14.10.2004 und 23.02.2016
Der Opferstock dreht den Spieß um
Das erste Mal sehen wir in Genua einen elektrifizierten Opferkerzentisch. Jenes Modell war denkbar einfach gestrickt. Schalter umlegen, kerzenförmige Lampe leuchtet auf, ob man Geld in den Opferstock einwirft oder nicht.
So verhielt es sich im Grunde über Jahrzehnte und Jahrhunderte, denn die Kerzen lagen meistens in einem frei zugänglichen Kasten unter dem Kerzenständer irgendwo im hinteren, seitlichen Bereich der Kirche. Dem Gläubigen war es selbst überlassen, ob er unter den Augen des Herrn ein Kerzlein ehrlich erwirbt, oder sich besser gleich in der Schlange am Beichtstuhl anstellt, nimmt er die Kerze einfach so.
Seit ich meine technischen Erlebnisse ins Techniktagebuch schreibe, möchte ich endlich solch einen elektrifizierten Opferkerzentisch dokumentieren. Und es soll mir fast 14 Jahre nach Genua gelingen.
Wir stolpern in die Iglesia Colegial del Divino Salvador in Santa Cruz de La Palma. Sofort fallen meine Augen auf den Opferkerzentisch. Sanft flackern dort ein paar elektrische Lichtlein. Ich sehe auch einen Münzeinwurf und bin begeistert! Vor allem scheint hier eine Maschine über die Opfergabe zu richten. Erst opfern, dann leuchten, nicht umgekehrt. Oder gar nur leuchten, ohne zu opfern: Nix da!
Wir kramen in unseren Taschen nach 10-Cent-Münzen. Ich zücke schnell noch mein Smartphone, um die Prozedur zu filmen. Wir werfen eine Münze in den für den Münzeinwurf bestimmten Münzeinwurf. Nichts passiert. Noch eine Münze. Wieder nichts. Opfern ohne Erleuchtung. So hatten wir uns das nicht vorgestellt.
Ein hutzeliges, schwarz gekleidetes Mütterchen spricht uns auf Spanisch an. Ich verstehe nur Bruchstücke, die ich zu “no funciona” zusammenpuzzle. Dass das vielleicht kein Spanisch ist, tut dem Verständnis keinen Abbruch. Mit krummem Rücken und ebensolchen Fingern weist das Mütterchen auf einen weiteren Opferkerzentisch in der anderen Ecke der Kirche. Eine 10-Cent-Münze haben wir noch, wir gehen aufs Ganze.
Mit Erfolg! Nun endlich ist der Opferstock gnädig und nimmt unser Opfer mit einem gütigen “Klack” an, worauf sogleich ein Lichtlein aufflammt. Dankbar blicken wir noch einen Moment in den zarten Schein des Lämpchens, der mit einem Flackern immer wieder an die Vergänglichkeit erinnert.
Über die Leuchtdauer findet man keine Information, und wir warten auch nicht, bis die Lampe ausgeht. Man wusste ja auch früher nicht, wie lange die Kerzen gebrannt haben. In Genua, so meine Vermutung, nimmt der Küster eine lange Holzlatte, die er an alle Schalter gleichzeitig anlegt, um so die Lampen in einem Rutsch auszuschalten, egal wie lange sie geleuchtet haben.