Der Mensch als gestaltendes Wesen: Mein #Kultblick
Ich sitze im Bus neben meiner Mutter. Wie alt mag ich sein? Vielleicht sechs oder sieben Jahr alt? Wir fahren in die Oper. Hänsel und Gretel. Meiner Erinnerungen an diesen gemeinsamen Ausflug sind brüchig. Wenn ich demnächst wieder mit meiner Mutter am Küchentisch sitze, werde ich sie um ihre Erinnerungen an diese Unternehmung bitten.
Meine erste Erinnerung an Kultur außerhalb von Büchern oder Fernsehen. Oder Blaskapellenkonzerten im Urlaub in Bayern oder auf dem Schützenfest.
Eine Petitesse am Rande: Sehr lange war ich im übrigen fest davon überzeugt, dass der Komponist dieser Oper nicht Engelbert Humperdinck war - sondern ein anderer Engelbert Humperdinck. Was nicht zuletzt daran lag, dass in meinem Elternhaus Schlager sehr viel präsenter war als Klassische Musiik.
Es sollte über zwanzig Jahre dauern, bis ich wieder eine Oper besuchte. Es war Tosca, und eine gewisse Arie vermag mir nach wie vor das Herz zu brechen.
Kultur als Teil des Alltags
»Kultur ist vielfältig. Nur trübt unser Alltagswahnsinn oft den Blick darauf: Wir rennen von Termin zu Termin, haben Fristen einzuhalten und landen abends erschöpft auf der Couch. Und am Wochenende? Da setzt der Freizeitstress ein, oder? Erleben wir dann Kultur? Vermutlich. Ist es uns bewusst? Nicht unbedingt. Vergessen, verlieren und wiederfinden von Kultur und ihr Erleben gehen Hand in Hand.«
Als ich den Aufruf zur Blogparade las, wurde ich zunächst mal etwas bockig. Der kulturpessimistischen Anmoderation kann ich aus meiner Sicht gar nicht zustimmen. Im Gegenteil: Seit Jahren tränkt sich mein Alltag immer mehr mit Kultur. Würde ich Kultur nur in die Freizeit oder aufs Wochenende verschieben, »für wenn mal Zeit ist «, fände hingegen nichts statt. Das klingt gleich so anstrengend, so pädagogisch. Nach etwas, das man sich dezidiert vornehmen muss. Puh. Inzwischen findet man ein schillerndes Kaleidoskop von Beiträgen vor, die die eigene Sicht auf Kultur bereichern.
Aber wovon reden wir denn, wenn wir von Kultur sprechen?
Kultur ist nicht nur das, was explizit so genannt wird
Ich vergewissere mich dieses Gedankens nochmal, indem ich mir die Definition von Kultur bei Wikipedia durchlese:
»Kultur (von lateinisch cultura ‚Bearbeitung‘, ‚Pflege‘, ‚Ackerbau‘) bezeichnet im weitesten Sinne alles, was der Mensch selbst gestaltend hervorbringt, im Unterschied zu der von ihm nicht geschaffenen und nicht veränderten Natur.«
Mein Blick (und meine Liebe) gilt häufig der Alltagskultur. Was umgibt uns? Warum umgibt uns das, was uns umgibt? Welche Geschichten erzählt mir, was ich sehe, erlebe oder erspüre? Und wie kann ich selbst gestaltend oder dokumentierend Geschichten weitertragen oder eigene Geschichten hinzufügen?
Insofern findet der reine Konsum von Kultur in meinem Alltag verhältnismäßig selten statt. Zumindest wenn man darunter den Besuch von Ausstellungen, Konzerten oder Aufführungen versteht. Die Häufigkeit hat zugenommen, weil ich über Social Media auf Anlässe stoße. Wenn ich dann sehe, dass dort Menschen sein werden, die ich kenne, gehe ich viel eher dorthin.
Kultur in meinem Alltag findet in ganz vielfältigen Ausprägungen statt: Wenn ich schreibe, koche, spreche, lese, Musik oder Podcasts höre. Wenn ich in meinem Lieblingsbuchladen bin. Wenn ich in die Welt schaue. Kultur ist nicht allein der Konsum von oder die Beschäftigung mit etwas, das klügere, kreativere, fähigere oder schlicht andere Menschen geschaffen haben. Beides ist wichtig, denn daraus erwachsen eigene Ideen und das eigene Gestalten. Dann bin ich Teil von Kultur. Ich BIN Kultur. Und bin da ganz bei Beuys.
Kultur öffnet Türen zu mir selbst und zur Welt
Die Kulturifizierung meines Lebens begann früh und war doch nicht selbstverständlich. In meinem Elternhaus gab es einen eher praktisch angelegten Zugang zu Kultur. Warum bei mir das tiefe Bedürfnis danach von jeher stärker ausgeprägt war als etwa bei meinen Geschwistern, beschäftigt mich häufig. Es mag der innigliche Wunsch sein, den eigenen Platz in der Welt zu begreifen. Was macht mich aus und was erzählt mir das über die anderen? Nichts scheint festgefügt und doch ist der Einfluss auf das eigene Sein gering.
Ich gehe im Marta Herford durch die Fotos von Anders Petersen und bin im Innersten berührt. Jedes Bild erzählt mir eine Geschichte, über ferne, nah wirkende Menschen, einen anderen Zeitgeist, aber auch über mich und die brüchige, in sich widersprüchliche Welt, in der Leben und Tod zu finden sind. Kultur, das ist der Versuch, die Welt zu begreifen, ihre Regeln, ihre Normen und wie man mit beidem brechen kann. Es ist das Verstehen, dass diese Regeln und Normen menschengemacht sind, quasi die Kultur der Kultur. Der Mensch gestaltet, fügt sich und muss mit dem Gestalteten brechen. Die Kunst führt uns in diesen Bruch, spiegelt Kultur und Kulturen, formt sie.
Im Marta wäre ich im übrigen nicht gelandet, wäre ich den Menschen, die dort arbeiten, nicht zuvor im Digitalen begegnet.
Kultur führt von Menschen zu Menschen
Ohne Menschen keine Kultur. Menschen formen den Raum, in dem ich mich Gedanken über Kunst hingeben kann. Bin ich damit beschäftigt, mich zu verorten, mich zu behaupten und mich abzugrenzen, kommt keine Kultur, keine Kunst durch. Insofern bin ich auf grundsätzlich freundliche Orte angewiesen. Social Media hat mir das sehr vereinfacht: Ich finde über den Kontakt mit Menschen Wege zu Kulturorten.
Ich lande im Schnoor und wandere durch schmale Gässchen mit ulkigen Läden und knorrigen Häusern. Bremen. Kurz zuvor war ich in der Stadtbibliothek, wo ich mich mit Christopher traf. Bisher kannte ich ihn nur flüchtig von Twitter. Nun auch in Echt. Danach führt mich mein Weg in die Kunsthalle, die mir schon seit einer Weile bei Twitter und Instagram positiv auffiel: nett, kundig und zu Schabernack aufgelegt. Sehr sympathisch. Also gehe ich dort vorbei. Später spaziere ich ins Ostertorviertel. Bremen fühlt sich vertraut an, denn ich spaziere auf Pfaden eines Menschen, den ich auch bei Twitter und später in Echt kennengelernt habe: Luca, der beim Kölnischen Stadtmuseum arbeitet, kommt aus Bremen und hat mich mit Tipps für seine Heimatstadt versorgt. Und so lande ich in Seitenstraßen und letztlich im Wohnzimmer.
Ohnehin kann ich mich in Bremen wie Zuhause fühlen, denn ich wohne in der Jugendherberge. Und durch den herzlichen Kontakt zu den Jugendherbergen im Nordwesten fühle ich mich in jeder Jugendherberge willkommen und wohl.
Kultur ist auch eine Kultur des Umgangs miteinander. Des Selbstverständnisses als gestaltender Teil einer Gesellschaft. Was ich mit in die Gesellschaft hineinbringe, formt sie.
Kultur als eine Geschichte von Missverständnissen
Während ich mir meine Sätze nochmal durchlese, muss ich selber lachen. Denn meine Haltung zur Kultur ist durchaus von der Haltung getragen, darin grundsätzlich erstmal etwas Gutes zu sehen. Vor Jahren habe ich irgendwann beschlossen, Glück und Gurtes anzunehmen, mich auf die Welt und die Menschen einzulassen und nicht die Abgrenzung in der Abwertung zu suchen.
Angesichts von einem zunehmend pervertierenden Kapitalismus und menschenverachtendem Neo-Liberalismus suche ich in der Kultur Räume abseits von reinem Gewinnstreben und geprägt vom Ringen um Erkenntnisse. Die Auseinandersetzung mit Kultur schult das Denken und durchaus auch das Fühlen, was zu mehr Resilienz und Souveränität angesichts von Ungemach führen kann.
Bei näherem Hindenken ist Kultur selbstverständlich nicht per se überlegen oder in sich gut. Auch die Nazis wussten (und wissen) Kultur als Mittel der Macht und Beeinflussung einzusetzen. Doch soweit muss man gar nicht mal gehen: Vieles liegt im Argen, blickt man allein auf Arbeitsbedingungen oder die Förderbürokratie. Oder dass Kultur in Deutschland meist bedeutet, dass man bei feierlichen Anlässen ein klassisches Streichquartett Bach spielen lässt.
Oder man zitiert Goethe. Diesen Spaß erlaube ich mir hier, um auf das ursprüngliche Thema der Blogparade zurückzukommen: »Verloren und wiedergefunden? Mein #Kultblick«. Lustigerweise dachte ich bei Kultblick ja zunächst an religiöse oder spirituelle Riten - Kult eben. :D Also, Goethe. Mit dem ich aus unterschiedlichen Gründen immer wieder hadere, aber - siehe oben. Wenn einem etwas unbequem vorkommt, tut man gut darin, da mal näher hinzudenken.
Des weiteren folge ich gern den Worten Serlos, des Theaterdirektors aus Wilhelm Meisters Lehrjahre. Er [Serlo] pflegte zu sagen: »Der Mensch ist so geneigt, sich mit dem Gemeinsten abzugeben, Geist und Sinne stumpfen sich so leicht gegen die Eindrücke des Schönen und Vollkommenen ab, daß man die Fähigkeit, es zu empfinden, bei sich auf alle Weise erhalten sollte. Denn einen solchen Genuß kann niemand ganz entbehren, und nur die Ungewohntheit, etwas Gutes zu genießen, ist Ursache, daß viele Menschen schon am Albernen und Abgeschmackten, wenn es nur neu ist, Vergnügen finden. Man sollte«, sagte er, »alle Tage wenigstens ein kleines Lied hören, ein gutes Gedicht lesen, ein treffliches Gemälde sehen und, wenn es möglich zu machen wäre, einige vernünftige Worte sprechen.«
Teilt man das im digitalen Raum, inspiriert man möglicherweise auch andere. Oder kommt miteinander in Kontakt.
Ludwig goes Pop: Wir waren Kunst.
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Die Blogparade vom Archäologischen Museum Hamburg und Tanja Praske / KULTUR-MUSEUM-TALK ist offiziell bereits beendet, aber ich nehme mir heraus, meinen Beitrag noch hinterherzuschicken.