Eine Weile starrte Eunsook bitterböse auf den ihr zugewandten Rücken, nicht bitterböse auf Yunhee aber stinksauer und innerlich kochend vor unterdrückter Wut dass der reiche Schnösel es gewagt hatte einen Finger an ihre Freundin zu legen – der hatte doch wohl nicht mehr alle Stäbchen beisammen!
Aber Eunsook war nicht blind vor Wut, sie sah, dass Yunhee es selbst schwer fiel es zu akzeptieren und nachdem Eunsook heute nach und nach vorsichtig nachgebohrt hatte war die Ältere mehr und mehr aufgegangen und hatte mit wegwerfenden Handbewegungen und herunterspielendem Ton erzählt, was passiert war. Alles. Eunsook hatte nichts gesagt doch ihr Ausdruck war mehr als jede wörtliche Antwort gewesen; nun wollte Yunhee nur noch den Schleier des Vergessens darüber werfen während Eunsook nach und nach Wut aufstaute und sie spürte, wie der Vulkan in ihr kurz vor Ausbruch stand. Es war die eine Sache selbst auf sich herum hacken zu lassen doch etwas anderes einen Freund leiden zu sehen!
Sie verschwand wortlos ins Bad und machte sich bettfertig, doch der Blick in den Spiegel war ein angriffslustiger, sie kaute auf ihrer Unterlippe und als sie wieder ins Zimmer schlich und Yunhee ruhig daliegen sah griff sie sich das Kuchenkästchen und verließ dann mit Karte bewaffnet das Zimmer.
Auf dem Flur war niemand, es war nach Torschlusszeit und sie ging langsam aber mit pochendem Herzen zu den Räumlichkeiten, die Namjoon und Jungkook bewohnten. Leise klopfte sie, als nach einer guten Minute niemand kam klopfte sie lauter und vehementer. Mit einem Piepen wurde die Tür schließlich aufgerissen und ein Namjoon in Shirt und Sweatpants, all black, stand äußerst schlecht gelaunt in der Tür und fuhr sich durch das blonde, in nassen wirren Strähnen herunterhängende Haar.
„Wenn du mir in drei Sekunden keinen triftigen Grund nennst, warum du hier stehst -“
„-entschuldige Oppa, es geht um unser Projekt und ist wirklich wichtig! Kannst du Jungkook kurz Bescheid sagen? Bitte?“, unterbrach sie ihn und machte eine demütige Verbeugung auch wenn sie innerlich die Augen verdrehte und würgte. Sie wusste, wie man ein halbwegs gutes Schauspiel ablieferte, sie war schließlich nicht umsonst einige Jahre im Theaterkurs gewesen.
„Was zur Hölle hast du da in der Hand?“, hakte Namjoon mit gerunzelter Stirn und verengten Augen nach und starrte auf den kleinen, weißen Pappkarton. Gespielt verlegen – die natürliche Röte, die immer auftauchte wenn sie mit jemand halbwegs attraktivem oder unbekannten sprach half sehr bei diesem Akt – zeigte sie ein verkniffenes Grinsen und hielt den Kasten halb hinter sich, murmelte ein zermürbtes: „Das ist sowas wie ein.. Geschenk, obwohl ich bezweifle, dass das Geschenk gut für meinen Magen ist. Wer macht mir schon Geschenke..?“
„Das ist hier die Frage..“, entgegnete Namjoon mit einem hämischen Grinsen, drehte sich aber anscheinend zufrieden mit ihrer Antwort in der Tür um und schlurfte halbwegs in den Flur. „Jungkook-ah! Eine von den Ausländerinnen will um diese Uhrzeit was wegen dem Projekt, seid ihr noch nicht abgabebereit oder was?“
In dem Moment, in dem Jungkook Namjoon irgendwas zurief und die beiden ein kurzes Wortgefecht über die Relevanz von guten Noten ausfochten öffnete Eunsook unbemerkt und halbwegs hinter ihrem Rücken den Kuchenkarton. Dann stand Jungkook mit seinem typisch bösen, steinernem Blick in der Tür, die nackten Arme vor der in einem weißen Longshirt steckenden Brust verschränkt. Das wirre, noch tropfende Haar hing ihm in die dunklen Augen und da prankte immer noch ein kleiner, weißer Streifen über dem ebenfalls kleinem Schnitt auf seinem Wangenknochen.
„Was ist?“, fragte Jungkook entnervt und legte provokant den Kopf zurück.
„Das ist“, entgegnete Eunsook seelenruhig und hob den Karton um ihn Jungkook ins Gesicht zu pfeffern. Der Jüngere duckte sich halbwegs rechtzeitig sodass der ganze Kuchen eher auf ihm als in seinem Gesicht landete aber das tat es auch – die gewaschenen Haare waren ruiniert, ebenso das Shirt und der Eingangsbereich. Eunsook wartete nicht auf eine Reaktion, sie nahm die Beine in die Hand, zückte die Karte und rief: „Geschenk von Minha und Co!“ bevor sie wieder in ihren Räumlichkeiten verschwand und zur Sicherheit doppelt abschloss.
Rasch krabbelte sie in ihr Bett und versuchte das Türengeboller und Gerufe aus dem Flur zu ignorieren durch die geschlossenen Türen, allerdings wurde Yunhee natürlich wach und drehte sich verschlafen zu ihr um. Im Strahl Mondlicht, der zwischen ihren Betten den Boden zierte, sahen die beiden sich eine Weile an bevor Yunhee die Brauen hob und mit vom Schlaf rauer Stimme fragte: „Okay, was hast du getan?“ Eunsook kniff die Lippen zusammen, ihre Brauen hüpften aufeinander zu bevor sich ihr Gesicht wieder glättete und sie mit aufblitzendem Schalk in den Augen süffisant antwortete: „Mich um den Kuchen gekümmert.. Nicht mehr mein Problem. Wir sollten entweder zu früh oder zu spät aufstehen morgen früh“, fügte sie noch hinzu.
Yunhee musterte sie eine Weile mit weit aufgerissenen Augen, dann schnappte sie sich ein Kissen, warf es nach Eunsook, die kichernd auswich und presste sich ein anderes vor´s Gesicht in das sie gequält hinein rief: „ICH MAG NICHT MEHR!“
„Ich auch nicht, aber es wird nicht aufhören wenn wir uns nicht wehren, damit hattest du Recht!“, entgegnete die Jüngere trotzig, die Ältere schob sich das Kissen vom Gesicht und rollte sich auf die Seite. Dann murmelte sie mit einem Seufzen: „Wir stehen zu spät auf. Wir werden sowieso noch zur Rechenschaft gezogen wegen unserem Fehlen, also können wir auch gleich auf´s Ganze gehen. Besser als brennend von Gebäuden geschmissen zu werden..“
„..brennend von – was zur Hölle!“, platzte Eunsook empört und erschrocken zugleich aus, doch Yunhee winkte nur ab und knurrte: „Schlaf einfach! Wir machen uns morgen weiter Sorgen..“
Es dauerte zwar gefühlte zwei Stunden, bis die beiden Mädchen eingeschlafen waren, doch eventuell schliefen sie tatsächlich ein.
Der nächste Morgen war eine Hetztour von Trockenshampoo, wenig Make-Up, den gleichen Socken vom Vortag und dem Sprinten zum Schulgelände. Atemlos rannten die beiden die Gänge entlang und kamen schließlich vor Eunsook´s Klasse zum Stillstand, die beiden warfen sich einen Blick zu der alles beinhaltete von 'Auf Nimmerwiedersehen' und 'Schön, dich gekannt zu haben' bis 'Gib´s ihnen deftig!' und 'Bloß nicht kampflos aufgeben!'
Sobald Eunsook die Tür geöffnet hatte, krallte Minha sich eine Handvoll der nackenlangen Strähnen und knallte den Kopf des größeren Mädchens auf das Lehrerpult. Die Klasse rief und johlte auf, Eunsook sah Sterne und klammerte sich dann mit den Händen an den Tisch bevor sie die Bauchmuskeln anspannte und sich dann abstützte um Minha einen tatsächlichen Kinnhaken mit ihrem Fuß zu verpassen.
Das andere Mädchen taumelte zurück und Eunsook richtete sich nach wie vor keuchend auf und starrte Minha, die mit der Hand am Kiefer rittlings von ihren beiden Freundinnen gestützt wurde, wütend an. „Danke für den Kuchen, aber du hast dich in der Zimmernummer geirrt. Hab ihn weiter gegeben~“, schloss sie gespielt zuckersüß und das falsche Grinsen tat ihr in der linken Wangen weh, die schmerzhaft mit dem Holz des Tisches Bekanntschaft gemacht hatte.
„Du mieses Stück – wie kannst du es wagen?“, fauchte Minha und wollte wieder auf Eunsook los, doch diese nahm sofort mit einem Ausfallschritt die Anfangsposition vom Judo ein und da sie größer als Minha und ihre Freundinnen war (auch wenn eine gut gebaut war) blieb sie zischend stehen. Dann tauchte hinter ihr die Lehrerin auf und machte kurzen Prozess:
„Minha, Eunsook – was ist es dieses Mal?“
„-ich habe gestern beobachtet wie Minha einen Kuchen an meine Zimmertür gehängt hat. Allerdings hasst Minha mich und das war sicher kein Friedensangebot und wenn es kein unverträglicher Kuchen war, dann hat sie sich in der Tür geirrt also habe ich ihn Jungkook überreicht-“
„-überreicht!“, höhnte Jungkook, der das Schulbuch, das sonst immer abschirmend vor ihm stand, auf sein Pult geknallt hatte und die schwarzen Iriden sprühten förmlich Funken. Eunsook starrte ebenso wütend zurück, verschränkte die Arme vor der Brust und erwiderte im selben, aalglatt-arroganten Tonfall: „Ich habe den Kuchen angemessen der Tatsache, dass du am Vorabend Eunsook den Rücken blau geprügelt hast, überreicht!“
Ein Wispern ging durch die Klasse und Jungkook öffnete den Mund, etwas flackerte durch das Schwarz seiner Iris bis zum Kohlrabenschwarz seiner Pupille bevor seine Lider flatterten und der Anflug von Emotion wieder weg war. Verbissen presste er die Lippen zusammen und lehnte sich mit passiv-aggressiver Heftigkeit in seinem Stuhl zurück, der leicht nach hinten ratschte.
„Jungkook hat niemanden verprügelt, der tut keiner Blume was!“, entrüstete sich Jimin und verengte seine schmalen Augen zu Schlitzen, taktierte Eunsook mit einem drohenden Blick. Taehyung sah einfach nur von einem zum anderen doch Eunsook konnte erkennen, wie er ientweder auf den inneren Wangen kaute oder die Kiefer zusammenbiss; Sehnen hüpften und die großen Augen waren schmal vor unterdrückter Wut.
„Mir reicht es! Seit unsere neue Schülerin angekommen ist höre ich nichts außer Beschwerden – ist das die feine Art, ein neues Gesicht, eine Bereicherung der Gruppe zu begrüßen? Eunsook, Minha, Hyerim und Soohyun, ebenso Jungkook, Jimin und auch Sie Mister Kim – allesamt zum Rektor! Ich komme mit ihnen!“
Im Sekretariat erwartete die mürrische, angespannte Gruppe eine Überraschung: eine verstörte Yunhee, ein schwer atmender Seokjin mit Nasenbluten, den Hoseok und Namjoon beiderseits an den Armen hielten und ein mies gelaunter und ziemlich unbeeindruckter Yoongi waren bereits da.
Der Rektor, ein alter Mann mit abweichendem Haaransatz, großen, runzeligen Händen und scharfen Augen hinter einer randlosen Brille, beobachtete die Truppe eine ganze Weile. Dann setzte er die Brille ab, rieb sich die Augen und lehnte sich dann seufzend zurück.
„Was mache ich nun mit Ihnen, meine Lieben?“