Es war ein ganz normaler Montagmorgen in Swindon. Im Radio lief die gleiche Musik und die Diner waren mit Menschenmassen überflutet. Jedoch führte Autumns Weg zur Polizeiwache um ihren Bruder von dort abzuholen. Der versuchte Angriff auf sie ist schon einige Tage her, weswegen sie das Haus ihres Bruders auf Vordermann bringen konnte, bevor dieser es wieder betritt. „Guten Morgen, Sheriff. Ist Jason schon soweit fertig, dass ich ihn mitnehmen kann?“ sprach sie und schenkte ihm in der nächsten Sekunde, das entzückendste Lächeln, was sie aufbringen konnte. Ihre großen Rehaugen blickten in die das schon ganz von Stress gezeichnete Gesicht. Dieser Anblick tat ihr leid. Er hatte wirklich schon vieles miterleben müssen. „Nein, es dauert noch einige Minuten. Er holt noch seine Wertsachen.“ Bekam sie als Antwort und der breite, stämmige Mann verschwand in sein Büro zurück. Gelangweilt lies die Kellnerin ihren Blick umher wandern und setze sich dann auf einen der freien Stühle. Die Ausstattung war spärlich. Lediglich ein großes Poster mit der Aufschrift „Polizei Freund und Helfer der Stadt“ gab sich zum Besten. – Und drauf zu sehen war ihr Bruder. Ihr Bruder, der nun selber die Zeit in einer Zeller absitzen musste. Wie ironisch! Aber zum Glück zu unrecht.Die Vergangenheit spielte sich wieder vor ihren Augen ab. Sie konnte sich noch ganz genau daran erinnern, als sie das Stück Papier zum ersten Mal erblickte.Die Brünette war so stolz und sprachlos auf ihren Bruder, dass sie gar keine klaren Wörter oder sogar Gedanken fassen konnte. „Was meinst du?“ sagte er mit strahlenden Augen und benahm sich wie ein kleiner Schuljunge, der mit einer eins nach Hause kam. „Du siehst wundervoll aus! Mutter und Großmutter wären sicherlich stolz auf dich gewesen, da bin ich mir sehr sicher.“ Gab sie ihm zu wissen und legte ihre zierliche Hand auf seine Schulter. – Die Beziehung unter ihnen war nicht wirklich lobenswert, aber dennoch wäre sie immer für ihn da gewesen. Jas war der Einzige, den sie noch hatte. Sie vermisste die alte Zeit, sie vermisste den alten Jason. Wieso musste sich alles zum negativen wandeln? Zu gerne hätte sie ihre Großmutter um Rat gefragt. Sie wusste immer was zu tun war. Noch heute gab sie sich die Schuld für ihren Tot, da der Mörder es eigentlich auf sie abgesehen hatte. Ach könnte ich doch nur…Plötzlich hörte sie Schritte und prompt hob sie ihren hübschen Kopf um die Geräusche einzuordnen und die Person zu erblicken. Ihre Augen schenkten ihr jedoch nicht die beste Sicht, sie waren mit Tränen gefüllt. Seufzend rieb sie sich über die Lider und konnte dann die Gestalt ihres Bruders ausmachen. „JASON!“ kam es ihr lauthals über die Kehle, sprang von dem Stuhl und schlang ihn in ihre Arme. „Ich bin so froh, dass endlich die Wahrheit ans Licht gekommen ist. Ich wusste, dass du es nicht warst.“ Sie löste nach einigen Sekunden die Umarmung. „Du könntest doch niemals Großmut..“ NEIN, allein der Gedanke daran, war schon unerträglich für sie. „Wie geht es dir? Möchtest du was essen gehen? Ich habe mir heute extra frei genommen.“ Wieso immer konnte sie sich nicht zurückhalten und wollte ihn von vorne bis hinten verwöhnen, was ihm aber nicht passte. „Wie soll es mir schon gehen, Schwesterherz? Ich war in einer Zelle, da hat man nicht wirklich viel Spaß drin.“ sagte er schnaufend und ballte die Hände zu Fäusten. „Entschuldige“ murmelte sie beschämend und starrte ihn dabei an. Seine Gedanken lesen wollte sie nicht, das hatte sie ihm Versprochen, aber es war auch gar nicht nötig. In seinen Augen war purer Hass und Verachtung. Sie glaubte fest daran, dass er es nicht so meinte und einfach nur neben der Spur stand. Genauso wie an dem Tag, an dem er sie geschlagen hatte. Es war ein Ausrutscher. Du brauchst keine Angst vor ihm zu haben, beruhigte sie ihre innere Stimme. Aber ab wann sollte man Angst haben? Ab wann wird die Angst zur Belastung? In den letzten Wochen wurden zwei Arbeitskolleginnen von ihr getötet, sowie ihre Großmutter und ihr war gewiss, dass der Täter es auch auf sie abgesehen hatte. Wie konnte sie so leichtsinnig mit ihren Leben umgehen? Waren es die kleinen, fiesen Gedanken, die sie in ihrem Hinterkopf barrikadiert hatte, dass ihr Leben sinnlos sei und sie das so unvorsichtig handeln lies?
Sie dachte viel. Zu viel. Es schien als wäre sie nie im hier und jetzt und so bemerkte sie auch nicht, dass ihr Bruder einfach an ihr vorbei lief und die Polizeiwache ohne sie verließ. Wie lange würde sie es noch mit ihm aushalten. Ein Jahr, oder doch keine einzige Stunde?