Der Glaube von der ständigen Selbstoptimierung
Es gibt Menschen, die mir erzählen wollen, was ich tun soll. Gerne verpacken sie das in gute, weise Ratschläge, gerne auf schönen Fotos oder GIFs in den gängigen sozialen Netzwerken: „Liebe bedingungslos, vergib schnell!“
„Genieße den Tag!“
Noch fieser: „Es sind die kleine Dinge des Lebens, die glücklich machen.“
„Echte Freunde treffen sich nach Jahren und es ist, als sei kein Tag vergangen“.
Wenn meine alte Freundin Sandra und ich erstmal beklemmt und unsicher voreinander stehen? Waren wir dann nie richtige Freunde?
Wenn mich mein neues Auto für einen Moment glücklich und stolz macht, weil es Zeugnis meines Erwachsenwerdens ist, meiner Verantwortungsfähigkeit, meiner Selbständigkeit: lebe ich dann falsch, weil es kein „kleines Ding“ ist? Ist das kein echtes Glück? Und die große Liebe: Macht die mich etwa nicht glücklich?
Und wenn ich nicht bedingungslos lieben will, weil ich erwarte, dass man mir Respekt entgegenbringt? Und weil ich mein Kind an die Wand nageln könnte, weil es schon wieder ein völlig unnützes Theater macht? Und was ist mit meinem Partner, von dem ich erwarte, dass er seinen Pimmel ausschließlich in mich versenkt und nicht in die ganzen anderen Schlampen?
Und warum soll ich jemandem schnell vergeben, wenn er mich fuchsteufelswild gemacht hat, auf meiner Seele rumgetrampelt hat, mich belogen und benutzt hat? Oder auch, weil mich jemand doof von der Seite angemacht hat, weil er einen schlechten Tag hatte? Darf ich dann verdammte Hacke nochmal nicht sauer sein und mir meinetwegen selber den Tag damit versauen?
Und das Leben soll ich genießen? Wenn ich mal einen Scheisstag habe? Warum soll ich nicht zweifeln und stattdessen alles schönreden? Warum soll ich nicht einen Tag toben und alles kacke finden?
So viele Menschen glauben, sie hätten die Weisheit mit Löffeln gefressen und dabei ist ihre Weisheit nichts als eine Floskel, die dem Leben nicht standhält.
Überall gibt es den Optimieringswahn: Wie komme ich am besten zurecht und wie werde ich am glücklichsten und zur besten Version meiner selbst.
Ich BIN die beste Version. Und wenn ich keine Lust habe, mich zu optimieren, und mich an manchen Tagen in meinem Unglück wälzen möchte, wenn ich vor Trauer schreien möchte ohne zu hören, dass man mit Trauer kreativ umgehen kann, und wenn ich keinen Bock hab, im Regen zu tanzen, weil ich Sonne lieber mag und Regen kacke finde: bin ich dann schlechter?
Wildfremde Leute wollen mir sagen, was ich tun soll, was gut für mich ist. Sie kennen mich noch nicht mal und scheuen sich trotzdem nicht davor, mich mit dem Imperativ anzusprechen.
Ich kenne mich selbst am längsten und am besten. Ich habe schon eine ganze Menge mit mir erlebt und wir haben viele Höhen und Tiefen durchgemacht. Niemand sagt mir, wie ich mit mir umgehen soll oder wie ich leben soll. Und niemand sagt mir, dass ich falsch lebe, weil ich nicht im Regen tanze. Es ist MEIN Leben. Ich entscheide alleine darüber, wie ich es lebe. Und jeder darf seine Doktrin auf sich selber anwenden. Aber es ist ein Irrtum zu glauben, sie seien universell.









