Kehren
1.
Kluge, juridische Kulturtechnik: Kehren, Queren, Wenden, Kippen, Drehen. Wenn das eine gründliche Kulturtechnik ist, weil sie auch in Gründungen vorkommt, dann ist das eine verschlungene Technik, auch weil sie verschlingt. In den Undwissenschaften ist hier und da von 'grundlegenden Transformationen', grundlegenden Änderungen die Rede. Man streitet darum, wem das Primat zukomme, solche Grundlegungen und Änderungen bewältigen zu können. Man diskutiert Veränderung auch als Bereitschaften und fragt, wer dazu wodurch bereit sei, wer nicht. Wen erwischt es auch ohne Bereitschaft, wen treffen Blitze, wen sein Blitzen unvorbereitet? Wem, was und wodurch soll es jemandem oder einer Assoziation gelingen, etwas in der Geschichte, neues Wissen zum Beispiel, freizusetzen oder aber zu blockieren? Man versucht sogar, daraus Rezepte zu entwickeln und sogar eine Dogmatik, auch eine Bild- und Rechtswissenschaft, zum Beispiel eine Wissenschaft mit Bildern der schöpferischen Rechtssubjekte und einer Dogmatik ihrer Freiheitsrechte.
2.
Man schreibt teilweise, Grundlegung sei ein Paradox und versucht dann, das Paradox aufzulösen. Das heisst gleichzeitig, dass man der Kaskade von Austauschmanövern, denen das Dogma der großen Trennung aufsitzt, noch etwas draufsetzt. Autoren empfehlen zum Beispiel, solche grundlegenden Änderungskräfte nicht mehr bei Gott, sondern beim Menschen zu suchen, nicht mehr im Staat, sondern in der Gesellschaft, nicht mehr in Europa, sondern in Amerika, nicht mehr in den Konstitutionen, sondern den Institutionen, nicht mehr in der Politik, sondern in der Kunst.
Das berechtigte Interesse an Veränderung oder auch an der Generierung von neuem Wissen geht in seinen apologetischen Zügen (die man mit ihren Rückverweisen auf die Geschichte zurückliegender Erfolge auch wieder als Paradox markieren könnte, auch wenn das wenig erklärt) mit Gegenvorschlägen einher, die wie Gegenschläge kommen. Das ist eine vertrackte Situation. Ich glaube, dass man solche Situationen nur schlecht in Kategorien der Ablösung, der Erledigung, der Ausdifferenzierung und einer weiteren großen Trennung klären kann. Ich glaube aber gleichzeitig auch nicht, dass man heute noch einmal den Staat gegen die Gesellschaft oder aber die Politik gegen die Kunst und den Rest der Gesellschaft ausspielen kann. Können tut man immer alles, aber in jüngeren Texten zur Geschichte der Rechtsubjektivität zeigt sich eine kurzfristige Provokation, wenn einerseits die Offenheit der Zukunft beschworen wird und gleichzeitig versprochen wird, solche Institutionen identifizieren zu können, in denen die Zukunft sitzt. Der Gegensatz von gestern wird nicht der von morgen sein, unsere Übersetzungen werden zuerst uns übertölpeln.
2.
Kehren, das geht auch mit einer Bürste und gegen den Strich. Wenn Walter Benjamin in seinen Thesen zum Begriff der Geschichte auf ein verkehrtes Scharnier hinweist und dieses Scharnier den Angelus Novus nennt, dann ist das eine Idee, die schon einer Geschichte aufsitzt, die weder homogen noch leer ist. Er erfindet nichts, nichts aus dem Nichts. Er wendet etwas. Die Figur des Angelus Novus sitzt Figuren auf, ist aber nicht eine traditionelle Figur. Niemand beschreibt das wohl besser als Walter Benjamin selbst.
Ironie der Geschichte? Erst, als die Künstlerin R. H. Quaytman den Angelus Novus von Paul Klee nicht mehr als Bild im Sinne einer Ikone, eines Imago oder einer Pictura behandelt hat, sondern als ein geschichtetes, vages, verschlungenes und gewendetes Polobjekt, wurde entdeckt, dass das Bild von Paul Klee auf einer Graphik montiert wurde, die Martin Luther zeigt. Der Legende nach soll unter anderem die Welligkeit des Bildes, also seine 'vogueness' oder "vagueness" Quaytman stutzig gemacht haben und dazu gebracht haben, sich den Untergrund des Bildes genauer anzuschauen.
Nach fast 100 Jahren gibt es zu einem der meistkommentierten Bilder der Moderne noch eine Überraschung und eine neue Frage: Wußte das Benjamin? Wieso hat nix dazu gesagt? Ob das jetzt eine Ironie der Geschichte ist, oder nicht: Das empfiehlt eine Methode für Bild- und Rechtswissenschaft, die sich an Polobjekten orientiert, weil solche Objekte sowohl mit dem Bild als auch mit dem Bildgrund operieren. Sie operieren auf Schichten und durch Schichten, die vom römischen Recht getrennt werden. Sie operieren sowohl als imago, pictura oder scriptura, aber auch als tabula, d.h. mit den skalierbaren Operationsfeldern die man auch Tabelle oder Tablett(e), auch tab(u)linum oder tabulatorium nennen kann. Schon von da aus empfielt sich, auch eine Medienwissenschaft nicht als Wissenschaft großer Trennung zu betreiben, nicht Medien groß voneinander zu trennen, etwa um (sekundäre) Oralität gegen Schriftlichkeit so auszuspielen, wie man an anderer Stelle Kevin Kühnert gegen Steve Jobbs auspielt. Wenn andere Autoren Bild und Text mit "entscheidenden Gegensätzen" trennen, dann können sie das tun, aber sie sollten es nicht nur unter dem Dogma großer Trennung tun und sie sollten für alle Fälle mit Polobjekten rechnen.
3.
Aby Warburgs Begriff der Restitution sitzt quer zu einer Unterscheidung, die in manchen Wissenschaften eine Rolle bei Fragen nach den Veränderungen spielt. Dort unterscheiden Autoren mit unterschiedlichen Gewichtungen Konstitutionen von Institutionen. Teilweise wird daraus das Argument abgeleitet, dass Institutionen im Feld eines Primat gesellschaftller Praktiken lägen, sie seien für das 'Paradox der Gründung' dasjenige, was einer Gründung schon vorhanden sein muss, um etwas gründen zu können. Konstitution wird teilweise als Formalisierung, teilweise als Setzung und Akt gedacht. Als ein Begriff, der quer steht, ist der Begriff der Restiution nicht unbedingt ein Vermittler. Es ist aber auch kein Begriff, mit dem man etwas auslösen (oder aber herauslösen) könnte. Während die Unterscheidung zwischen Institution und Konstitution teilweise so gedeutet wird, sie liefe auf eine Fesselung oder aber Fesselbarkeit der Politik (einem ausdifferenzierten Element) und der Dynamisierung anderer ausdifferenzierter Elemente hinaus, entzieht sich ein Begriff der Restitution solcher Rollenverteilungen.
Die jüdische Kreuzestheologie operiert ohnehin anders als die katholische und erst recht anders als die protestantische Kreuzestheologie. Daneben gibt es auch unterschiedliche Techniken des Kreuzens. Ich mag zum Beispiel Kehren, Embleme oder aber die hochfetischistischen und schon perversen Tische von André Charles Boulle, aber auch Warburgs Staatstafeln, Klees Durchkreuzung und Stapelung und immer wieder Haufenbildung als Strukturprinzip. Das Dogma der großen Trennung oder die Theorien der Ausdifferenzierung haben meinens Erachtens nicht umsonst in Niklas Luhmann einen großen Autor gefunden, im Recht treiben nicht zufällig proTestierende und sogar Herrenhüter (Nicht Herrnhuter, sic! Anm. FS) und Landshuter Autoren das Geschichte der Kreuzungen auf immer neue Gipfel gelungener Trennung.
Neue Texte zur Ablösung identifizieren, wo was falsch läuft und wo die Ausgänge liegen. Teilweise nörgeln die Autoren geschickt über die Nörgler, die angeblich zu viel vom Schlechten und zu Wenig vom Guten in der Welt sehen würden. Das Schöne daran ist, dass sie schon immer verloren waren, da kann man sich an der Bar treffen.













