Die Passion – das ewige Lehrstück von Verrat, Hohn, Niederlage und posthumen Triumph
Ein Mann, der gestern noch unter großem Jubel in eine Stadt einzog, dessen deutliche Worte gegen Gewalt, Unrecht, Ausbeutung, Unterdrückung, doppelte Moral, Frömmelei und sogar Kinderschändung die Menschen begeisterte, ist plötzlich allein. Nur wenige sind noch bei ihm, aber auch dessen Freundschaft und Treue gleicht einem Blatt im Wind. Plötzlich schlägt diesem Mann Hass und vor allem Undank entgegen. Das Gift der Intrige entzweit seinen Anhang. Feigheit und Verrat in Verbindung mit Geldgier und Geltungssucht schleicht sich gleich einem heimtückischen Geschwür in die Tafelrunde ein. Jener Wortgewaltige Mann, der oftmals nur Gesten brauchte, um die Menschen zu beeindrucken und für seine Mission mit Mut und Feuereifer stritt, ohne dabei seine Menschlichkeit und sein Mitgefühl zu verlieren, steht hilflos der infamen Bosheit eines einzelnen, dem Wankelmut seiner Freunde und dem infernalischen Hass seiner Feinde gegenüber. In dieser Situation gibt es nur zwei Möglichkeiten: Fliehen oder Standhalten, das heißt im Endeffekt STERBEN.
Die Passionsgeschichte, Höhepunkt im Leben Jesu, verbindet die Tragik griechischer antiker Dramen mit der Weisheit und Tiefe jüdischer Prophetie. Die jüdische Prophetentradition, in die Jesus, wie auch Johannes, als unbequemer Mahner und Reformer, wie kein anderer vor ihm hineinpasst, verbindet sich in der Passionsgeschichte mit dem was Dramatiker wie Sophokles und Aischylos als „Katharsis“ in ihren Theaterstücken herausgearbeitet haben. Die Botschaft der Dramen lautet: Das Leiden hat einen höheren Sinn. Auch wenn am Ende der Tod steht. Das Leiden ist nur der Weg zu einer höheren Erkenntnisstufe. Es bewirkt eine Reinigung. Die griechischen Dramen setzen das fort, was im jüdischen Hiob-Buch unfertig und unbeantwortet bleibt. Der wohlhabende Hiob wird von Gott gequält, verzweifelt an ihm, klagt ihn an, um am Ende wieder gerettet zu werden. Er fungiert wie eine Marionette, die wie bei der griechischen Tragödie durch eine Art „Götterstreit“ (eine Wette zwischen Jawe und dem Teufel) in Gang gesetzt wird. Ödipus und andere griechische Heroen lehnen sich dagegen bewusst gegen die Götter auf, entlarven sie als grausam und erheben sich als Märtyrer gegen ihre Willkür, werden als menschlich handelnde Protagonisten unsterblich.
Der Mensch wird durch sein menschliches Handeln göttlich. Die Götter dagegen durch ihr unmenschliches Handeln zu Dämonen. Sie stehen moralisch gesehen als triebhafte, ichsüchtige, eifersüchtige und rachsüchtige Wesen weit unter den Menschen, die sie aus einer Laune heraus leiden lassen. In der Passion Christi erleidet Gott die Leiden der Menschen, werden die Grenzen zwischen Gott und Mensch aufgehoben. Jesus Christus geht über Hiob und Ödipus hinaus. In der Passion des Gekreuzigten fließen zwei gewaltige Ströme zusammen. Griechische Kultur und Jüdische Religion verbinden sich um fortan als Christentum, vermischt mit anderen Einflüssen, als breiter Strom abendländischer Kultur durch die Zeiträume zu fließen. Bald schon erreichte der Fluss auch die keltischen Gebiete, England, Irland… Dort wird der Kelch Christi zum HEILIGEN GRAL, die Apostel zu Rittern der Tafelrunde des König Arthus.
Mit den Evangelien, und ihrer Passionsgeschichte wurde ein Gefäß geschaffen, dass weit über die Kirchenturmspitze hinaus reicht. Das Bild vom leidenden Christus war zu allen Zeiten auch das Bild der leidenden Menschheit. Der Verräter Judas, der Verräter schlechthin. Das Blutgeld, wie oft wurde es bezahlt? Die Häscher, mit ihren höhnischen Gesichtern, die Söldner, die auf Befehl für Geld oder gar aus Lust am Morden alles ausführen, was man ihnen befielt. Gab es sie nicht auch in Dachau, Buchenwald und Auschwitz und heute wieder als Mörderbande eines Tyrannen in der Ukraine? Der nach Blut dürstende rasende Mob, gibt es ihn nicht eins zu eins in Ägypten, Nigeria und Pakistan? Der feige Richter Pilatus, der ein „Bauernopfer“ bringt und dann „seine Hände in Unschuld wäscht“, gleicht er nicht aufs Haar jenen, die unser Recht zu Gunsten eines radikalen Islamismus immer mehr aushöhlen, freie Meinungsäußerung drakonisch bestrafen und im gleichen Atemzug Bandenkriminalität als Kavaliersdelikt durchgehen lassen. Wer hält noch zu einem, wenn man im Betrieb auf der Abschussliste steht? Kennt nicht jeder von uns auch einen Petrus, der diskret wegschaut, einen nie gekannt hat. Dreimal krähte der Hahn!! Oder „Freunde“ oder gar Mitstreiter, die einen, wenn man sich zu weit vorgewagt hat, und in die Mühlen der Justiz gerät jämmerlich im Stich lassen. So wie es mir erging, als ich in Wiesbaden für eine ermordete Jüdin eine Demo publizistisch unterstützte.
Der Gründonnerstag ist der Gedenktag für alle Idealisten, die jenseits von Lagern ihrem Humanismus treu bleiben. Für sie ist importierte Gewalt, Messer und „Ehrenmorde“ ebenso schlimm, wie der gezielte Terror gegen Zivilisten in einem Krieg, der bei allen Fehlverhalten des angegriffenen Staates durch nichts mehr zu rechtfertigen ist. Auch wenn in der Ukraine keine lupenreine demokratischen Verhältnisse herrschen.
Als ich 2011 die Urfassung dieses Artikels schrieb und in der exilchristlichen Medien-Plattform „Kopten ohne Grenzen“ veröffentlichte, war die Kirche noch so „christlich“, dass sie sich über einen Schmähartikel des bekannten iranischen Dichters Navid Kermani empörte. Heute nimmt es die Kirche in Kauf, dass die Silhouette des Kölner Doms aus dem Logo der Stadt Köln verschwindet. Damals hatte der Vorzeigeiraner geschrieben, dass er sich von der Darstellung des Gekreuzigten angeekelt fühlt und im gleichen Atemzug den Koran mit seinen oft Juden und christenfeindlichen Passagen als „Schönheit“ gelobt. Was unterscheidet ihn noch von jenen höhnischen, würfelnden Häschern unter dem Kreuz?
Auch heute noch werden im Iran Strafgefangene auf gleiche Weise behandelt wie seinerzeit Jesus in Jerusalem. Christsein im Iran kommt einem Todesurteil gleich. Heute ist es fast schon verboten darüber zu schreiben. Islamkritiker werden inzwischen auch von der deutschen Justiz abgeurteilt. Und wie Pilatus waschen sich die Richter danach ihre Hände in Unschuld. Damals wie heute möchte ich dem „Dichter“ antworten:
Das Leiden unschuldiger Menschen hat nie etwas „ekelhaftes“. Ekelhaft sind nur die Täter. Auch die Schreibtischtäter. Und am allermeisten ekel ich mich vor solchen, die ihre grausame Banalität noch als Dichtkunst verkaufen. Dass man ihnen dafür noch Preise überreicht, grenzt an Blasphemie.
Nicht der Gekreuzigte ist ekelhaft, sondern die, die ihn auch heute noch – oder wieder – verhöhnen… MIT WORTEN, WIE MIT TATEN! Käme Jeusus wieder auf die Welt; er würde in jedem Land dieser Welt vor einem Richter landen.