Titel: Von des Herren nachtmol : / Oswaldus Myconius
Entstehung: [Basel], [1538]
Universitätsbibliothek Basel / Von des Herren nac... [9
Oswald Myconius in Basel
WILLY BRÄNDLY
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Doch was wogen solche Differenzen mit staatlichen Instanzen gegen die schwierigen, langwierigen und zermürbenden Auseinandersetzungen innerhalb der Kirche wegen des Abendmahls.
Was war das für ein nicht endenwollendes Kapitel! Luthers Haltung in Marburg ist bekannt. Er zog einen Strich gegen die Schweizer, die «Sakramentierer». Der Straßburger Butzer trat auf den Plan, oft geschickt, noch öfters ungeschickt. Aber man muß ihn verstehen wollen. Seine Absicht war groß, nämlich die: alle Evangelischen zu einer Einheit zusammenzubringen gegenüber der Macht Roms, um dieser gegenüber auch nicht einen Schein von innerer Uneinigkeit aufkommen zu lassen. Myconius, der ebenfalls unter der Trennung litt, war Butzers Absichten äußerst wohlgesinnt. Hätte es damals schon ein ökumenisches Denken gegeben, sie beide wären gewiß glänzende Anwälte solchen Denkens geworden. Statt dessen mühte sich jene Zeit mit einem ungeheuren geistigen Kraftaufwand ab, die letzte, tiefste Einheit nicht in Christus selbst, sondern im Abendmahl zu finden. Das aber hieß: Luther und die Schweizer in ihren Auffassungen zusam menzubringen. Myconius, mit Butzer verbunden, wollte keineswegs von Zwingli abrücken. Aber das Element des Glaubens stärker betonend, war ihm klar: «Wo der Glaube ist, ist Christus, wo der Glaube nicht ist, ist Christus nicht.» Nun schien ein gangbarer Weg gefunden zu sein, als er jene Versammlung in Basel anführte, in der die von ihm, Bullinger, und Grynäus aufgestellte zweite Basler Konfession angenommen wurde (1536). Brot und Wein bleiben Zeichen des Leibes und Blutes Christi, aber daß sie zum ewigen Leben gereichen, das geht von Christus selber und allein aus.
Luther war damals friedenswillig. Doch das dauerte nicht lange. Trotz dessen oft unerhörten Invektiven gegen die Schweizer ließ sich Myconius nicht beirren. Zwar hatte er schon 1534 an Bullinger geschrieben: «Ich unterstehe mich, zu schwören, Luther sei überzeugt, daß er und die Sei nen den Heiligen Geist allein besitze». Doch Luther war ihm größer als Luthers Heftigkeit, als Luthers Denken über das Abendmahl. Aber die Zuneigung zu ihm, auch die Verbundenheit mit Butzer und dessen Ein fluß auf ihn, brachten ihn bei den Zürchern, trotz seiner Verteidigung, er halte es hinsichtlich des Abendmahls durchaus mit ihnen, in ihm weh tuenden Verdacht. Am 9. Juni 1544 schüttete er Melanchthon sein Herz aus4: «Ich vernehme, ich sei Butzeraner, Lutheraner, einer, der die frühere Ansicht verlassen habe. Durch die Stöße werde ich hart mitge nommen die Stipendiaten der Gegner werden am Umgang mit mir ver hindert, werden auch von meinen Predigten weggerufen, damit nicht, wie einer schreibt, sie eine andere Ansicht des Abendmahls mitnehmen. So schmerzt mich die Sache daß ich es kaum mehr aushielt solange ich gezwungen war, Karlstadt zu ertragen. Ich bin unruhig, daß sie durch eine üble Stimmung gegen Dr. Martin (Luther) verblendet, nicht einsehen wollen, was sie doch genau einsehen. Damit Du genau weißt, wie ich denke, ist das meine Ansicht über das Abendmahl: Christus nährt uns mit dem Brot zugleich mit seinem Leib und tränkt uns mit dem Wein zugleich mit seinem Blut, freilich nicht auf grobe Weise und wie die Kapernaiten glauben, sondern auf himmlische, geistliche und doch wahre Weise. Und diese Wahrheit ist zu glauben, nicht zu erforschen.»
Mit diesen Worten dürften die Zürcher wohl auch einverstanden ge wesen sein. Aber mehr als fraglich ist, ob sie mit den weiteren Worten einiggegangen wären: «Ich bin der Meinung, über den Leib Christi sei immer so zu urteilen und zu reden, daß er mit der Göttlichkeit (divinitati) verbunden sei, niemals aber von ihm losgerissen, wie die zu reden schei nen, die da sagen: der Leib Christi kann nicht an vielen Orten zugleich sein. Das sagen sie gewandt, ich gebe es zu, von einem von der Göttlich keit losgelösten Leibe. Ich sehe, bei jenen gilt unfehlbar: der Leib kann nicht zugleich an vielen Orten sein, also kann er nicht im Mahl sein und zugleich im Himmel, außer durch die glaubende Betrachtung. Auf dieses physische Argument stützen sie sich so sehr, daß sie glauben, sie hätten gesiegt über alle, die nicht beistimmen. Ich bleibe indessen nicht dabei, daß ich einfach sage, der Leib Christi sei überall, sondern glaube gerne den Worten des Herrn, wenn er hinzufügt, sein Leib sei im Mahl und werde gegeben und genommen.»
Gewiß dürfen wir Myconius zugeben, daß er jedes physische Essen und Trinken des Leibes und Blutes Christi ablehnte und nur den geistlichen Genuß gelten ließ. Aber was er hier, ohne irgendeinen Namen zu nennen, polemisch gegen «sie», «die» und «jene» - nämlich die Zürcher schrieb, das kam doch aus einer auffallenden Annäherung und Anleh nung an die von den Schweizern mit Recht abgelehnte Ubiquitätslehre Luthers heraus. Hier liegt jedenfalls zum allermindesten ein Ansatzpunkt zur Kritik an Myconius, er lutheranisiere. Vielleicht bedeutet der letzte von Myconius geäußerte Satz eine Einschränkung, eine Präzisierung in dem Sinne: ich verlasse mich nicht auf Luthers Gedanken, sondern lasse es mir an Christi Wort genügen. Auf keinen Fall war Myconius ein Freund von heftigen theologischen Kontroversen, war er doch der geborene Ireniker, was bei ihm nun freilich auch nicht hieß, Frieden um jeden Preis, aber das bedeutete es, was er einmal an Bullinger geschrieben hatte: «Nicht mit Leidenschaft ist in göttlichen Dingen zu verfahren, sondern mit Liebe. Fehlt uns diese, so gehen wir zu Grunde.»
Butzers Vermittlungsarbeit war zuletzt gescheitert. Die Schweizer schienen allein zu stehen. Unterdessen war ein anderer in ihr Blickfeld getreten: Calvin. Nach seinem Rückzug von Genf nach Straßburg über trugen die reuigen Genfer Myconius den Auftrag, Calvin zur Rückkehr nach Genf zu bewegen. Und Calvin kehrte zurück. Sollte es am Ende möglich sein, wegen der immer noch schwebenden Abendmahlsdifferen zen die Genfer und die Zürcher, also Calvin und Bullinger vor allem, zusammenzubringen ? Das war der Gedanke Farels. Wir wissen, daß Cal vin viel auf Luther gab. Das war kein Hindernis zu eigener Überlegung und Haltung. Calvin reiste auf Antrieb Farels plötzlich nach Zürich zu Bullinger. Zu ihrer eigenen Überraschung waren sie in etwa zwei Stunden in den Grundzügen einig, der Consensus Tigurinus war hergestellt (1549). Der Druck des Consensus erfolgte 1551. War aus den Verhandlungen mit Luther nichts geworden, jetzt hatten die Schweizer sich in Hinsicht auf das Abendmahl zusammengefunden.
Die Annahme ist wohl nicht abwegig, es sei dadurch eine gewisse Stär kung des schweizerischen Nationalbewußtseins entstanden. Trug ja doch schon die zweite Basler Konfession von 1536 auch den Namen Confessio Helvetica (die heute die erste genannt wird, weil 1566 die glänzende zweite Confessio Helvetica - posterior - als Bekenntnis aller schweizeri schen Kirchen angenommen wurde). Man bedenke, daß schon hundert Jahre später die Schweiz vom deutschen Reich politisch losgelöst wurde.
Myconius aber war schmerzlich berührt, nicht weil er mit dem Con sensus nicht einig gegangen wäre, sondern weil man ihn mit den Baslern bei den Verhandlungen in Zürich nicht zugezogen hatte (dasselbe hätten freilich auch die Berner sagen können). Calvin erfuhr es, daß er sich etwas beleidigt fühlte. Rasch gab Calvin mit Brief vom 26.November 1549 aufhellenden Bescheid mit größter Genauigkeit5: «Zwischen mir und Bullinger war die fragliche Angelegenheit hin und her verhandelt worden. Da unserm Farel eine Hoffnung auf Einigung aufgeleuchtet hatte, hörte er gleich darauf mit Ermahnen nicht auf, ich sollte nach Zürich zu persönlichem Verhandeln reisen.» So trafen sie mit den Zürchern zu sammen. «Was ich am wenigsten gehofft und was niemand anfäng lich als möglich gehofft hatte, segnete Gott, so daß innert zwei Stunden unter uns fest gelegt war, was Ihr nun leset. Also wie Farel mit Recht sich rühmen kann, allein der Urheber dieser Verhandlung gewesen zu sein, während andere sich nicht darum kümmerten, so trägt er auch die Schuld dafür, wenn es überhaupt eine ist. Man war übereingekom men, unser Consensus sei zu unterdrücken, bis er von Euch gebilligt wäre. Und wir wollten Euch teilnehmen lassen an der Beurteilung. Aber da die Brüder Zürichs das nicht für nützlich hielten, wagten wir nicht, allzu eindringlich unsern Dienst anzubieten, so daß wir auch auf ihren Rat Bern auf der Rückkehr vermieden. Wenn Ihr also über gangen seid, ist das kein Grund, daß Du mir oder Farel zürnst. Denn diese Verantwortung hatten die Brüder in Zürich auf sich genommen, obgleich das meiner Meinung nach von diesen eher aus irgendeinem andern Grunde geschehen ist, als aus Mißachtung. Denn das Gespräch über Euch war ehrerbietig und wohlwollend.»
Auch Farel bemühte sich, Myconius zu beruhigen und schrieb ihm nur zwei Tage später u.a. die herzlichen Worte6: «Du hast mir geschrie ben, daß Du schwer daran tragest, daß ich nichts an Dich schrieb, wie wenn Du von mir nicht als Bruder, den das etwas anginge, angesehen würdest, während Du doch nicht erst heute nicht nur als Bruder giltst, sondern ja schon vor 25 Jahren wie ein Vater verehrt wurdest. Und ich werde Dich nicht anders einschätzen, solange Du Christus angehörst, dem Du immer angehören wirst. Keineswegs ist an Dir etwa durch Gering schätzung gesündigt worden, noch glaubte ich, Dir etwas verheimlicht zu haben.»
Als Bullinger den gedruckten Consensus am 6. März 1551 Myconius zugesandt hatte, antwortete ihm dieser, immer noch betrübt7: «Den Consensus habe ich gelesen. Hier bedauert man, wie man es vorher be dauerte, daß unsere Kirche mißachtet wurde, als wäre sie sozusagen für die Wahrheit nicht fähig. Konnte unsere Wenigkeit (parvitas) verachtet werden, so durfte und konnte das doch unser Eifer nicht. Vielmehr er konnte es, weil es so geschah. Aber genug darüber, weil das, was geschehen ist, nicht ungeschehen gemacht werden kann.» Myconius hatte sich allerdings insofern in den Zürchern getäuscht, als sie keineswegs die Absicht gehabt hatten, ihn auf die Seite zu stellen, sondern der Mei nung waren, er werde mit ihnen ohnehin einverstanden sein. Man sieht daran nur, was manchmal ein zeitiges Wort der Mitteilung verhindern könnte.
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admin,+zwa_11_03_04.pdf
Oswald Myconius (Geißhüsler) an Heinrich Bullinger [Antistes]
Basel, 10. Januar 1535
Regest
Ein Brief an die Berner [wegen eines gemeinsamen Abendmahlsbekenntnisses] blieb erfolglos. Haben ihnen die Zürcher Anlaß zu Befürchtungen gegeben? Nicht bei Berchtold [Haller], wohl aber in seiner Umgebung scheint Überheblichkeit mitzuspielen. Myconius hat das Bekenntnis der Zürcher [Nr. 482] an Grynäus weitergeleitet, mußte ihm jedoch das versprochene Bekenntnis der Berner schuldig bleiben. Bittet um Nachricht über die Zusammenkunft mit Bucer in Konstanz. In Basel ist im Anschluß an eine Predigt von Myconius ein Streit um den theologischen Doktorgrad entbrannt. Bittet um Stellungnahme der Zürcher. Capito wird in dieser Sache nach Basel kommen.
S. Scripsi Bernensibus1 certe qua potui fide et diligentia, verum sine fructu. Rescripsit enim Berchtoldus2 omnium nomine nos iam satis ex superioribus epistolis3 intelligere, quęnam hic sit mens eorum, qui verborum tenor. Hunc mutare tam sit impossibile, ut si quid tentarent, potius essent amissuri totum euangelion quam suos in aliam verborum inducturi formulam. Cum nos de mutanda forma ne verbum quidem, imo contra admonuimus nihil esse tale timendum, dubito, si vos tale quidpiam ad eos scripseritis, postquam timorem istum ego prorsus meo iudicio sustulissem. Rogarant, ut se apud vos et alios excusarem. Non video causam nec modum excusandi. Berchtoldum possem tueri, alios non item4. Nescio, quid insolentię videre mihi videar in quibusdam non laudande.
Vestrama cum aliis confessionem dimisi5. Quid putas dicturum Grynęum cęterosque, ubi videbunt Bernenses non adesse? Tum mendax equidem iudicabor, nam pollicitus sum propediem et Bernensium confessionem missurum; ita speraram quemadmodum et tub.
Dein venit nuncium ad nos, Tigurinos fratres, Bernenses, Scafhusianos, Sanctogallenses, Svevos multos superioribus diebus fuisse congregatos Constantiam ad Bucerum6. Si quid est, fac sciamus etiam.
Tandem adeo sumus hic ociosi, scilicet, ut contendamus, an doctores theologię in universitate nostra creandi sint necne7. Mira commotio est; universitas et senatus contra me sęviunt. Originem audi paucis: Equidem motus tyrannide scholę Parisiensis dominica proxima post kalendas ianuarias8 pro concione paucis quidem verborum iaculis pugnaram contra theologos istos, cum de gradibus sumendis esset pridie kalendas ianuarii decretum a senatu9. Mox consequuta est interpretatio, tanquam scholam totam, gradus omnes voluerim extinctos in contumeliam senatus decreti. Ego nihil tale in mentem acceperam. Vocat senatus, quod hactenus nunquam factum, exprobrat facinus (bone deus) grande, requirit rationem. Qui nihil contra universitatem senseram, ni voluisset aliquid papisticum introducere, motus coepi contra doctoratum theologicum causam dicere et tantum effeci, ut res ad fratres et universitatis doctos sit reiecta. Hic igitur defendam, quod post officii munus per ecclesiam a spiritu collatum non deceat honoris nomen pomposum adiicere. Ichc bin nit. Sagend das dem Utingerd. Officii contemplatio deiicit enim, dignitatis tollit. Haec, requiro, conferas cum Pellicano, Leone10 et Theodoro11 rescribasque mentem vestram quam ocyssime. Aderit brevi Capito12 ob hanc tantam rem. Ute amicis haec. Si quispiam effusurus esset, malo tibi soli scripta. Me capisf. Si proprius mittendus nuncius, ne differas, ni velitis contra me pugnare. Utcunque rescribito.
Vale per dominum cum fratribus et familia.
Basileę, 10. ianuarii mane ante concionem - ideo brevior esse coactus sum - anno 35.
O. Myconius tuus.
Bullinger Digital: Brief

















