Mein Interesse an Warburgs Staatstafeln und an seinen Polobjekten resultiert auch aus der Forschung und Lehre zu Kulturtechniken und aus einer Beschäftigung mit den Arbeiten von Helga Lutz und Bernhard Siegert.
Ich glaube, dass Warburg etwas von einem Recht wissen will, dessen Differenzierungen nicht aus, aber verschlungen sind, schon weil dieses Recht differenziert, in dem es verschlingt.
Warburg will etwas über das Distanzschaffen wissen. Warburg will etwas von Referenzen wissen, von Vorbildern, Nachbildern, von der Verbindung zwischen Bildern und von der Verkettung der Bilder. Was er sortiert, das ist exzessive Rekursion, aber keine Rekursion, die sich in Selbstreferenz sammelt, akkumuliert oder (gar kontinuierlich) hält. Referenzen sind ohnehin Getrenntes, sie entstehen durch Trennung, durch Unterscheidung. Das heißt aber noch nicht, dass sie darum auch Selbstreferenzen sind, vor allem nicht, dass man darum schon Selbstreferenz gegen Fremdreferenz ausspielen kann. Warburgs Referenzen: Nicht eine Referenz, keine lebenserhaltende (autopoietische) Referenz, keine monumentale Garantie, keine Referenz, die nicht Ersatz ist. Darum auch keine Referenz, deren Funktion einzigartig und unersetzlich wäre. Rom ist auf den Staatstafeln Referenz in und durch Referenzen, die vage, aber nicht unpräzise und nicht unbestimmt sind. Sie sind verschlungen. Sie stehen für etwas, indem sie verschlingen.
Ich glaube, dass man zwischen einem Thema des Kommentars auf Tafel 79, dem Titel, den Gertrude Bing dazu nach Warburgs Tod notiert (" Das Verzehren des Gottes") und dem Punkt, wo sich Symbol und Norm in Warburgs Denken begegnen (das ist die Referenz) eine Beziehung herstellen kann.
Man kann zwischen dem Verzehren und der Referenz eine Beziehung herstellen, so: dass es eine Kulturtechnik oder ein Verfahren, vielleicht eine Routine, vielleicht ein Vorgang sei, eben das Verzehren, das die Referenz stellt. Bing formuliert den Titel für Tafel 79 mit den Möglichkeiten beider Genitive. Es kann der Gott sein, der verzehrt wird, es kann der Gott sein, der verzehrt. Die Bilder zeigen sogar beides: sowohl die Kommunion/ das Abendmahl, als auch den Tod. Mehr noch: Warburg führt etwas Fürchterliches vor, nämlich den Ersatz zwischen Gründungsopfer und Gründungsmord, der keine Einbahnstraße sein muss; er führt sowohl die Verbindung zwischen dem Abendmahl und antisemitischen Aktionen vor, etwas indirekter (nämlich über die 'Wanderstraßen', auf denen man von Rom nach Orvieto kommt)I assoziiert er die Lateranverträge und die Gründung des Vatikanstaates mit dem Mord an Matteotti, mit dem Gründungsmord der italienischen, faschistischen Diktatur: Dort am Rand so einer Wanderstraße hat man den Leichnam des Sozialisten gefunden. in dieser Spanne ist hier von einem Gott die Rede, der verzehrt wird oder der verzehrt.
Das Verzehren kann unterschiedlich sein, es kann zum Beispiel Akt oder Passion sein: Dabei wird eine Spannung zwischen Aktivität und Passivität prozessiert, wie eine Spannung zwischen einem Subjekt und einem Objekt solcher Vorgänge prozessiert wird. Vismann hat für Kulturtechniken die Stellung des Verbes und des Mediums reserviert: das würde auch für Vorgänge, Verfahren oder Routinen gelten. Wenn die Referenz dasjenige ist, was verzehrt oder was verzehrt wird, dann meint Referenzieren insoweit Verzehren. Noch weiter: Bildgebung ist dann Symbolisierung, das ist ein Referenzieren - und bei Warburg ist das dann im Atlas ohnehin ein Tafeln.
Warburg nimmt auf Tafel 79 u.a. eine religiöse und eine rechtliche Praxis in Betracht, in beiden Fällen wird referenziert, und das bedeutet auch: religiert, rückgebunden. Das heißt aber nicht, dass Warburg bestimmte Vorstellungen über Bindungen glatt oder perfekt übersetzt. Warburg hat sonderbare Vorstellung. Warburg expliziert seine Vorstellungen in zwei Arten von Verben: Er benutzt zum einen solche Verben, die sich um Symbolisierung drehen, also Distanzschaffen, früher Distanznahme oder auch, ebenfalls früher Distanzschöpfung. Die anderen Verben kreisen um Bewegung: Pendeln, Schwingen. Beides bezieht er auf seine Vorstellung von Polarität. Das Symbol ist polar, die Bewegungen sind polar. Im Verzehren wird diese Konstellation noch betont. Diejenige Referenz, die durch das Verzehren gestellt wird, die ist eine vage Referenz (weder eine unbestimmte noch eine unpräzise Referenz) und sie ist eine polare Referenz. Wenn man das Vagemit dem griechischen Begriff phagein assoziiert, dann mit einem Begriff für verschleuderte Austauschmanöver und für ein Distanzschaffen, dass die Distanz, die es schafft, nicht zurücklegt. So ein Distanzschaffen vergrößert nicht unbedingt Abstände, es kann sie auch verkleinern. Referenzen, die vage und polar sind nicht zweiseitige Referenzen, nicht nur zweideutige Referenzen, sie können zwei Richtungen haben, sie können auf vergrößerte und verkleinerte Entfernung angelegt sein.
Ich glaube, dass Warburg solche vagen und polaren Referenzen nicht nur auf Tafel 79, nicht nur auf den Staatstafeln vorführt. Hier führt er sie wie ein Resümme vor, hier führt er sein Denken so vor, wie er es immer wieder in seinen Briefen an Max Warburg schildert, als ein produktives Wissen, das auch etwas bringt, zum Beispiel wenn man Kreditwürdigkeit einschätzen will. Auf den Staatstafeln führt er seine Wissenschaft als Möglichkeiten der Deutung und der Einschätzung, als Möglichkeit des Umgangs mit einer scheinbar unklaren oder zweideutigen oder aber vagen und polaren Gegenwart vor. Er führt sein Wissensproduktion so vor, wie das Gombrich und sen Übersetzer in der Warburgbiographie mit ener kurzen Formulierung auf den Punkt bringen, nämlich als ein Verfahren, das den exigencies of the moment/ den Erfordernissen des Augenblicks, der herausfordernden Verschaltung von Zeit, sowohl als Lage als auch als Geschichte, und Wahrnehmung Rechnung trägt.
In diesem Resümme führt er Symbole als Referenzen vor, weil die Referenz gleichmaßen Norm und Symbol ist. Er kommt im Resümme wieder zum Recht zurück, denn nach seiner anthropologischen Erfahrung, nach der Rückkehr aus Amerika und dem Eindruck, aus der eupäischen Kunstgeschichte seiner Zeit auststeigen zu müssen sucht er im Sommer 1896, noch wie zuerst, das Gespräch mit Sally George Melchior, dem Juristen. Nicht, dass das juristiche Wissen der eigentliche Ort des Symbolischen wäre treibt ihn dazu an: Eher schon ein Unbehagen an der großen Trennung ist es. Wieso auch immer: Zumindest bildet sich so eine Klammer zwischen dem Sommer 1896 und den Staatstafeln. Dazwischn liegen unzählige Stationen, in denen Aby Warburg sich mit dem beschäftigt, was ich hier vage und polare Referenz nenne.
Er führt solche Referenzen mit seinen Objekten vor, sowohl über die Bilder, mit denen er hantiert, als auch mit den Tafeln . Das sind immer wieder Polobjekte, mal deutlicher, mal undeutlicher, mal mehr, mal weniger, mal sicher überhaupt bicht Wo sie Symbole sind, tauchen polare Symbole auf. Das sind gleichzeitig 'vage' Referenzen, aber nochmal, weil der Sprachgebrauch sonst anders ist: sie sind aber darum weder unbestimmt noch unpräzise. Sind auch nicht dialektisch programmiert, sie fassen keine große, einzelne Aporie, keine große, einzelne Paradoxie, keine große und einzelne Ambiguität. Warburg trägt statt dessen dem Vergleich Rechnung, radikal als Wandelbarkeit, radikal in zwei Hinsichten: Es gibt keine stabile Referenz für das Referenzieren. Man wird aber auch die Geschichte, oder im Hinblick auf die Anonymität, das Unmenschliche, Unpersönliche oder Unautorisierte besser gesagt das Geschichte nicht los. Irgendwas muss man ja verzehren.
Es gibt wohl eine Verwandtschaft zwischen Klapp- und Faltobjekten und zwischen Polobjekten, also solchen Objekten, die wendig, kehrbar, drehbar und kippbar sind. Auf Tafel 79 sieht man wohl beides: das Corporale ist ein Faltobjekt, das Hamburger Fremdenblatt ist ein Faltobjekt, der kurulische Stuhl Stuhl und der Campingstuhl sind Klappobjekte. Wenn Personen durch ein Protokoll zum Objekt es Protokolls werden, also nicht sie, sondern ihr Handeln bestimmt, dann sieht man auf beiden Staatstafeln noch mehr Falt- und Klappobjekte, nämlich die Diplomaten, den Papst und den heiligen Hieronymus, die Kniebeugen machen. Auf Warburgs Tafeln sind diese Klapü- und Faltobjekte nicht nur mit Polobjekten verwandt, es sind hier auch Polobjekte. Wenn Polobjekt wendig, kehrbar, drehbar oder kippbar sind, dann kann diese Bewegungen auch vollzogen werden, in dem man etwas faltet oder klappt. Polobjekte sind Objekt, die Polarität operationalisieren, das sind Operatoren polarer Verhältnisse. Ob sie auch Operatoren hybrider Realitäten sind? Das können sie wohl sein, es können aber wohl auch Objekte 'reiner Realitäten' ein. Allein Rom wäre schon beides: hybrid und rein.