Über die Ent-ortung von Erinnerung
1)
Die Stadt als Palimpsest ist ein Ort der Überschreibung. Überall in Kiev begegnen uns umbenannte Plätze und Straßen, gestürzte und neu errichtete Denkmäler, umfunktionierte Gebäude. Das heutige Kino Кінопанорама (Kinopanorama) befindet sich auf dem Grund einer ehemaligen Synagoge. 1958 errichtet überzeugt es heute durch sein „romantisches Vintage Ambiente“. Im Internet erfahre ich weiter, dass es unter Einheimischen sehr beliebt ist, auch Arthouse Filme zeigt und über ein Café mit dem deutschen Namen Зер Гут (Sehr Gut) verfügt. Die Suchanfrage „Kinopanorama Synagoge“ liefert keine neuen Treffer. Vielleicht stimmt es nicht, dass das Internet nicht vergisst. Vielleicht sind Erinnern und Vergessen gleich bedeutend für unsere Orientierung in der Stadt, das Nebeneinander der Karte und das Übereinander des Palimpsests.
2)
Andere Orte werden nicht vergessen. Babij Jar ist so ein Ort, der über drei Jahrzehnte vergessen werden, von der Stadtkarte verschwinden sollte, den man immer wieder versucht hat, neu zu überschreiben. So dass sich die heutige Besucherin fragt: „Bleibt ein Ort derselbe Ort, wenn man an diesem Ort mordet, dann verscharrt, sprengt, aushebt, verbrennt, mahlt, streut, schweigt, pflanzt, lügt, Müll ablagert, flutet, ausbetoniert, wieder schweigt, absperrt, Trauernde verhaftet, später zehn Mahnmale errichtet, der eigenen Opfer einmal pro Jahr gedenkt oder meint, man habe damit nichts zu tun?“ (Katja Petrowskaja) Wir begehen Babij Jar ohne eine Antwort auf diese Frage. Wir besuchen die verstreuten Denkmäler, eines für jede Gruppe, die hier ermordet wurde. Dazwischen Grünflächen, Fußballfelder, Spielplätze. Die Stadt ist um Babij Jar herum gewachsen, heute versucht man, mit diesem Ort zu leben. Das Gelände bleibt trotz oder gerade wegen der vielen Denkmäler unübersichtlich. Wir wissen, was hier geschehen ist, aber nicht wo. An keinem Punkt können wir mit Sicherheit sagen: Hier ist es passiert. Es stellt sich keine Beruhigung ein, als wir diesen Ort verlassen.
3)
Eine Erinnerung zu verorten, sie auf der Landkarte zu markieren, ein Denkmal zu errichten, bedeutet auch, der Erinnerung einen Ort zu geben, ein Gedenken und ein Gedächtnis zu ermöglichen. Erinnerungspolitik hat in diesem Sinne mit Topographie zu tun. Wir besuchen mehrere Denkmäler und versuchen, eine Karte anzulegen: das Denkmal für die Toten des Holodomor liegt im Ruhmespark, zwischen dem Denkmal für einen Unbekannten Soldaten und dem Höhlenkloster; auch das Nationale Museum der Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges mit seiner Mutter-Heimat-Statue ist an diesem Park gelegen; ein Denkmal für den Kosaken Mamai wurde auf dem Maidan errichtet unweit des Unabhängigkeitsdenkmals; das erste, 1976 errichtete Denkmal für die Opfer von Babij Jar liegt nicht auf dem Gelände Babij Jars, sondern abseits, auf der anderen Seite der вулиця мельникова (Melnykova Straße), in einem eigenen Park. Google Maps schlägt vor, auch das Holodomor Memorial in Washington und den Babi Yar Memorial Park in Denver auf unsere Karte aufzunehmen. Erinnerungen werden in neue Nachbarschaften gestellt; der Raum, den sie einnehmen, ist genauestens bemessen.
4)
In der Cafeteria des Nationalen Museums der Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges sprechen wir über die Möglichkeiten der Repräsentation, der Materialisierung und Lokalisierung von Erinnerung. Was bedeutet es, dass dieses große Museum mit seinem langen Namen den Krieg in hunderten Dokumenten, Fotos und Gegenständen illustriert? Worin gründet das Vertrauen, auch traumatische Erinnerung darstellen zu können? Wir vergleichen diesen Erinnerungsort mit Babij Jar, dem unüberschaubaren Gelände, in dem die Erinnerung brach liegt und in dem selbst die Denkmäler verloren wirken. Uns fällt es schwer die materielle Fülle des einen Ortes, die Geschlossenheit seines Narrativs mit der Offenheit und Leere des anderen Ortes in Beziehung zu setzen. Unter der großen Mutter-Heimat, zwischen ausgestellten Waffen und Soldatenverehrung, wirken die beiden Vitrinen zu Babij Jar deplatziert. Die Erinnerung, die von dem einen Ort verdrängt wurde, fühlt sich am zweiten heimatlos.
5)
Sich zu erinnern bedeutet auch, eine Erinnerung an einen Ort mitzunehmen, einem Ort seine Erinnerung zurückzugeben. Auch deshalb legen wir Blumen oder Steine auf Gräbern nieder. Was aber, wenn die Orte unserer Erinnerung längst überschrieben wurden? Das Palimpsest Kievs hat uns wieder und wieder mit solchen Orten konfrontiert. Wir haben ein Gruppenfoto vor dem gestürzten Lenin-Denkmal gemacht, wir haben uns auf dem Gelände Babij Jars verlaufen. Doch was ist mit den Orten, die längst unsichtbar geworden sind? Ist die vergessene Synagoge, oder besser: das heutige Kinopanorama, vielleicht der Ort, an dem die Ent-ortung von Erinnerung am greifbarsten wird?












