In der Systemtheorie lebt Antike nach. Ihr Neuverständnis des Zuges (des sog. draw) sitzt einer Geschichte auf.
Bevor der Zug an Schrift oder Computer gebunden war, war er zum Beispiel an Städte und ihre Linien gebunden - und nur weil der Zug an das eine gebunden sein soll, hört er nicht auf, Entferntem assoziiert zu sein. Man sagt nicht zu viel und nicht wenig, wenn man Luhmanns Systemtheorie und ihre Rezeption in Deutschland als erfrischende Theorie immer neuen Rechts bezeichnet. Vesting und Ladeur greifen Luhmann und Spencer-Brown auf und betonen dabei wiederholt den Bruch mit der Vergangenheit - das Fragmentarische, den Verlust an Eindeutigkeit und eine Gewinn in Mehrdeutigkeit, der ihnen aber selbst, insbesondere nach 2015 auch zu einem Zuviel an Recht wurde. Seitdem erscheinen von den beiden auch Texte zu einem Recht auf Nichtrecht, damit dass, was ihnen zuviel wurde, wieder abbaubar erscheint.
Ich schreibe nicht über eine andere Welt, als es die beiden tun. Ich habe aber aber eine andere Vorstellung von Zeit und Raum. Ich glaube vor allem an melancholische Diskurse, auch wenn das vielleicht nur daran liegt, dass die Melancholie in den Schreiben und den Bildern, von denen ich weiß, mal als Gabe und mal als Störung auftaucht.
Sowohl Spencer-Brown als auch Luhmann können abseits einer Geschichte und Theorie juristischer und juridischer Kulturtechniken gesehen werden, das geht alles. Der Linienzug, von dem beide so geschrieben haben, dass es manchen deutschen Juristen außerordentlich atttraktiv erschien, kann ohne die Geschichte und Theorie der Linien gedacht werden, ohne die Geschichte, die Vismann in ihrem Buch über das pomerium erzählt. Natürlich kann man Alberti ausblenden oder Mommsen, da sollte man sogar auch, wenn man an Frische und Neuheit und einer unbelastet freien Zukunft interessiert ist. Man darf sich nur nicht wundern, wenn die Polarität zurückschlägt - und wenn etwas auf die systematischen Linien so reagiert, als seien sie nicht so gradlinig, als seien sie eher polizid, polaroid, als würden sie schlängeln und schlingen.
Ich glaube nicht ans Nichtkönnen. Vestings These, dass das Konzept eines Linienzuges nicht vom Schreiben oder einem Aufstieg der Computer gelöst werden könnte, kann ich nicht widerlegen, aber widersprechen kann ich. Ich kann das das Konzept vom Schreiben und vom Computer lösen - und mit römischem Städtebau verbinden. Sicher gibt es auch dort, auch später um 1100 etwa, Computisten, das sind Kalenderberechner, also Zeitmesser und Astronomen/Astrologen. Da sei er dann doch wieder, der Computer, kann Vesting einwenden, nur eben sei es da ein menschlicher Computer, der um 1100 geboren worden sei. Alles Normative ist wörtlich und bildlich zu verstehen, steht also nur für sich und für etwas völlig anderes, ist immer begreifbar und lässt einen starren: alles ist assoziierbar und dissoziierbar.
Wie liest ein Warburgkind Vestings Medien des Rechts? Symbolisch und mit großer Vorstellungskraft. Der deutsche Text ist in vier Bänden erschienen. Jedem Thema ist titelgebend der allgemeine Begriff eines Mediums zugeordnet, also der Sprache (nicht dem Sprechen), der Schrift (nicht dem Schreiben), dem Buchdruck (nicht das industrielle Reproduzieren) und dem Computernetzwerk (und nicht dem Assoziieren) zugeordnet. Was im Titel nicht auftaucht, taucht freilich im Text auf, dort geht es auch um das Sprechen, Schreiben, das luxuriöse oder industrielle Reproduzieren und das alles konsumierende und alles produzierenede Assoziieren.
Aber auf das Cover kommt nur der Umschlag, der Convert - und so kann man ein Projekt beurteilen. Die Vierzahl und der Umschlag in den Begriff eines allgemeinen Mediums (das ich auch für große halte) weist Vestings Arbeit als normative Kosmologie aus. Schon die Vierzahl weist eine Arbeit als Kosmologie aus, als Teil einer Orientierung und eines Instrumentes für Aktionen/ Handlngsmöglichkeiten, die den Denkraum (wie Himmelsrichtungen und Jahreszeiten) einteilen. Das ist eine klassisch-europäische Kosmologie, das spricht nicht gegen den Text, nicht gegen seinen Anspruch, eine neue Rechtstheorie zu liefern und uns zu seinem Denken zu konvertieren. Das zeigt die Übersetzungsleistung an, mit der das Symbolische pendelt.
Vismanns Arbeit über die Akten bietet eher eine Elementarlehre als eine Kosmologie an - sie bietet einen Haufen an - und der Vergleich, das 'vergleichende Sehen' bietet nur Konturierungen und Deutungen an.