Drei kleine Objekte: Im Anhang eines Textes über Edgar Wind findet man eine Wiederabbildung von drei Masken, von sogenannten Schandmasken. Edgar Wind ist durch die Bibliothek Warburg gegangen, er ist einer seiner Schüler, der Kalauer liegt nahe: der windigste von ihnen.
Damit ist gemeint, dass er vielleicht derjenige ist, der die besten Sinne für Meteorologie hat, im Descartschen Sinne. Was bei Aby Warburg Sinn für 'seismische Aktivität' ist, das wird bei Wind zu einem Sinn für alle die Phänomene, die in dem unbekanntesten und verschwiegensten 'Hauptteil' von Descartes Methodenlehre (Discours de la méthode/ Les Meteores) unberechnet und unberechenbar gelten.
Meteore sind kleine Objekte des Kosmos, die große Aufmerksamkeit in den Wissenschaft erregen. Ob sie wirklich unberechenbar sind, ist ungewiss, noch aber, bei Descartes, sind sie unberechnet. Sie sind klein, nicht weil sich ihre Länge, Breite und Tiefe oder aber ihr Umfang oder ihre Durchmesser in kleinen Zahlen ausdrückt, insoweit können sie sogar riesig sein. Sie sind klein, weil das, was sie ausmacht sich in einer kleinen Anzahl anderer Objekte wiederholt. Ihre Kleinheit ist eine Frage der Wiederholungsrate und der Differenz.
Die Schneeflocke ist ein meteorologisches Objekt, die Tau- und Lavatropfen sind es auch, der Komet ist eins. Die meteorologischen Objekte sind noch nicht für die himmlischen Kategorien, noch nicht nicht für die irdischen Kategorien registriert. Der Niesel (bengalisch গুঁড়ি গুঁড়ি বৃষ্টি) geht auf und ab, als wüßte er seinen Weg noch nicht, weil auch seine Umwelt davon noch nichts wüßte. Eine Kollegin am MPI hat mir am Freitag das bengalische Wort für Niesel erklärt (ich arbeite plötzlich mitten im Luxus) und dabei eine Geste gemacht, in der der Klang des Wortes und die Bewegung der Tropfen in den Tropen zu einer Gebärde werden, die in den Wiederholungen gleich beim ersten mal schon minimal, dort noch unbemerkbar versetzt wird. Bei der zweiten Wiederholung merkt man es, die Geste geht mit ihren vielen Wiederholungen sehr schnell und dauert nur Sekunden. Die Gebärde ahmt die multiplen Züge nach, die solche Tropfen durch Böen oder auch den Abbruch von Wind unbeständig in der Richtung tanzen lässt. Die Geste zittert nicht, sie ist eine Mischung aus Zaudern, Tanz und spontanen Sprüngen, die vor allem mit den Fingerspitzen vor der Handfläche vollzogen wird (als wären das Figuren vor einem Grund). In Quintilians standardisierten, festgeschriebenen Gesten taucht so etwas nicht auf. Die Gebärde, die Geste ist sehr schön.
Die drei kleinen Objekte sind sogenannte Schandmasken. Edgar Wind hatte die Abbildung 1938 zuerst in einem Text über The Criminal God veröffentlicht.
Pablo Schneider hat in dem Text (einem Portrait) über Wind (in: Ideengeschichte der Bildwissenschaft) diese Abbildung noch einmal aufgenommen. Das sind Masken, die nicht nur Kunstgeschichte geschrieben haben, sie haben auch Rechtsgeschichte geschrieben Diese Masken sind mit Strafen verbunden. Nicht nur das. Die Maske ist als Person eine der zentralen römischen Institutionen, nicht nur in einem strafenden , nicht nur in bildlichem, metaphorischen Sinne, fast mehr noch in einem Sinne, der in den Begriff überging. Das ist kein perfekter Übergang. Selbst aus der Person des 19. Jahrhunderts, also aus der Person, die allgemein, frei und gleich sein soll und deren Begriff abstrakt sein soll, ist die Bildlichckeit auch mit Abstraktion niemals vollständig abgezogen. Ob man das an der katholischen Dogmatik, der Lehre von der Ebenbildlichkeit des Menschen, ob man das an Hegels Hinweisen auf den doppelten (nämlich hohen und niedrigen Klang der Person) oder schließlich an dem Zug festmacht, diese Person zwar für alle Personen stehen zulassen, aber gleichzeitig doch ein Vorbild sein zu lassen, bürglich zu nennen, wo nicht alle bürgerlich sind, das ist nicht entscheidend. In Thomas Vestings Theorie der Rechtssubjektivität wird deutlich gemacht, dass die Person bildlich gefüllt und vorbildlich blieb. Treffend insistiert Vesting darauf, dass man, falls man das mit Foucaultschen Begriffen, mit dem Dispositiv z.B., assoziiert, nicht auf Strafe und Disziplin reduzieren kann (was selbst Foucault nicht machen würde).
Der Einwand, dass doch nicht die ganze Gesellschaft bürgerlich und liberal sei und alle Gewinne, die Anreicherung und Bereicherung nicht den bürgerlich liberalen Vierteln oder Teilhabern der Gesellschaft zugerechnet, mithin die Bilder selbst dann nicht repräsentativ seien, wenn sie Personen der Oberschicht zeigen, der schlägt nicht weit, nicht endgültig durch. Ein Ende, ein Limit der Repräsentation war schon immer ein Anstoß in der Geschichte des Ikonoklasmus. Das Ende der Repräsentation hat die Bilder nicht abziehen lassen, es hat sie mit Wind, bis hin zum Bildersturm versorgt und wirbeln lassen, denn Bildersturm ist wie Bilderflut etwas, was durch Bilder, also auch dank ihrer und mit ihnen geht.
Masken, Personen: Das sind juridische Bilder und als Bilder sind sie umstrittene Objekte, die durch Verfahren zum Bild gemacht wurden. Zum Beispiel durch Fotografie und Abdruck in Büchern. Dann sind sie nicht das erste mal ein Bild, aber dann sind die Masken ein Bild in der Version einer fotografischen Reproduktion. Mit Visualität und vis, mit Bild und Bilden (nicht nur im Sinne guter Bildung, sonder auch im Sinne von Her- und Darstellung), mit einer Instituierung von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, mit einer Teilung der Sinne haben Masken auch dann zu tun, wenn sie nicht fotografiert werden.
Heute würde man sagen, dass Masken und Personen Menschen bilden, etwa weil sie bestimme Wesen subjektivieren und zu Personen machen. Das muss nicht Druck, Strafe, Gewalt und Disziplin sein. Das kann puissance, pouvoir, eine lebendiges, hilfreiches, pastorales Instituieren (Vismann) oder eine 'institutionelle Macht' (Descombes/ Vesting) sein. Das können Vorbilder, Ideale, Muster sein, an denen Wesen sich orientieren, wenn sie menschlich sein wollen und ähnlich dem Niesel nicht genau wissen, wie das geht und wohin das führt. Denkt man an die revolutionären Befreiungsbewegungen des 20. Jahrhunderts können sogar Schandmasken in Ehrenmasken et vice versa kippen. Eben noch Untergrundkämpfer oder Terroristin, wenig später Minister(in). Eben noch König, jetzt Verbrecher: Wind schreibt schließlich über Objekte windiger Zeiten. Solche alte Schandmasken sind heute Vorbilder für Fetische, die stimulieren sollen, in allen, auch infamen, auch bürgerlichen Kreisen. Stimulieren sollten sie auch damals, nicht nur schänden, nicht nur strafen.
The criminal god muss nicht immer kriminell sein. Das ist wohl ein ambiguer Gott, aber diese Ambiguität ist in Bewegung. Noch mehr: diese Ambiguität ist im Bewegtbild (nicht unbedingt in Deleuzes Sinne). Schon um den Laokoon entzündet sich daran eine Diskussion, weil das Bewegtbild Laokoon weder in Bewegung, noch in Standbild aufgeht. Damit schlägt die Ambiguität im Bewegtbild sogar zur Eindeutigkeit und zur Zweideutigkeit aus, kann stellen- und phasenweise ganz eindeutig, stellen- und phasenweise ganz zweideutig erscheinen. Man sollte diese Figur des criminal god nicht mit Schmitts Figuren oder mit Agambens Figuren verwechseln. Gerade der Unterschied zu Agamben ist deutlich, wenn der mit der Heiligkeit und dem Lager zwei Begriffe wählt, von denen der erste mit Ewigkeit und der zweite mit fester Architektur, mit Stiftung und Bergung zu tun hat. The criminal god von Edgar Wind ist kein ungründlicher Gott, er ist aber ein windiger, beweglicher Gott. Pablo Schneider schreibt in seinem Kommentar zu Wind, der Text sei wegen seiner Einrückung in die Rubrik "Verschiedenes" fast zum Verschwinden gebracht. Man kann das so sehen: der Text von Wind wurde 1938 im Journal des Warburg Institutes wie auf Zetteln serviert, nämlich in kleinem Format, fast zum verschwinden - bestens aufstöberbar.
Pablo Schneiders Text ist auch für das Verständis von Warburgs Staatstafeln wichtig. In einem Kapitel kommt Schneider nämlich auf Symbol und Polarität zu sprechen. Schneider behauptet, dass Wind ebenfalls, wie Warburg, ein besonderes Interesse an Polarität gehabt hätte. Das ist schon wichtig, weil es bei Wind keinen diagnostisch-biographischen Hintergrund dafür gibt. Er hat keine Anamnese im Rücken.
Eine rechtstheoretische und rechtshistorische Arbeit mit Aby Warburg muss sich vereinzelt eine Privatisierung von Passionen und Pathologien vorhalten lassen. Warburg projeziere seine Bipolarität in die Welt, also sei das doch eine private Theorie. Nun sind private Theorien öffentlicher Dinge keine Ausnahme. Eine private Praxis öffenticher Dinge ist der Alltag. Aber mit diesem Einwand gibt es die Vorstellung, Warburg habe auf den Staatstafeln nichts zu Verträgen und Staaten, nicht im rechtlichen und nicht im objektiven, wissenschaftlichen Sinne zu sagen, dafür sei das zu sehr der Kunst und ihren Möglichkeiten befangen, dort könne man eben subjektive Leidenschaften zum Thema machen, das bliebe aber Teil des Unerforschlichen und darauf folge für das Recht keine Lehre.
Noch Helmut Ridder glaubt 1963, dass sich der Begriff Forschung und Lehre in Art. 5 III GG nur auf die Wissenschaft, nicht aber auf die Kunst beziehe. Wie in bürgerlich-liberaler Ansicht scheint in Ridders Bemerkung die Idee durch, dass Kunst seine Ursprung und seine Heimat in einem Subjekt hätte. Ridder formuliert das nicht 'so krass', wie es das Bundesverfassungsgericht im Mephisto-Urteil tut. Ganz im Gegenteil weist er darauf hin, dass auch die Kunst etwas mit Patronat, Institution und Kollektivität zu tun habe. Sie hat auch mit Objekten und auch mit 'Objektivierung' zu tun. Aber so weit zugehen, die Kunst auch als Wissenschaft, gar als Wissenschaft vom Recht zubegreifen, geht er nicht.
Bei Wind fallen die Einwände zu den Leidenschaften, die nicht objektiv sein sollen, ohnehin weg. Keine Anamnese im Rücken. Schneider erinnert daran: Wind sei der einzig intellektuelle Nachfolger Warburgs gewesen, sagte sogar Panofsky. Er selbst ist es nicht gewesen, Gombrich war es nicht, Schramm war es erst recht nicht. Und Schneider kommt sofort darauf, womit das verbunden gewesen sei: Warburg wie Wind begriffen das Bild als Objekt. Einem Objekt , dem man in Anschauung wie Analyse ("unmittelbar") ausgesetzt sei. Ob das unmittelbar ist, bezweifele ich. Aber: Beide sind Polarforscher, nicht weil sie polar sind, sondern weil sie mit beiden Beinen am Pol und auf einem Polobjekt, einer drehenden Erde stehen.
Schneider sagt, dass das Wesen des Bildes für Wind nicht in der Wiedergabe von Ideen lag, sondern in Polarisierungshandlungen. Das ähnelt meiner Theorie des Polobjektes. Das ist eine Bemerkung, die in ihre Wichtigkeit nicht unterschätzt werden soll. Ich würde Schneider nicht widersprechen, ich würde das weitertreiben, zumindest für Warburg (bei Wind kenne ich mich nicht gut aus). Eine Polarisierungshandlung wirft die Frage nach der Aktivität und der Passivität auf. Ich würde Warburgs Umgang als Operationalierung von Differenzen beschreiben. Wenn er etwas differenziert, schafft er nicht die Differenz, er schafft einen Umgang damit. Wird daraus ein Spalt, spaltet er nicht. Er gibt der Differenz nur ihre Begreifbarkeit als Spalt und ihre Asssozierbarkeit mit einer Axt. Warburg polarisiert durchaus, ist aber doch gleichzeitig auf nahezu konsensualer Ebene anerkannt. Seine Geselligkeit ist sogar legendär, nicht nur aus der Zeit in Florenz. Wenn auch Warburgs Tätigkeiten Polarisierungshandlungen sind, dann als Operationalisierung von Differenz als Polarität. Die Polobjekte schaffen nicht die Polarität, nicht im Sinne von Schöpfung, Erfindung, Kreativität und Willkür. Warburg tut es nicht. Wind tut es auch nicht. Polarisierungshandlung ist keine private Aktion, zumindest nicht in Wittgenstein Sinne von Privatsprache. Polarität ist nicht sein Ding, nicht seine Angelegenheit, nicht im Sinne von mein oder dein. Die Polarität ist sein Ding, seine Angelegenheit, weil sie geteilt ist und er sie teilt.
In den jüngeren systemtheoretisch und gesellschaftsrechtlich gefärbten Rechtsikonographien von Thomas Vesting und Daniel Damler gibt es viele Anregungen, wie man heute Rechtsikonographie auf der "Höhe der Zeit" (Vesting) betreibt.
Ein Nachteil ihrer Überlegungen scheint mir liegen, dass beide aufgeben, was bei Luhmann zumindest explizit stark gemacht wurde (auch wenn er es implizit so unterlief wie die beiden), nämlich das Beharren darauf, dass es mangels archimedischen Punktes nicht möglich sei, eine Perspektive zur Gesamtperspektive zu machen. Bei Eduardo Viveiros de Castro gibt es strengen Multiperspektivismus. Bei Vesting und Damler die Pespektive einer Gesellschaft des Unternehmers, des Managers und des Homo Digitalis. Schon bei Damler bekommt die Darstellung einen unternehmerischen Schlag (der Aby Warburg sogar aus den Überlegungen hinauszudrängen scheint). Andreas Fischer-Lescanohat insoweit treffend angemerkt, die Darstellung Damlers sei kapitalischer Schick.
Bei Vesting scheint es noch stärker so, als sei die Gesellschaft liberal, bürgerlich, modern und kapitalistisch gewesen. Strenger Luhmann würde wohl einwenden, dass sie das nur den Liberalen, nur den Bürgern, nur den Modernen und nur dem Kapitalisten war. Ob schon die Ehefrau, die ja keine Konkubine und keine Prostituierte war und für die ihre Tätigkeit nicht mit den kapitalistischen Hilfsmitteln, sondern nach religiösem, liebevollen und literarischen Maßstab bezahlt wurde, das ist schon fraglich. Heute müsste man noch viel mehr sagen: Wie sind nie modern gewesen. Und nicht nur das. Wir sind nie liberal gewesen, nie bürgerlich, nie kapitalisisch. Wennman wollte, müsste erst mal anfangen, das alles zu verwirklichen, denn noch ist es nie und nirgends geschehen. Wer weiß, vielleicht wäre es gar nicht schlecht? Wir wissen es nicht, denn noch hat das nie jemand gesehen, so einen Beobachter gibt es bisher noch nicht. Damlers und Vestings Bilder sind nicht falsch, sie bleiben aber polarisiert und polarisierend, windige und meteorologische Angelegenheiten.
Insoweit würde ich Warburg und (seinen) Wind stark machen. Die Frage, ob er liberal war, kapitalistisch, bürgerlich, modern sie lässt sich nur ambigue beantworten. Die Gesellschaft ist aber wohl in allen Fällen ebenso ambigue, durchgehend, über die hintersten Ecken ins Asoziale hinaus. Der Mensch ist ambigue, über seinen Geiz, seine Limits und Exzesse hinaus bis über den Hund und Affen in die Sonnenblume, bis ins Caciumcarbonat, Wasser und Kohlenstoff hinein. Aus den Staatstafeln lässt sich die Theorie eines Rechts extrahieren, das nie modern, nie liberal, nie bürgerlich, nie kapitalistisch war, nicht im Sinne einer Signatur oder eines eigentlichen Wesens. Diese Gesellschaft war aber (multi-)polar, das ist sie auch heute und darin lebt sogar noch Antike nach. Sicher geht die Moderne dort auch durch, ein und aus. Die Antike geht durch, ein und aus. Das Liberale geht dort durch, ein und aus. Die Bürger gehen durch, ein und aus. Der Sozialismus geht durch, ein und aus. Der Lump, der Proletarier, die Infamen gehen durch, ein und aus. Die Kapitalisten gehen durch, ein und aus. Aber alle anderen und alles andere auch.