10:56 Psychosis: Oathbreaker - Rheia
Es ist tieftraurig, es ist beklemmend und es ist eines der erstaunlichsten Alben des Jahres: Mt ihrer dritten Full Length setzt die Genter Band Oathbreaker neue Maßstäbe im modernen Metal.
Schon 2011 hatte ihr Debüt „Mælstrøm“ die Band auf die musikalische Landkarte gesetzt. Oathbreaker fielen dabei seinerzeit weniger durch Originalität auf als durch Stilsicherheit und Timing. In Szene gesetzt durch eine State of the Art-Produktion von Kurt Ballou, amplifizierten sie die Faustschlagenergie ihres Crust Punks mit einem Panzer aus Stahl und einer Schicht aus Ruß. Das Ergebnis war so effektiv wie geschichtsbewusst und mit einer halben Stunde Laufzeit kein Stück zu lang. Es ist nicht dieselbe Band, die man nun auf „Rheia“ hören kann, der transgressive Mut ist den guten Genre-Handwerkern von damals noch nicht anzumerken. Selbst auf dem Nachfolger „Eros|Anteros“ war er allerhöchstens latent – auch wenn die Band öfter und doch in eng umzäunten Bereichen ihr Tempo drosselte, andere Klangschattierungen zuließ, nicht mehr nur talentiert war, sondern in Ansätzen eigenständig. Mit „Rheia“ schicken Oathbreaker sich zum ersten Mal an, die Codes umzudeuten, in denen auch sie bisher operierten.
Das erste Adjektiv, was mir zu „Rheia“ in den Sinn kam, war vermutlich „unangenehm“, und es scheint ein sonderbar schwacher Begriff im Kontext des Genres, in dem man Oathbreaker noch immer verorten muss. Ist Metal, gerade extremer Metal, nicht immer wesentlich mehr als nur unangenehm, liegt sein ästhetisches Programm nicht sowieso immer im Ausreizen des Aushaltbaren, wie viele gebrochene Knochen, Genozide und Weltuntergänge könnte man aus Death- und Black Metal-Diskografien zusammentragen? Und doch, und trotzdem, und gerade deswegen: Das vergossene Blut ist längst zur Konvention verkrustet, ein zusammenhaltendes Gerüst, das unsichtbar geworden ist und damit unwirksam. Gewalt ist steril im extremen Metal, gerade weil ihre Darstellung Teil des Genrecodes ist. Gerade deswegen ist es eine texturzerschneidende Bewegung, wenn die Gewalt auf „Rheia“ auf einmal wieder als etwas Unangenehmes erscheint, der Stilmatrix entrissen und gleichsam direkt, so direkt, dass man sie überhaupt erst wieder spürt. Das Prisma, durch das sich extremer Metal auf „Rheia“ in primäre Empfindungen trennt, ist dabei vor allem Sängerin Caro Tanghé.
Es gibt mittlerweile einige profilierte Sängerinnen in so ziemlich allen Spektren des einst so dezidiert männlichen Genres Metal, genug, um bei Erscheinen von „Mælstrøm“ für Oathbreaker kein Alleinstellungsmerkmal zu sein. Caro Tanghé fügte sich in die heisere Eintönigkeit gegebener Konventionen, es funktionierte, es funktionierte wirklich gut, sie war eine der mehr oder weniger profilierten Sängerinnen unter vielen, Oathbreaker gute, leidlich eigenständige Handwerker. Auf „Rheia“ fügt sie sich nicht ein, nichts funktioniert, nichts geht mehr. Selten wurden die Kompositionen auf einem extremen Metal-Album derart von der Präsenz ihrer Sängerin durchdominiert, so sehr, dass sie mitunter Löcher in ihre Textur reißt. Man ist versucht, das Heulen und Schreien in „Being Able To Feel Nothing“ als schief zu bezeichnen – doch was wäre überhaupt gerade bei dieser höchst labilen, explosiven, mit jedem Takt zersplitternden Musik, diesem schlicht und doch taumelnd stampfenden Stück in einem Zustand ständiger Erschütterung. Oft, irritierend oft wurde ob der ähnlichen Techniken und Range der Vergleich mit Chelsea Wolfe bemüht, der Gothic Empress an der Genre-Peripherie, den Tanghé nur verlieren konnte: bei ihr klingt gar nicht erst nach Technik, was Wolfe zu theatralischer Perfektion geschliffen hat. Ihr Gesang ist nicht auf eine ästhetisierte, virtuose Weise „berührend“, er ist auf eine unangenehme Weise zu nah, er ist Kontrollverlust, an dessen Inszeniertheit man sich als Hörer erst wieder erinnern muss. Brutal sind hier weniger das Kreischen und Fauchen, auch wenn selbst diese über Genreroutine hinausgehen in ihrer Intensität. Brutal, beklemmend sind die Momente offensichtlicher Brüche und Ohnmacht. „Second Son of R.“ ist Sarah Kane-Prinzip auf Gitarrenmusik-Fundament, ein unwahrscheinlich glänzendes Ergebnis seines Drucks von allen Seiten: immer wieder hin- und hergeworfen, das Drumming immer wieder zum Stolpern über unsichtbare Drähte gebracht. Blastbeats und Gitarrensplitterhagel kämpfen um Vorherrschaft und Aufmerksamkeit, bis sich das Zerren und Reißen nach einem Break ausgerechnet in einem Refrain auflöst, einem absolut eingängigen Refrain, in dem Tanghé nichtsdestotrotz wie eine Ertrinkende, kollabierend und nicht siegreich klingt. „Don't make me pity you in the end“ ist die hart erkämpfte Gnadenlosigkeit, die ihrerseits nach Gnade fleht, weil das Zerren natürlich nie wirklich vorbei ist. Ähnlich ihrer Labelkollegen von Converge auf ihrem Referenzalbum „Jane Doe“ inszenieren Oathbreaker Gewalt als Zeichen für Macht- und Sprachlosigkeit. Tanghés Gesang und Texte machen dieses Zeichen zudem beunruhigend intim: die Kämpfe von „Rheia“ werden geführt gegen einen Feind, an den Tanghés lyrisches Ich durch schneidende Drähte gefesselt erscheint, gegen jemanden, der zu viel über einen weiß und einem selbst zu viel bedeutet, und, in den tiefsten Tälern des Albums, gegen das eigene Ich. Von Gitarrengewittern umgeben stehen dann Zeilen wie „How could you go without me?“ im Klangraum, und ja, man könnte das für ziemlich simpel halten, ziemlich drüber. Dieses dezidiert Un-Poetische, das Potential des Scheiterns, das ihnen eingeschrieben ist, ist zugleich das, was sie verstörend macht. Es ist das, was man tränenüberströmt, fassungs- und würdelos, tief verletzt einem geliebten Menschen in einem geschlossenen Raum ins Gesicht schreien würde, wenn man keinen Zugang mehr hat zu den Mitteln, die diese Botschaft hübscher, geschliffener machen würden, und ihn auch nicht will. Die Sprache verliert dabei nichts von ihrer Kraft, wenn sie an anderer Stelle das Lyrische für sich einnimmt. Das düstere Pathos der Musik spiegelt in solchen Fällen direkt das düstere Pathos von Tanghés Bildsprache. Es ist nur konsequent, wenn sie für ihre Selbsterschaffung aus Selbstzerfleischung in „Being Able To Feel Nothing“ auf Zeichen zurückgreift, die in Hörern und Lesern Assoziationen zu Blut, Gift und Krieg triggern. Nur vermeintlich über-lebensgroß ist diese wiederauferstandene Lady Lazarus.
Es ist immer Caro Tanghé, die die Musik auf „Rheia“ mit Bedeutung auflädt, an der die Musik mitunter vorbeimuss. In dieser Konsequenz ist das vor allem – höchstens – mit einem Album vergleichbar: „Within the Veil“ von Fear of God aus dem Jahre 1991. Auch da wurde die wehrhafte, drängende Musik gedrosselt und verbogen, um der bedrückenden Selbstoffenbarung der Sängerin Dawn Crosby Raum zu geben. Auch da griff die Kritik und Szenerezeption zunächst auf bestehende Referenzpunkte und Trends zurück, um die Musik fass- und beschreibbar zu machen. Was bei Fear of God ein wenig geschickter Vergleich mit Slayer war, ist bei Oathbreaker das inzwischen leidige Anbringen der Blackgaze-Gamechanger Deafheaven. Die Begründung ist tatsächlich standfest: der verwirbelt melodische Gitarrensound, den Produzent Jack Shirley sowohl seinerzeit „Sunbather“ als auch „Rheia“ nun gab, ist für Deafheaven mittlerweile charakteristisch. Die Ähnlichkeiten sind kein Zufall, der Vergleich wird jedoch erst als Kontrastmittel produktiv. Man verpasst das Meiste von dem, was Oathbreaker mittlerweile ausmacht, wenn man den Zugang nur über das Wiedererkennbare sucht. So sind „Luna“ vom „Sunbather“-Nachfolger „New Bermuda“ und „Rheia“'s „Immortals“ tatsächlich ähnlich strukturiert. Doch die Einlösung ihres Versprechens ist bei beiden radikal verschieden, und darin eine perfekte Illustration der unterschiedlichen Bewegungsrichtungen beider Bands. Deafheavens Sound lässt sich prinzipiell als offen beschreiben: die durtönende Euphorie ihrer schillernden Gitarrenläufe ist das, was sie bekannt und im Black Metal besonders gemacht hat, die überwiegend instrumentalen Stücke ziehen weite Bögen, belohnen das Warten mit Rausch, es gibt sogar Gitarrensoli. Gitarrensoli sind nicht denkbar im Klangbild der gegenwärtigen Oathbreaker, die in „Immortals“ ihren Ikarus mit schmelzenden Flügeln vom Himmel stürzen lassen, statt wie Deafheaven seinen Höhenflug zu vertonen. „Rheia“ ist nicht „offen“: „Rheia“ ist Zerren von Ketten, „Rheia“ ist das Eingesperrtsein im eigenen Kopf, „Rheia“ ist eine Verkeilung in sich selbst, die jede Bewegung mit Schmerz belegt.
Man ist versucht, den Wert dieser Selbstverkeilung im Geständnishaften zu sehen, in einer sogenannten Authentizität, der man sich entziehen kann, weil sie einen nichts angehen muss. Wenn sie einen etwas angeht, dann, ja, dann kann man sich „Rheia“ nicht mehr entziehen. Auf eine Weise liegt für mich der Wert dieses Albums tatsächlich in seiner Authentizität, doch diese Authentizität ist nicht gebunden an die Person, die sie mit Texten und Gesangsperformance herstellt. Wenn „Rheia“ den richtigen Hörer, den richtigen Trigger erwischt, dann geht es nicht um die inwieweit auch immer fiktionalisierten Gedanken und Empfindungen von Caro Tanghé: es geht um dich. Dich, wie du im Gehen die geballte Faust an der rauen Mauer entlangziehst, bis warmes Blut über die Ufer deiner erodierten Haut tritt. Dich, wie du es wieder machst und wieder und wieder, weil die Kälte dich taub gemacht hat und der warme Schmerz dich wieder zurückholt, weil du ohne diese Wärme, ohne das Sprengen und Neuaufbauen deiner eigenen Grenzen immer wieder vergisst, dass es dich gibt, und du es nie wieder vergessen willst. Dich, wie du dir wünscht, wieder vergessen zu können, dass es dich gibt, dein Schmerzgedächtnis restlos überschreiben, auf Fliesenboden zusammengekrümmt, keine einzige Wunde vernarbt, jede pochend und offen. Dich, wie du die fremde Klinge mit jedem Atemzug näherkommen siehst an deine zitternden Rippen, wie du denkst: Los, du denkst: Los, du denkst: Los, um das Brechen deines Hautpanzers nicht mehr nur fürchten zu müssen. Du, wie du nie einen Schritt vorangekommen bist, auf keiner deiner Flüchte, und nun den Klippenrand hinter dir siehst und verstehst, du kannst nie mehr zurück. Drink me, make me feel something. I'll be a lonely child forever I'll be a lonely child.