Dieses Buch hat mich jahrelang verfolgt. Ich kann mich gut daran erinnern, wie ich es kurz nach seinem Erscheinen im Kilifü entdeckte und mir die Coverillustration seitdem immer wieder ins Gedächtnis gerufen habe. Dem Buch selbst bin ich in all dieser Zeit aber nie in einer Buchhandlung begegnet.
Seit meiner Kindheit liebe ich Schauergeschichten. Das ganze Jahr über fiebere ich den Halloween-Episoden der Simpsons entgegen wie ein fetter Kürbis dem erlösenden ersten Schnitt mit dem Schnitzmesser. Kein Wunder also, dass mich der subtile Horror der in Levi Pinfolds Zeichnungen mitschwingt, ohne Umwege mitten ins Herz traf. Jetzt, da ich das Buch auf dem Tisch liegen habe, komme ich endlich in den vollen Genuss seiner virtuosen Arbeit. Pinfolds Zeichnungen sind meisterhaft, sie wirken wie alte Gemälde aus einer anderen Zeit und sind so extrem detailreich und üppig, fast verschwenderisch in ihrem Ausdruck, dass man in ihnen mit Wonne versinken möchte. Die warme Lichtstimmung, die behaglich-verkramte Kulisse, alles wirkt so wahnsinnig einladend und gleichzeitig auf eine Art bedrohlich, wie man es vielleicht nur aus Begegnungen mit fremden Hunden kennt, denen man am liebsten sofort durchs wuschelige Fell fahren würde, wäre da nicht dieser klitzekleine Rest Verstand, der den Anblick großer Hundeaugen unbeschadet überlebt hat, und einem im letzten Moment einen fetten Strich durch die Rechnung macht, denn Obacht, die Töle könnte bissig sein!
Dieser Art von Hund begegnet auch Familie Hoop in Pinfolds Geschichte. Eines Tages taucht vor ihrem Haus im Wald nämlich ein besonders angsteinflößendes Exemplar von einem Fellungetüm auf und versetzt die Familie in Angst und Schrecken. Papa Hoop entdeckt das Tier als erster, in seiner Erzählung hat der Hund noch die Größe eines Tigers. Als das letzte Familienmitglied völlig aufgelöst von seiner unheimlichen Entdeckung berichtet, hat der Hund bereits die stolze Größe eines Tyrannosaurus Rex erreicht. Das kleinste Mitglied der Familie wagt sich trotz allem dick eingepackt nach draußen und steht den monströsen Auswüchsen der familiären Schilderungen schließlich in einer von Wind und Schnee durchwehten Landschaft gegenüber. Das furchtlose Kind begegnet dem schwarzen Hund trotz seiner gigantischen Ausmaße mit Neugierde und Unbefangenheit, fordert ihn sogar zu einem Spiel auf, in dessen Verlauf das Tier an Größe und Bedrohlichkeit verliert.
Das Buch birgt so viele wunderschöne und liebevoll arrangierten Details, die viele von uns an die eigenen schrulligen Macken erinnern werden, mit denen wir uns manchmal das Leben schwer machen. Und es weckt zudem die Sehnsucht nach dieser alten Unbefangenheit mit der man als Kind der Welt begegnet ist. Auch in Pinfolds Geschichte ist es der kindliche, ungetrübte Blick, der dem vermeintlichen Monster die angsteinflößende Maske herunterreißt.
"Der schwarze Hund” ist ein absolut berührendes und einnehmendes Buch, von dem man sich am Ende kaum trennen mag. Lieber möchte man noch ein Weilchen mit der Familie in ihrem großen, unheimlichen, aber auch unheimlich gemütlichen Haus am Kamin sitzen bleiben, und zusehen, wie sich alle erleichtert den Angstschweiß von der Stirn wischen, nachdem die Jüngste der Familie die wahre Gestalt des Ungeheuers offenbart hat.
Pinfold lebt übrigens auch in so einem alten unheimlichen Haus, irgendwo in Cornwall, in dem es angeblich spukt. Ausziehen wird er entgegen seiner vagen Ankündigung es irgendwann zu tun, vermutlich nie. Denn wenn man den Interviews Glauben schenkt, ist die surreale Welt in der er lebt, selbstgewählt. Hier fühlt er sich allem Anschein nach am wohlsten. Diese liebenswerte Entrücktheit transportieren seine Bücher perfekt. In ihnen spukt der Geist einer anderen, vielleicht besseren Zeit, den man nicht mehr missen möchte, nachdem man ihm in Pinfolds Zeichnungen einmal begegnet ist.
Mimzys Altersempfehlung: 4-6 J. (+AllAge)
Webseite von Jacoby & Stuart
Webseite von Levi Pinfold
Der schwarze Hund von Levi Pinfold
Erschienen bei Jacoby & Stuart
ISBN: 3941787861