Seit 1848, im Prinzip bis heute
'Folgt Großbrand zwei' oder: Wo kommt der Live-Ticker her?
Bei großen Ereignissen von tatsächlichem (oder auch nur vermutetem) Nachrichtenwert gehören sie inzwischen auf den Nachrichten-Webseiten zum Standard: Die Live-Ticker. Ständig aktualisierte Informationen über die Entwicklung eines Ereignisses werden in kurzen Abständen auf die Seite gestellt, um immer den neuesten Stand mitzuteilen. Aber wo kommt diese Idee her – und warum heißen sie Live-Ticker?
(Das hat ein Leser gefragt, und auch wenn wir keine dieser Junge-Leute-mit-Medien-Seiten sind, erklären wir’s gerne:
Ist die namensgebende Technik eigentlich schon lange genug weg, dass irgendeine von diesen Junge-Leute-mit-Medien-Seiten mal ein Erklärstück machen kann, warum Liveticker Liveticker heißen? )
Diese Art der Informationsvermittlung in Häppchen ist alt, und sie hatte zunächst technische Gründe, schon bei der weltältesten Nachrichtenagentur Associated Press (1848 gegründet). Als Nachrichten noch per Telegrafie, noch von Hand per Morsecode, oder später per Fernschreiber übertragen wurden, war die Übermittlung langer Texte zeitaufwändig. Gerade bei wichtigen Ereignissen - was Neudeutsch Breaking News heißt - und bei ständiger Weiterentwicklung des Geschehens war es wenig sinnvoll, eine lange Geschichte zu schreiben, die dann auch für die Verbreitung lange brauchte: Die Empfänger sollten die wichtigsten Informationen so schnell wie möglich bekommen.
Die Empfänger, das waren vor der Verbreitung des Internets professionelle Kunden: Die Redaktionen von Zeitungen und vor allem des Rundfunks. Denn verbreitet wurden die Breaking News von Nachrichtenagenturen, die die aktuellen Informationen lieferten.
In den Jahren 1981 bis 1999, in denen ich für die beiden Nachrichtenagenturen Deutsche Presse-Agentur (dpa) und Associated Press arbeitete, gehörte das Verfahren zum täglichen Geschäft: Passierte etwas (Welt)Bewegendes, setzten die Agenturen zunächst nur eine kurze Meldung ab – und die war um so kürzer, je bedeutender das Ereignis war. Musterbeispiel sind die so genannten Blitzmeldungen, die nur aus einem einzigen Satz bestehen, und bei dem verzichteten die Agenturen sogar auf die sonst unerlässliche Angabe von Ort, Zeit und Quelle:
Blitz - Attentat auf den Papst
Erst in den nächsten Meldungen, nach einer Blitz- eine Eilmeldung, wurde die Nachricht dann mit weiteren Informationen angereichert. Der Kunde, also der Zeitungs- oder Rundfunkredakteur, konnte sich so schon mal auf eine neue Seite eins oder auf die Unterbrechung des laufenden Programms einstellen.
Das Häppchen-System, also der Vorrang von schnellen Einzelmeldungen mit einzelnen Teil-Informationen, zog sich komplett durch – auch wenn es kein Anschlag auf den Papst war. Bei bedeutsamen Nachrichten, zu denen anfangs auch noch nicht alle nötigen Informationen vorlagen, wurden die Meldungen je nach Informationseingang weitergeschrieben. Dafür gab es Formate, die dem professionellen Kunden vertraut waren, aber für den Leser merkwürdig gewesen wären:
Großbrand eins Auf dem Geländer der Fettig-Chemie in Hintertupfingen ist ein Großfeuer ausgebrochen. Die Feuerwehr rief die Anwohner auf, die Türen geschlossen zu halten. Folgt Großbrand zwei
Großbrand zwei Nach Angaben der Feuerwehr ist bislang nicht bekannt, ob gesundheitsgefährdende Chemikalien in Brand geraten sind. Bisher kamen keine Menschen zu Schaden. Folgt Großbrand drei
und so weiter - bis zur letzten Meldung der Serie, die dann mit dem Vermerk Großbrand sechs und Schluss signalisierte, dass die laufende Berichterstattung jetzt beendet war und eine zusammenfassende Geschichte folgen würde, in der alle Informationen noch einmal zusammengefasst würden.
Der technische Grund für diese Meldungs-Serien ist inzwischen weggefallen: Die Übermittlungsgeschwindigkeit für Texte ist nicht mehr wirklich länger, wenn mehrere tausend Zeichen statt einer Kurzmeldung übermittelt werden. Der inhaltliche Grund ist geblieben: Gerade wenn sich ein Ereignis schnell entwickelt und/oder zunächst noch viele Informationen fehlen, ist es immer noch sinnvoll, zunächst nur die gesicherten Fakten weiterzugeben.
Die Nachrichten-Webseiten vor allem von Zeitungen und Rundfunkanstalten nutzen das gleiche Prinzip – jetzt allerdings für den Leser und nicht mehr für den Redakteur, der es in eine lesbare Fassung bringen muss. Die Informationen werden ständig aktualisiert und bestehen oft nur aus wenigen Sätzen mit der aktuellsten Information, sind aber in andere Informationen auf der Webseite eingebettet, die das Verständnis erleichtern.
Und warum heißt es Live-Ticker? Zum einen, weil - entsprechende Arbeit vorausgesetzt - die Information fast in Echtzeit, also live, auf der Seite stehen sollten. Und zum anderen, weil sich der Begriff Ticker über alle technischen Entwicklungen gehalten hat: Als die Fernschreiber noch elektrisch angetriebene Schreibmaschinen (oder später Nadeldrucker) waren, tickerten sie tatsächlich in erheblicher Lautstärke. Die Empfangsgeräte standen deshalb oft in den Redaktionen in einem separaten, schallgedämmten Raum. Inzwischen wird da nichts mehr ausgedruckt, und wenn, dann lautlos. Ticker heißt es trotzdem.
(Thomas Wiegold)
















