Die Luft in der Bahn ist zwar schön kühl, aber weder frisch noch gut
Ich besitze schon seit Juni 2019 wegen schlecht belüfteter Vorträge ein CO₂-Messgerät, das ich auch immer dabei habe. Aber erst im Juli 2022 komme ich zum ersten Mal auf die Idee, die Luftqualität in einem ICE zu messen. In letzter Zeit war öfter davon zu lesen, dass man den CO₂-Gehalt der Luft als Proxy für das Covid-Infektionsrisiko betrachten kann, weil hoher CO₂-Gehalt bedeutet, dass zu wenig gelüftet wird und man entsprechend viel von anderen Leuten ausgeatmete Luft einatmet. Dass ich das auch im Zug mal messen könnte, fällt mir ein, weil es ein besonders heißer Tag ist und die Luft im Großraumwagen erfreulich kühl und frisch wirkt.
So frisch ist sie aber gar nicht:
Die Farbe des Displays verändert sich bei diesem Gerät je nach Messwert. Wenn die Luft gut wäre, würde es grün leuchten.
Das Umweltbundesamt nennt Werte zwischen 1000 und 2000 ppm “hygienisch auffällig”. Ich berichte in vorwurfsvollem Ton bei Twitter, weil ich mir das anders vorgestellt habe, wir haben ja nun schon eine Weile Pandemie. Die Bahn reagiert nicht. Andere haben schon ähnliche Messdaten veröffentlicht (Maarten De Cock im Juli 2020: 2430 ppm, David Stingl im August 2020: 1635 ppm), es ist also wahrscheinlich nicht nur mein Zug. Es ist auch nicht nur in meinem Wagen so, und mein Messgerät ist nicht besonders schlecht kalibriert.
Zwei Wochen später sitze ich wieder in einem ICE, diesmal ist der Zug voll, und die Ergebnisse sind wieder dieselben:
Ob die Werte an kalten Tagen niedriger liegen, weiß ich noch nicht, weil es zufällig an meinen beiden Messtagen draußen sehr heiß war. Es könnte sein, dass bei großer Hitze weniger Frischluft beigemischt wird, weil es zu energiefressend wäre oder gar nicht möglich ist, ständig so viel heiße Außenluft auf angenehme 25 Grad runterzukühlen. Also bei der Deutschen Bahn nicht möglich ist, in Belgien scheint es zu gehen.
Die Bahn wirbt damit, dass in ihren Zügen das Infektionsrisiko gering ist, weil die Luft so oft ausgetauscht wird:
“Das ist ähnlich wie im Flugzeug, Sie haben also im ICE einen vollständigen Luftaustausch – im Schnitt alle siebeneinhalb Minuten. Unsere Züge verfügen auch über eine aktive Luftmengensteuerung. Soll heißen: Die Frischluftzufuhr im Zug erfolgt auch abhängig davon, wie viele Fahrgäste gerade im Wagon sitzen. Also: Die Luftwechselrate im Zugverkehr ist deutlich höher als etwa bei Klimaanlagen in Gebäuden.” (Quelle: Deutschlandfunk)
Das stimmt entweder nicht, oder es reicht nicht. Die im Zug eingesetzten Luftfilter sind außerdem nicht zum Herausfiltern von Viren geeignet. Das steht in derselben Quelle und auch noch mal in dieser Auskunft der Bahn:
Stand der Technik sind sogenannte G4-Filter, diese sind in unseren Fahrzeugen verbaut. Auch hier handelt es sich aber um Staubfilter, deren Porengröße deutlich größer als Viren ist. Trotzdem kommt es zu keiner Verbreitung der Viren über die Klimaanlagen von Bussen und Bahnen. Die infektionsfähigen Viren sind an Tröpfchen gebunden, diese Tröpfchen bleiben an den Staubfiltern hängen.
(Quelle: Bahn, im Mai 2020 in einem Kommentar auf einer eigenen, aber inzwischen gelöschten Seite)
Das mit den Tröpfchen war zu dem Zeitpunkt noch Stand der Forschung, kurz danach aber schon nicht mehr. Seitdem weiß man, dass es um infektiöse Aerosole geht und die G4-Filter der Bahn also nicht reichen. Wenn die Luft ordentlich gefiltert würde, könnte man den CO₂-Gehalt nicht als Proxy fürs Infektionsrisiko verwenden. Da die Luft aber nicht ordentlich gefiltert wird, kann man dem hohen CO₂-Messwert wohl entnehmen, dass das Infektionsrisiko in so einem unzureichend belüfteten Großraumwagen eher hoch ist.
Ein zweiter Grund für mein Mess-Interesse war, dass man bei höherem CO₂-Gehalt der Atemluft nicht mehr so gut wach bleiben und denken kann. Das habe ich jedenfalls bisher angenommen, es ist aber gar nicht so gut belegt, wie ich dachte. Einem Überblick über die Studien zum Thema (S. 1363ff.) entnehme ich, dass es bei 1400 ppm keine belegten Auswirkungen auf das Denkvermögen gibt. Der Überblick ist auf dem Stand von 2008, aber auch dieser Review von 2020 nennt die Ergebnisse der Forschung immer noch “inconsistent”. Bei den in der Bahn gemessenen CO₂-Werten wird es also wohl an mir liegen, wenn ich mich nicht auf die Arbeit konzentrieren kann.