. Die idyllischen Motive werden abgelöst durch wirre Schlachtenbilder, blutige schlecht gezeichnete Gemetzel.
Ich habe dann spätestens während meiner Lehrzeit in der Schriftsetzer-Hölle wieder zur Romanik zurückgefunden. Sämtliche Romantiker gelesen angefangen von Wackerode, bis hin zu Tieck, Eichendorff, E.T.A. Hoffmann, Hauff, Brentano und natürlich den leider früh verstorbenen Novalis. Vor drei Jahren kam dann die tragisch verstorbene Dichterin Karoline von Günderode dazu. Untrennbar verbunden bin ich bis auf den heutigen Tag mit dem Maler Caspar David Friedrich, in dessen Gesicht ich nicht nur eine Seelenverwandtschaft sehe. Alle waren sie Wanderer zwischen den Welten, Idealisten und Patrioten ohne Nationalisten zu sein, heimatlos leidend in einem Land voller Zwietracht, Niedertracht, Dummheit und Kadavergehorsam. Vielleicht sollte man in einem bestimmten Alter aufhören an irgendwelche Türen zu klopfen. Dieses Land taumelt mal wieder in eine Dunkelheit. Daran sind nicht nur diejenige beteiligt, die dieses Land gerne im Mülleimer der Geschichte sehen, sondern auch jene, die verblendet von der eigenen Arroganz und Ignoranz nicht in der Lage sind Menschen zusammenzubringen, weil ihnen die Menschenliebe fehlt.
Vögel














