Mensch versus Natur - Serafin Siegele im Kampf gegen Lawinen
Vor einem Jahr bekam ich das Angebot an der Produktion einer TV-Dokumenation teilzunehmen. Diese sollte die Arbeit von Lawinenexperten behandeln. Ich fuhr zusammen mit einer Reporterin und einem Kameramann nach Ischgl, sprach dort mit vielen Protagonisten der Doku und übernahm nebenbei die Rolle des Set Runners. Zurück in Berlin habe ich große Teile des Off-Textes geschrieben. Nun habe ich die Herausforderung gesehen diese 45 Minuten Text, in einen Artikel zu komprimieren. Die Doku will ich euch dennoch nicht vorenthalten.
7:00 Uhr in Ischgl. Wo sonst tausende von Hobbysportlern die Hänge befahren und später zu Après-Ski-Hits auf den Hütten schunkeln, ist es vor Sonnenaufgang noch mäuschenstill. Nur das mechanische Dröhnen der Steilbahn stört die friedliche Ruhe. In der ersten Gondel, die zur Silvretta-Arena herauffährt, sitzt Serafin Siegele. Der 51-jährige Österreicher ist Pistenchef und Leiter der Lawinenkommission in Ischgl. Ein Beruf für Frühaufsteher, denn der heutige Dienstbeginn um 7:00 Uhr ist eine der späteren Anfangszeiten. „Früh ist, wenn wir um sechs rauffahren. Das ist der Fall, wenn es viel schneit“, weiß Siegele in seinem markanten, aber dennoch gut zu verstehenden Dialekt zu berichten.
An diesem Februarmorgen ist von Neuschnee keine Spur. Der Wetterbericht sagt klarsten Sonnenschein voraus. Entspannt zurücklehnen kann sich der Pistenchef deshalb aber nicht. 19.000 Skifahrer und Snowboarder werden in der 238 Kilometer großen Silvretta-Arena heute erwartet. Ihre Sicherheit ist Serafin Siegeles Job. Um diese zu gewährleisten, kämpft er sich auf 2.300 Meter angekommen zunächst durch die Massen von Daten, die ihm der Lawinenwarndienst Tirol hat zukommen lassen. Spalte für Spalte werden Schneetiefe, -temperatur und -beschaffenheit gecheckt. Es herrscht Lawinenwarnstufe drei. „Ein einzelner Skifahrer kann schon mittelgroße Lawinen auslösen“, erklärt Siegele.
Vertrauen in die Zahlen ist das eine, das Überprüfen der Daten vor Ort der notwendige zweite Schritt. So geht es für den Lawinenkommissar und drei seiner Kollegen raus aus dem Büro und rauf auf die Piste. Bei inzwischen klarstem Sonnenschein entscheidet sich die Kommission für die eigenen Skier und damit gegen das deutlich schnellere Snowmobil. In perfekten Bögen geht es los über das frisch präparierte Weiß. Auch die ersten Touristen sind an der Idalp angekommen und sausen den Berg auf ihren Brettern herab. Angst vor Lawinen ist keinem von ihnen anzumerken.
“Ein kleiner Bruch kann sich in Sekunden über den ganzen Hang fortpflanzen”
Während die Kunden ihren Skiurlaub genießen, erhebt Serafin Siegele ein Schneeprofil. Dafür liegt er auf dem Bauch und pinselt Wasserkristalle hin und her. „Ich lege die einzelnen Schichten frei“, gibt der Pistenchef zu verstehen. „Nur so können wir sehen, wo sich eventuell eine Schwachsicht auftut.“ Die untersuchte Stelle ist sicher. Das heißt aber noch lange noch nicht, dass keine Gefahr besteht. Siegele weiß: „Der Schnee ist nicht überall gleich. Es reicht, wenn ein Skifahrer einen Hotspot überfährt. Ein kleiner Bruch in der Schneedecke kann sich in Sekunden über den ganzen Hang fortpflanzen.“
Als der Tiroler mit seiner Untersuchung fertig ist, entdeckt er einen Skifahrer abseits der gekennzeichneten Pisten. Anstatt diesen zu ermahnen, sagt er schlicht: „Diese Tiefschneepassagen sind für viele sehr attraktiv. Daher sichern wir sie mit ab.“ Siegele verweist auf einen Sprengmast. Dort kann eine Lawine gezielt ausgelöst werden, bevor sie spontan und mit einer kritischen Schneemasse losrollt. „Wir können inzwischen jederzeit sprengen. Ob Tag oder Nacht, man kann immer mal einen Schuss machen.“
1999 war dies noch nicht der Fall. Damals verwüstete eine Jahrhundertlawine das benachbarte Galtür. Die Schneemassen rissen ganze Häuser nieder. 38 Menschen fanden den Tod. Mit der heutigen Technik wäre das Unglück vielleicht zu verhindern gewesen. Zu sehr darauf verlassen sollte man sich jedoch nicht, findet Siegele: „Wir versuchen alles in unserer Kraft Stehende zu unternehmen, um die Menschen zu schützen. Doch man kommt immer wieder darauf zurück, dass die Natur einfach stärker ist.“ Serafin Siegele wird sich ihr dennoch weiterhin in den Weg stellen und dafür in aller Frühe auf den Berg fahren.