Kolumne J.S. Research KG: Ära des Nullzinses – Fortsetzung folgt
Die dritte Kolumne für meine Firma beim Solinger Boten:
Haben Sie wirklich geglaubt, die US-amerikanische Notenbank würde auf ihrer jüngsten Septembersitzung die Zinsen anheben? Oder vielmehr: Haben Sie es gehofft? Dann stehen Sie nicht alleine da.
Seit nunmehr 6 Jahren dauert sie an, die Ära des Nullzinses – jedenfalls in den meisten entwickelten Volkswirtschaften der G7. Schuld ist eine seit Jahrzehnten nicht mehr gekannte Kombination aus ökonomischen Faktoren, deren Ergebnis wir Volkswirte nach einem unserer großen Kollegen der Vergangenheit, John Maynard Keynes, „Liquiditätsfalle“ nennen. Das Konzept ist vollkommen intuitiv und doch trickreich zugleich; ich will Ihnen das anhand einer Metapher griffig erläutern.
Ursache der jüngsten Weltwirtschaftskrise war kein Ölschock, keine Naturkatastrophe, kein Krieg und kein Handelsembargo, sondern ein Beinahe-Kollaps des Bankensystems. Und so wie jede Krankheit unterschiedliche Symptome zeigt und unterschiedlicher Therapien bedarf, so ist es auch mit Wirtschaftskrisen. Bankenkrisen aber sind die gefährlichsten der ökonomischen Viren, weil sie ihren Wirt auf Jahre hinaus lähmen können. Denn die Banken ihrerseits sind die Blutbahnen des Wirtschaftskreislaufs, sie verwahren Kundeneinlagen und geben Kredite an Verbraucher und vor allem Unternehmen aus. Sie tun das, weil die Kapitalmärkte eben nicht ausreichend tief und effizient sind, um jeden Kleinunternehmer und schon gar Arbeitnehmer mit einem Handelspartner zu verbinden (für die Spezies unter Ihnen: Auch peer-to-peer lending kann diese Funktion nicht vollends erfüllen, weil die Kapitalbasis zur Absicherung von Informationsasymmetrien fehlt). Wenn nun aber die Banken ins Taumeln geraten und sich so gerade vor dem Zusammenbruch retten können, dann bleibt ihnen nichts übrig, als sich über Jahre hinaus anschließend „gesund zu schrumpfen“, also die Kreditvergabe massiv einzuschränken, um die Risiken in ihren Bilanzen zu verkleinern und die Kapitalausstattung zu stärken. Mit anderen Worten: Die Blutzufuhr wird erheblich gedrosselt, der Puls wird schwach, der Organismus leidet. Denkbar wäre also eine Therapie, die die Blutzufuhr wieder stärkt, zurück in der Realität der Volkswirtschaft also die Banken animiert, wieder mehr Kredite für Unternehmensinvestitionen auszugeben.
Doch genau da liegt das Problem, denn diese Therapie schlägt wegen der Liquiditätsfalle nicht an. Genau genommen haben wir es hier mit einer Spielart der Liquiditätsfalle zu tun: Wo Keynes davon ausging, dass bei dauerhaft niedrigen Zinsen alles neu geschaffene Geld in der sogenannten Spekulationskasse in Erwartung steigender Zinsen verschwindet („Ich kauf doch heute keine Anleihe, wenn ich morgen mehr Zinsen bekommen kann!“), haben die Geschäftsbanken das zusätzliche Zentralbankgeld ganz im Gegenteil überwiegend in Staatsanleihen investiert, anstatt es als Kredit auszureichen – mit demselben fatalen Ergebnis für den Wirtschaftskreislauf. Der Grund dafür ist gleichermaßen einfach, wie er für Viele überraschend sein mag: Dieses Verhalten der Banken ist das Ergebnis der seit der Krise verschärften Regulierung, die zu Recht auf eine bessere Eigenkapitalausstattung der Banken pocht, zugleich aber (natürlich) Staatsanleihen als dafür geeignetes Instrument einstuft. So aber wird mindestens in der Eurozone noch auf Jahre hinaus beinahe alle zusätzliche Liquidität von den Banken zur Reparatur ihrer Bilanzen und der Erfüllung strenger Regulierungsvorschriften eingesetzt werden – und werden die Zinsen damit nahe der Nulllinie bleiben.
Nötig wäre daher eine andere Therapie, die mittels staatlicher Investitionen (sozusagen das Koffein im Blutkreislauf) vorübergehend die zusätzliche, just in Staatsanleihen investierte Liquidität produktiven, realwirtschaftlichen Verwendungen zuführt. So – und nur so – können in Europa dann auch die Zinsen auf absehbare Zeit wieder steigen, wenn also die vieldiskutierte Austeritätspolitik beendet wird, die bislang (abgesehen von Griechenland, ein Sonderfall) zwar nicht zu einer handfesten Rezession geführt hat, jedoch die Wirksamkeit der expansiven Geldpolitik unterminiert – und die Nullzinsära damit ad infinitum verlängert.