Wandertour zwischen Eiszeit, Binnendünen und alten Schweden auf dem Nordpfad Wolfsgrund
Ob uns Wölfe über den Weg laufen? Wie kommen eigentlich Dünen in die Heide, was ist eine Salzsenke und wer wurde unter dem prähistorischen Grabhügel bestattet? Auf einer Wanderung auf dem 5,2 Kilometer langen Nordpfad Wolfsgrund gibt es viel Geheimnisvolles zu entdecken. Dabei rollt es sich komfortabel, denn der Weg ist komplett asphaltiert. Außerdem wurde mit barrierefreier Aussichtsplattform und Mitten-Drin-Bänken an mobilitätseingeschränkte Wanderer gedacht.
„Wir sind inzwischen zwar wieder ein Wolfsland, aber gesichtet wurden hier noch keine Wölfe“, nimmt uns Christiane Looks gleich zu Beginn die wohlig-gruselige Aussicht auf eine Begegnung mit den Vorfahren unserer Hündin Emma. Zu seinem Namen kam das Naturschutzgebiet Wolfsgrund aus einem ganz anderen Grund: „Das schlechte Gras, das hier wuchs, wurde volkstümlich Wolf genannt“, erklärt die Naturschutzbeauftragte für den Landkreis Rotenburg / Südkreis beim Strandkorb-Schnack. „Man fraß sich sprichwörtlich einen Wolf.“ Christiane Looks und ihr Mann Joachim haben sich dafür engagiert, dass der Wolfsgrund, einer von insgesamt 24 Nordpfaden, barrierefrei konzipiert wurde. Wandern liegt voll im Trend und ist sein verstaubtes Image längst los. Für alle, die mit oder auf Rädern unterwegs sind, sind geeignete Weg aber schwer zu finden. „In unserem Dorf Eversen leben drei Rollifahrer, außerdem gibt es hier die Rotenburger Werke“, erklärt Looks ihre Motivation. Auch für barrierefreie Elemente und Stationen entlang der Strecke haben sie gesorgt. Dazu gehört auch die Heidetribüne, eine barrierefreie Aussichtsplattform gleich zu Beginn des Rundweges. Von hier lassen wir den Blick über eine sanft hügelige Heidelandschaft schweifen, auf deren Sandboden die Besenheide wächst. Zweimal im Jahr werden Heidschnucken und Ziegen in die Flächen getrieben, die das Heidekraut verjüngen und aufkeimende Birken und Kiefern kurz halten. Ohne die tierischen Landschaftspfleger würden die Bäume die Heide nämlich verdrängen. Das, was wir als Hügel identifizieren sind tatsächlich Binnendünen, wie Christiane Looks uns erklärt. Bei Sandboden macht das ja auch Sinn. Wie ihre Kollegen an der Küste steigen sie sanft Richtung Westen an und fallen im Osten jäh ab. Verantwortlich für die sanft geschwungene Landschaftsgestaltung ist das Wechselspiel zwischen Eiszeiten und Warmzeiten.
Wir befinden uns heute auf jeden Fall in der Warmzeit und könnten gern noch länger im schattigen Strandkorb mit den Looks schnacken. Aber die Neugierde treibt uns dann doch mit Handbike und Fahrrad auf den Wanderweg, denn „hier gibt es viele verborgene Dinge, die man sonst nicht sieht“, verspricht Christiane Looks. Ihr Mann Joachim hat mit Fotos und kurzen, gut verständlichen Texten auf Infotafeln dafür gesorgt, dass diese Schätze auch entdeckt werden. Schon nach wenigen hundert Metern finden wir den ersten: Im Wald hat es sich eine Gruppe von Granit-Findlingen gemütlich gemacht, die von Gletschern über tausende von Kilometern aus Skandinavien bis an den Wolfsgrund getragen wurden. Alter Schwede, geht es einem bei dem Anblick der riesigen Steine durch den Kopf. Vor den Findlingen lädt eine Mitten-Drin-Bank zum Pausieren ein. Geniale Idee: Die Bank ist in der Mitte unterbrochen, so dass ein Rollifahrer oder Kinderwagen einparken und mittendrin sitzen kann.
Weiter geht’s vorbei an Korn- und Maisfeldern zur Salzsenke. Hier befanden sich in der Eiszeit unterirdische Salzstöcke, deren Zusammenbruch einen Erdfall verursachte, aus dem das Holtumer Moor entstand. Reich konnte mit dem Salz deshalb niemand werden. Heute wird die Senke landwirtschaftlich genutzt.
Hinter der nächsten Rechtskurve gibt es einen kleinen Canyon zu entdecken. Diese Senke, wie sie korrekt heißt, hat sich durch den Sandabbau gebildet, der hier einst mühsam von Menschen betrieben wurde, wie ein altes Foto auf der Tafel belegt.
Wir radeln weiter und freuen uns über die Weite mit Blick übers sattgrüne Land und das Gefühl von Freiheit auf dem ebenen Asphalt.
Dann tauchen wir ein in das Waldstück Weihbusch und entdecken auf der rechten Seite einen bewachsenen Hügel. Diesmal verbirgt sich nicht eine Düne, sondern ein Grabhügel dahinter, Zeuge einer frühen Besiedlung ab 2.800 v. Chr. Mehr als 1500 Jahre war die jungsteinzeitliche Einzelgrabkultur die vorherrschende Grabform. Das Zentralgrab war Hofbesitzern oder Familienoberhäuptern vorbehalten, wenn die Familie oder weitere Personen dazu kamen, wuchs der Hügel in die Breite und Höhe.
Auf rund 150 Metern geht es nun ganz leicht bergauf zu dem Eichen-Buchenwald auf dem Everser Horn mit Blick über das Dorf Eversen und die Wümmeniederung. Dass wir hier auf einem echten Schatz stehen, verrät uns Christiane Looks: In 40 bis 60 Meter Tiefe befindet sich Niedersachsens zweitgrößtes Braunkohlevorkommen mit einem Vorrat von geschätzt 400 Millionen Tonnen. Auch sein Ursprung macht uns schwindelig: Die Braunkohle bildete sich im Tertiär vor 65 bis 2 Millionen Jahren. „Mein Schatzzzz“, hören wir den Gollum in unserer Fantasie unter uns flüstern. Wir hoffen für den wunderschönen Wolfsgrund, dass er da unten bleibt und lassen uns bergab rollen für die letzten Meter des Rundweges.
An der Straße Zum Sandberg geht es rechts zurück zum Startpunkt im Wolfsgrund. Links geht’s zur Ortsmitte von Eversen mit Hofcafé für hungrige Wanderer. „Das ist unser Lieblingsweg auf dem es nicht nur Heide, sondern auch andere schöne Dinge zu sehen gibt. Und er ist nicht überrannt“, hatte Christiane Looks zu Beginn versprochen. Nun können wir bestätigen, dass das kein Lokalpatriotismus ist – der Wolfsgrund ist ein echter Geheimtipp.
Mit unseren frisch geschärften Sinnen freuen wir uns auf unsere nächstes Ziel Bad Zwischenahn, wo im Park der Gärten viele weitere Wunder aus der Pflanzenwelt warten.
Der barrierefreie Strandkorb hat übrigens keinen festen Standort auf dem Nordpfad Wolfsgrund sondert wandert weiter zum Flughafen Hannover, um die Teilnehmer der Special Olympics zu begrüßen.
Die Nordpfade sind ein Projekt des Touristikverbandes Landkreis Rotenburg zwischen Heide und Nordsee e. V. (TouROW).
Alle Informationen zum Nordpfad Wolfsgrund mit detaillierter Tourenbeschreibung gibt es unter www.nordpfade.info. Wer mit dem Auto anreist kann direkt am Naturschutzgebiet Wolfsgrund parken, fürs Navi Zum Sandberg 1, 27367 Eversen eingeben. Eine Anbindung zum öffentlichen Nahverkehr gibt es leider nicht.
Die nächsten barrierefreien Toiletten befinden sich in Prüsers Gasthof, Dorfstraße 5, 27367 Hellwege (ca. 9 km entfernt) und im Restaurant Waldhof, Hauptsraße 26, 27356 Unterstedt (ca. 6 km entfernt).