Stefan Zweig: Drei Meister.

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@punkomantik
Stefan Zweig: Drei Meister.
Heute bin ich mĂŒde
so mĂŒde von Grenzen und Nein
und doch bin ich voller Liebe
voll Liebe zum Klein und zum Sein
Gestern war ich mĂŒde
so mĂŒde von falsch, doch und ja
und war erstarrt und getrieben
voll Angst vor dem Mut und der Wahl
Morgen werde ich wach sein
so wach vom Wissen und Sehn
und leicht, klar, ruhig und rein
voll Liebe zum Bleiben und Gehn
Unsere HĂ€nde berĂŒhren sich, denn unsere Arme sind lang
Ich sehe deinen Kopf, deinen Körper, deinen Gang
Aber deine Augen, deine Augen sind zu weit weg
und Dein LĂ€cheln, dein LĂ€cheln vielleicht nur ein Fleck
Zwischen uns liegt ein Graben, ich schaff es nicht rĂŒber
und du stehst drĂŒben und weiĂt nicht, wieâs geht
Ich seh deinen Umriss, ich ahne dich lieber
und warte, wer von uns lÀnger am Graben steht
Wir können uns fĂŒhlen, deine HĂ€nde sind warm
doch wir kennen uns nicht und haben uns nicht im Arm
Nur einen Millimeter
Was weh tut ist nicht sie
die wichtiger ist
und schöner
und besser
in allem
Was weh tut bist du
der wichtiger ist
als ich
Beweg dich nur einen Millimeter
auf mich zu
Der Brief
Zehn, eher zwölf Jahre spĂ€ter kam ein Brief. Er war an Arif adressiert und erreichte mich in meinem neuen Zuhause, wo ich mit Arif nie gewohnt hatte, das er gar nicht kannte. Ich hatte einen Nachsendeantrag gestellt, so konnte der Brief ĂŒberhaupt noch zugestellt werden. Lange hatte ich nicht mehr an Arif gedacht und es schien geradezu absurd, in meiner neuen Wohnung, einem schnieken und groĂzĂŒgigen hellen Altbau mit Parkett im teureren Viertel der Stadt, mit Arif konfrontiert zu werden. Arif, ein Relikt aus alten, fast dĂŒsteren Zeiten. Arif, fĂŒr den seit zehn, eher zwölf Jahren kein Brief mehr kam.
Hatte ich Arifs Nummer noch? Und wenn ja, war sie aktuell, wo er doch zuletzt in London gelebt hatte? Wie ging es ihm wohl? Ob er noch an mich dachte?
Ich öffnete den Brief. Es war eine Information seiner Bank ĂŒber die gestiegenen GebĂŒhren ab Jahresbeginn. Das Konto vermutlich lĂ€ngst nicht mehr genutzt. Eine entbehrliche Information fĂŒr meinen Freund.
Es lieà mich nicht los und so schrieb ich seine Frau an, mittlerweile ex-Frau, um zu erfahren, wie ich ihn erreichen könnte. Ich lieà mir Zeit mit der Nachricht, formulierte sie liebevoll und mit Erinnerungen. Ein Foto ihres Sohnes habe ich noch auf meinem Handy. Und wartete die Antwort ab.
Sie hatte keinen Kontakt mehr mit Arif. Zuletzt sei er wieder in Berlin gewesen. Die Nummer gab sie mir.
Ob ich ihm schreiben sollte? Ob es unfair wĂ€re? Was versprach ich mir? Die Erinnerungen legten sich wie ein Schleier ĂŒber meine Gedanken. Arif war ein guter GefĂ€hrte in einer tauben Zeit gewesen, ohne dass er oder ich es damals wussten. Bei ihm hatte ich keine Gemeinheiten nötig gehabt. Ich hatte alles richtig gemacht, war ihm und seiner Frau gegenĂŒber hilfsbereit, liebevoll und loyal gewesen. Er hatte mir tolle und schwierige Momente geschenkt und ich dachte mit viel Liebe an ihn zurĂŒck. Ich hoffe, er hat die Frau gefunden, die er sich gewĂŒnscht hatte.
Der Brief erinnerte mich daran, dass ich in einer Zeit, in der ich viele Fehler gemacht hatte, offenbar trotzdem einen guten Kern besessen hatte.
Der Brief liegt seitdem auf dem KĂŒchentisch und die Nummer verweilt ungenutzt in meinem Telefon.
Ein schöner Abend
Zu manchen Zeiten im Leben lĂ€sst man sich auf MĂ€nner ein, die ansonsten nur davon trĂ€umen könnten, eine Frau wie mich in ihrer NĂ€he zu haben. Es war ein wunderschöner lauer Herbstabend. Wir wollten ins Kino, ganz spontan, an einem Donnerstag Abend nach der Arbeit. Er mochte Kino. Er kannte alle Filme, Schauspieler und Regisseure. Aber unter der Woche ins Kino zu gehen, war schon sehr gewagt fĂŒr ihn. Dazu war das Unternehmen auch noch ungeplant. Aber das Abenteuer schien ihn doch zu reizen.
Weil ich selber ein ziemlich trĂ€ges StĂŒck bin, machte ich mir nach der Arbeit nur einen Salat und Datteln im Speckmantel, von denen er mir zwei Drittel wegfrass, anschlieĂend machten wir uns sofort zu FuĂ auf in die Stadt, damit ich nicht in einer ausgeruhten Minute auf dem Sofa innerlich den Feierabend einlĂ€ute. Der Spaziergang war kurzweilig und nett. Wir machten Station in der Bahnhofsbuchhandlung, wo er in Musikzeitschriften blĂ€tterte wĂ€hrend ich Desiree Nick im Playboy bewunderte. Dann liefen wir zum Kino, kauften die Tickets und warteten in der retro Sitzgruppe darauf, dass die Zeit verging. Halbe Stunde bis zu Film. Wir plauderten ĂŒber die Arbeit. Wir kaufen Nachos und Popcorn. Bier und Cola. Und nahmen schlieĂlich unsere PlĂ€tze ein. Auf seine unnachahmliche Art fragte er wĂ€hrend der Films ungefĂ€hr fĂŒnf mal, ob alles in Ordnung wĂ€re, was ich jedes mal mit âja, ich schaue nur gerade konzentriert einen Filmâ quittierte. Der Film war Ă€hnlich spektakulĂ€r wie der Mann: ein durchschnittlicher Hollywood-Streifen, etwas absehbar, ganz solide, nicht schlecht, aber leidenschaftslos.
Er streichelte zweimal meinen Arm und ich war glĂŒcklich und verliebt. Ein schöner Abend.
Als wir das Kino verlieĂen, fing es an zu regnen. Die Lichter der Stadt spiegelten sich in der NĂ€sse der StraĂen, es war so mild und leicht windig. Er fragte, ob wir laufen oder die StraĂenbahn nehmen wollten. Der Regen setzte in diesem Moment richtig ein und wir rannten ĂŒber den groĂen Bahnhofsplatz zur Haltestelle, um uns unterzustellen. Was fĂŒr eine traumhafte Nacht. Ich schaute ihn verliebt an und wollte ihn in den Arm nehmen und kĂŒssen. Er murmelte, dass die Bahn noch fĂŒnf Minuten brauche bis sie kĂ€me. Und dass er nass geworden sei. Und ich sagte: ist das nicht ein wunderschöner Abend?
WĂ€hrend der Heimfahrt kuschelte ich mich nass an ihn und himmelte ihn an. Er wischte seine Jacke trocken und starrte aus dem Fenster. Er brachte mich nach hause, der Regen hatte aufgehört, und verabschiedete sich mit einem Kuss und einem âgute Nacht Maus, ich muss morgen frĂŒh raus. Danke fĂŒr den schönen Abendâ.
Der Bart
Es war einmal in einem ganz normalen kleinen StĂ€dtchen irgendwo in Deutschland ein ganz normales kleines Amt der öffentlichen Verwaltung. Als modernes Amt in einer modernen Verwaltung beschloss die GeschĂ€ftsleitung eines Tages, unter Einbezug einer Gruppe motivierter Mitarbeiter eine Kampagne, die im auĂen darstellte, was im innen vor sich ging, oder, wie sie es nannten: Arbeit sichtbar machen. Wie, so die zentrale Frage, kann man im Amt gleich beim Betreten erkennen, worum es hier geht? Ein ArchitekturbĂŒro findet sich in einer modern aufgearbeiteten, reprĂ€sentativen Villa. Ein Schwimmbad ist blau und wellenförmig gekachelt. Und das Amt ist nur ein Amt und niemand ahnt beim Betreten, ob es sich um StraĂenbau, Grundsicherung oder Gleichstellung handelt. Dieses elementare VersĂ€umnis sollte nun nachgeholt werden und die Kampagne beschloss, nach der Anschaffung einer neuen MitarbeiterkĂŒche aus dem gleichen Budget, lebensgroĂe Bilder in der GĂ€ngen, Silhouetten an den Fenstern zur StraĂe und themenbezogene und tief gehende SprĂŒche an den WĂ€nden anzubringen, die das Thema in den Vordergrund holen wĂŒrden. Und so kam eines Tages eine Schar von Handwerkern, die bohrten und klebten und hĂ€mmerten und hĂ€ngten und am Ende des Tages war das Werk vollbracht und versprĂŒhte gute Laune, Eindeutigkeit und WohlgefĂŒhl im Amt.
Offenbar war jedoch nicht jeder zufrieden, denn am folgenden Tag fand sich auf einer der mannshohen Fotografien auf Leinwand im ersten Stock, geziert von einer lebensgroĂen jungen, tĂ€towierten Dame im Begriff einen Autoreifen zu wechseln, ein Bart. Ein samtiger selbstklebender Schnauzbart, wie man ihn zu Karneval in jeder Drogerie bekommt.
Nachdem der Bart einige Tage gÀnzlich unbemerkt blieb, schlug plötzlich die Bombe ein.
âSexismusâ schallte es von der einen Seite, âSachbeschĂ€digungâ von der anderen. Sollte der ĂbeltĂ€ter bekannt sein, sei er unverzĂŒglich aufzufordern, sein Machwerk zu entfernen. Es drohen Konsequenzen. âKein Kindergartenâ, âdie eigenen Mitarbeiter!â, âFoto-Kunstâ.
Nachdem der Bart drei Tage fĂŒr Diskussionen, EnttĂ€uschung und Zorn gesorgt hatte, fasste sich eine der fĂŒhrenden Mitarbeiterinnen ein Herz und entfernte den Bart eigenhĂ€ndig und vorsichtig. Die allgemeine Diskussion war damit zwar beendet, doch musste das geschĂ€ndete Exponat noch vom Amtsleiter persönlich in Begleitung seiner SekretĂ€rin begutachtet werden, ob die Angelegenheit rĂŒckstandslos erledigt sei oder die Kunst etwa nachhaltig Schaden genommen habe.
Völlig unbemerkt blieb hingegen der wie durch Geisterhand hinzugekommene, 1,5-Meter breite Sinnspruch im Erdgeschoss: âJeder Amfang kann auch 1 neues Ende bedeuten.â
Homeoffice
Nach meiner mehr oder weniger steilen Karriere in kleineren leitenden Positionen hatte ich die Verantwortung satt und begab mich in die MĂŒhle eines eintönigen 9-5-Jobs im öffentlichen Dienst. In einem BĂŒro mit soliden und gelernten Mitarbeitern, Gleitzeit, Weihnachtsgeld und Eltern-Kind-Zimmer. Einfach nur Befehle ausfĂŒhren und dafĂŒr entlohnt werden. Kein Denken, kein Diensthandy, keine faulen Praktikanten. Einfach nur tagein tagaus erledigen, was zu erledigen mir aufgetragen wird. Dieser Job hatte viele Vorteile. Abgesehen von einer erfrischenden Berechenbarkeit des Alltags ist der offensichtlichste Pluspunkt eines groĂen BĂŒros die Auswahl an mĂ€nnlichen Kollegen. Es kommen Azubis, Studenten und Quereinsteiger, bleiben Wochen oder Monate, brauchen UnterstĂŒtzung, haben Fragen, und gehen wieder.
Die Dienststelle ist groĂ genug, um in den anderen Teams wildern zu können und das eigene Team mit Liebeleien nicht belasten zu mĂŒssen. Nicht dass ich kein Interesse an dem ein oder anderen Kollegen, den wechselnden Chefs oder dem ein oder anderen Studenten gehabt hĂ€tte. Aber offenbar liegt es nicht in meiner Begabung, vom Dienstlichen ins Private zu wechseln. Es fiel mir immer leichter, die Herren der anderen Teams fĂŒr mich zu gewinnen. Auf dem Flur, in der KĂŒche, im VorĂŒbergehen kommen selten berufliche Themen auf. Da klagt man ĂŒber zu starken Kaffee, die vertrocknete BĂŒropalme oder die Hitze in der steifen Bluse, kommt ins GesprĂ€ch, gibt Tipps, schickt gerne privat den passenden Link zum GesprĂ€ch und schon wird das Treffen auf dem Flur zu einem SelbstlĂ€ufer. Deutlich verbessert hatte sich die Situation noch durch die plötzliche SchlieĂung aller GeschĂ€ftsstellen, Entschwinden lungenkranker Kollegen ins Homeoffice, die Vereinfachung sĂ€mtlicher Prozesse, kurz, der aufkeimenden Nutzlosigkeit unseres Jobs. Der Kollege Patrick hatte einen Plattenspieler mitgebracht und nutzte die Zeit, um LPs zu digitalisieren. Andere ĂŒberprĂŒften gegenseitig die eingetragenen KörpergröĂen in ihren Personalausweisen. Und Kollege Thomas hatte aus seinem Fahrradhelm und einem Umzugskarton einen Basketballkorb mit Rutsche gebastelt, der dazu diente, den Antistressball, der vom betrieblichen Gesundheitsmanagement anlĂ€sslich des letzten Weihnachtsfestes auf jedem Schreibtisch platziert worden war, Körbe zu werfen. Entweder Treffer in den Helm oder daneben auf den Karton, so dass der Ball wieder unter dem Schreibtisch vor seinen FĂŒĂen landete. So musste Thomas nicht aufstehen, wenn er nicht traf. Er traf aber immer besser und als ich ihn zum ersten Mal bei seiner neuen Aufgabe bewundern durfte, traf er dreimal hintereinander. Was bedauerlich war, da so die geniale Konstruktion mit einem Umzugskartons als Ballrutsche gar nicht recht gewĂŒrdigt werden konnte.
Zeitgleich mit der SchlieĂung aller GeschĂ€ftsstellen griff auch das Virus des Homeoffice um sich. Die GeschĂ€ftsleitung schmiss nach einigen Anfangsschwierigkeiten mit der Vergabe der Zugangsberechtigungen um sich. Leider nicht so sehr mit Informationen zum Ablauf, so dass es hier und da zu MissverstĂ€ndnissen oder Startproblemen kam. Ein Vorteil mehr fĂŒr mich. Da ich schon lĂ€ngst, offiziell zur Erhaltung der Gesundheit, zweimal in der Woche im Homeoffice vegetierte, war ich begehrte Ansprechpartnerin fĂŒr alle Fragen von Antragstellung bis Bildschirmeinstellung.
Thomas war so einer. Er hatte, am Dienstag morgen, das Equipment der Firma eben nach Hause geschafft, als auch schon mein Telefon klingelte. Ich lag auf meinem Sessel, den ich neben den Computer gerĂŒckt hatte, döste noch ein wenig, da ich nicht mehr in den Schlaf fand, und empfand das jĂ€he Klingeln als BelĂ€stigung. Aber es sind nun mal die einzigen Pflichten im Homeoffice, ans Telefon zu gehen und die Maus mind. alle fĂŒnfzehn Minuten zu bewegen, um AktivitĂ€t zu simulieren. Der Computer begibt sich sonst unweigerlich In den Ruhezustand und löst einen Faulheitsalarm beim Arbeitgeber aus. Dieses Problem hatte jedoch bereits mein Staubsaugerroboter gelöst. Mit einem FunkverstĂ€rker ausgerĂŒstet lieĂ ich meine Bluetoothmaus auf dem Staubsaugerroboter durch die Wohnung reiten. Ăber Schwellen hinweg, bei Drehungen und Anecken bewegte sich die Maus unweigerlich. Ich hatte ihr einen Zaun aus Pappe auf dem RĂŒcken des Staubsaugerroboters gebaut, damit sie nicht runterfĂ€llt, aber genug Bewegungsfreiheit hat. Der Roboter benötigte ca. zwei Stunden fĂŒr die gesamte Wohnung. Zwei Stunden, die ich mit meiner Freundin Kate beim Sekt in der Kinobar nebenan, am See oder einfach in meinem Sessel verbrachte.
Auch wenn es Thomas war, so ist mir mein ruhiger Morgen im Homeoffice, gemĂŒtlich im Sessel mit halboffenen FensterlĂ€den, der Vorfreude auf den ersten Kaffee und das Schnurren der Katze doch heilig. Ob ich ihm was zur Verkabelung der beiden Monitore sagen könne, es liefe nur einer und der zweite wolle einfach nicht anspringen. Schon dieses Wort, anspringen. Ich sagte ihm, er solle mit nur einem Monitor arbeiten, das ginge sehr gut, und mich nie wieder vor neun Uhr anrufen, wenn ich von zu hause aus arbeite.
Nach einem gemĂŒtlichen VormittagsschlĂ€fchen tat mir meine schroffe ZurĂŒckweisung ein wenig leid. Immerhin sind solcherlei Anrufe der beste Einstieg zum gemeinsamen Homeoffice in einer fremden Wohnung. Ich rief ihn an und fragte ihn, ob er die Lösung bereits gefunden habe. Er arbeitete weiter mit nur einem Monitor und fluchte ein wenig. Ich sei zufĂ€llig in der Gegend beim Einkaufen, ob ich mich mal eben um die Verkabelung kĂŒmmern solle. Ich bat um die genaue Adresse, die Zubereitung eines Kaffees, dass ich in zehn Minuten da sei, warf mich in ein besonders lĂ€ssiges Kleidchen, welches ich im BĂŒro nie zu tragen gewagt hĂ€tte, wuschelte die Haare nach oben wie frisch aus dem Bett und schminkte mich dezent genug, um einen leicht schlampigen Eindruck zu machen, ohne dass es gewollt aussah.
Thomas um den Finger zu wickeln war einfacher als bei jedem anderen Kollegen. Ich strahlte ihn sofort an, forderte lachend meinen Kaffee ein, verkabelte unter dem Tisch den zweiten Monitor korrekt und sagte mit groĂen Augen, ich könne es leider nicht. LieĂ ihn ganz nahe neben mir am PC fummeln und dann an mir. Seine KreativitĂ€t beschrĂ€nkte sich nicht nur auf BĂŒrobasteleien. Offenbar war dieser Ausgleich fĂŒr Thomas dringend angezeigt und entsprach seinen FĂ€higkeiten perfekt. Mein neuer BĂŒrohengst war eine solche Wonne, dass unser gemeinsames Homeoffice von da an mindestens wöchentlich stattfand. Den zweiten Monitor hatte Thomas inzwischen eigenen Angaben zufolge selbst zum Laufen gebracht, was seinen mĂ€nnlichen Stolz wiederhergestellt hatte, und mein Staubsaugerroboter hatte eine zweite Heimat bei Thomas gefunden, wo er mit zwei MĂ€usen auf dem RĂŒcken durch die Wohnung rannte und die Arbeit erledigte, die unsere war.
Mein Leben mit Ben
Lange blonde Haare, eine bunte Patchwork-Jacke, eine Hose mit Löchern, furchtbar hĂ€ssliche Turnschuhe. Ben ist ein spezieller Mensch. Wir haben uns beim Spaziergang mit den Hunden kennengelernt. Er hat einen behinderten Patenhund, und ich habe auch einen behinderten Patenhund. Seiner hat drei Beine, meiner ist blind. Wir trafen uns so gut wie jedes Wochenende zufĂ€llig am See und fingen an zu plaudern. Er war nett und interessiert, fand alles gut, was ich machte und wir hatten eine Ă€hnliche Einstellung zu ökologischen Themen. Mehrmals lud er mich zu sich nach Hause ein, um seine Pflanzenecke und seine selbstgebaute KĂŒche aus BaumstĂ€mmen und Ăsten zu bewundern (die, um es vorwegzunehmen, mittlerweile seinen WutanfĂ€llen zum Opfer gefallen ist). Ich ignorierte diese AnnĂ€herungsversuche, bis ich an irgendeinem sonnigen Herbsttag frustriert und verĂ€rgert am See stand, grĂŒbelte, und Ben diesen Kummer wohl bemerkte, ihn aber nicht zum Thema machte sondern mich gekonnt ablenkte und mir schlieĂlich seine Nummer aufschrieb. Auf diesen unverbindlicheren Kontakt konnte ich mich einlassen. Ich schrieb ihm zu Hause eine kurze Nachricht mit meiner Nummer und schlug mir mit Eis und Toffifee den Bauch voll.
Wir verabredeten uns am folgenden Tag, ohne Hunde, aĂen Pizza vor der Turnhalle, saĂen auf dem Kletterturm auf dem Spielplatz und liefen, ohne Hunde, am See zu mir, wo ich ihn so verabschiedete, dass klar sein musste, dass unser Kontakt mir angenehm, jedoch ohne sexuelles Interesse zu verstehen war.
Seitdem nutzte er offenbar jede freie Minute, um mir nahezukommen. Denn fast minĂŒtlich leuchtete das Telefon mit einer neuen Nachricht auf. Zwei Tage spĂ€ter lud er sich zum FrĂŒhstĂŒck bei mir ein. Kaum hatte ich mein EinverstĂ€ndnis signalisiert, klingelte es bereits an der TĂŒr. Die Brötchen hatte er offenbar bereits vor dem Telefonat gekauft und nur auf mein ok gewartet. Wie er mich anstrahlte und die zwei Sekunden, die er mich zu lang im Arm hielt, lieĂen keine Interpretation offen. Ich fĂŒhlte mich zu Ben jedoch nicht hingezogen. Er war unfassbar sĂŒĂ, sehr hĂŒbsch, warmherzig und unverblĂŒmt und fast naiv offenherzig. Gleichzeitig war er ungepflegt und engstirnig.
Als er mich weitere zwei Tage spĂ€ter zu sich zum Abendessen einlud, war ich festen Glaubens, ich könnte niemals mit ihm Sex haben. Als er mir die TĂŒr öffnete, wurde dieser Glaube zur Gewissheit. Er hatte seit drei Tagen weder geduscht noch ZĂ€hne geputzt noch seine goldigen langen Haare gekĂ€mmt. Der Bart, nicht sonderlich dicht gewachsen, war ein zauseliges Gefussel in seinem entzĂŒckenden Gesicht. Seine Wohnung war voller Liebe.
Wir aĂen, wir unterhielten uns, erzĂ€hlten uns und fingen an zu zeichnen. Er nahm mich in den Arm, nahm meine Hand, schaute mir in die Augen und sagte, dass er genau so eine Frau wie mich immer gesucht habe. Aus einer Umarmung wurde eine zweite Umarmung, eine dritte, und schlieĂlich lagen wir kuschelnd und gemĂŒtlich auf dem Sofa und schliefen ein. Er hatte nicht ein einziges Mal versucht mich zu kĂŒssen.
Als ich ziemlich frĂŒh am Morgen aufwachte, strahlte er mich an. Er schien bereits Stunden so gelegen und mich nur angeschaut zu haben. Er machte uns Espresso auf seinem kleinen Gaskocher, servierte ihn mit Honig und kuschelte sich wieder an mich. Er hatte einen stahlharten StĂ€nder. Er kĂŒsste mich unvermittelt, aber langsam und bewusst. Und trotz meiner Abscheu gegen seinen morgendlichen Mundgeruch gerieten wir nach wenigen Sekunden in einen Sog, einen Rausch. Jeder Hemmung entrĂŒckt tat er das, was er am liebsten machte. Wenige Sekunden nur, aber völlig aufgelöst, euphorisch, fast etwas rĂŒcksichtslos. Er fragte danach, ob es in Ordnung fĂŒr mich sei. Ich musste lachen. Und ob es âin Ordnung fĂŒr mich seiâ, implizierte zudem schon RegelmĂ€Ăigkeit. Ich mag Sex und ich mochte Ben. Aber eine Zukunft, wie er sie sich vorstellte, schloss ich aus.
Trotz aller VorsĂ€tze wurde aus dem einen mal unendlich viele Male und aus Nonchalance und Desinteresse Liebe. Wir liefen mit den Hunden, zeichneten gemeinsam, reparierten Sachen und hatten Sex, als gĂ€be es ihm halt und seinem Leben Sinn. Viel spĂ€ter erst merkte ich, wie sehr es das tat. Ben war unglaublich liebevoll, brachte jeden Morgen Kaffee ans Bett und rĂ€umte die KĂŒche auf. Seine eigene Arbeit lieĂ er öfter liegen. Wir drehten uns miteinander und umeinander. Ich tat mein bestes, ihm seine Komplexe zu nehmen. Er duschte tĂ€glich. Aber auĂer beim Sex lieĂ er jegliches KörpergefĂŒhl vermissen. Er hatte eine miserable Haltung, machte keinen Sport, seine Koordination war halsbrecherisch und sein modischer Stil war keiner. Er hatte trotzdem einen drahtigen Körper und konnte klettern wie ein Affe.
Als er gerade die Tanne am Eingang zu meinem Garten fertig beschnitten hatte, wir hatten Tee getrunken und etwas in der Sonne gelegen, wurde er wortkarg. Er hatte mir gezeigt, wie die Ăste zu sĂ€gen und zu stapeln sind und auf die nĂ€chste RĂŒckfrage, wie ich den gröĂeren gekrĂŒmmten Ast am sinnvollsten zerkleinern sollte, entgegnete er nur patzig, dass ich ja ohnehin mache was ich wolle und er dazu nichts mehr sage. Ich war gekrĂ€nkt, wusste ich doch nicht, wie ich mir seine Ablehnung zugezogen hatte. Er redete zwei Stunden kein Wort mehr mit mir und als ich ihn nach Hause brachte, bat er mich kleinlaut, zu blieben. âBen, Kate wartet⊠wieso kommst du denn jetzt damit, wo ich es wirklich eilig habe und los muss?â Er drehte sich hilflos und wĂŒtend um, seine GefĂŒhle tobten wie Luftschlangen um ihn. Ich musste los. Meiner Freundin Kate hatte ich meine Hilfe beim Entzug zugesagt und ich wusste, dass sie mich wirklich braucht. Ich lieĂ Ben, fuhr zu Kate und nahm sie mit, machte ihr Essen und brachte sie in die Klinik.
Ben meldete sich, als ich gerade zurĂŒck in meiner Wohnung war. Ob ich mit der Fotze gefickt hĂ€tte, so wie ich mich ja immer von allen ficken lasse, und ob es mir SpaĂ mache, ihn vor anderen Leuten bloĂzustellen, und dass ich nichts weiter sei als eine Dreckshure so wie alle Frauen. Dass ich lĂŒgen wĂŒrde und er ein dummes Schaf sei, mir vertraut zu haben. Er habe sich geöffnet, aber ich nutze ihn nur aus.
Es schickte mir Bilder der Zerstörung: seine liebevoll entworfene KĂŒche hatte seinen Ausbruch nicht ĂŒberlebt. Ein kleinteiliges TrĂŒmmelfeld.
Ich antwortete nicht.
Dann: du bist das schlimmste, was mir je passiert ist. Du Schlampe. Ihr gehört alle gefickt und wegen Frauen wie dir gibt es MÀnner wie mich.
Fotos seiner ausgefeilten Zeichnungen, mit viel Geduld ganz fein ausgearbeitet, kĂŒnstlerische Harmonie, Strahlen, Lachen, Liebe: hin, mit dicken Filzstiftstrichen ĂŒberschmiert.
Am Tag darauf klingelte Ben. Er weinte. Ob ich mit Kate ein VerhÀltnis habe, wollte er wissen. Oder mit jemand anderem.
Ich fing an zu weinen. Wie konnte er nur ernsthaft denken, ich könne ich unsere einzigartige, fast heilige SexualitÀt verraten? Ich war sprachlos.
Ich merkte, wie meinen TrĂ€nen ihn berĂŒhrten, wie er wie aus einem bösen Traum erwachte, wie seine Liebe zurĂŒckkehrte und er unfassbar zerbrechlich vor mir stand, ebenso sprachlos wie ich. Er war so sĂŒĂ und sanft wie eh und je, die TrĂ€nen kullerten und er flehte mich an, ihm seine Dummheit und seine AnmaĂung zu verzeihen, ihm meine Liebe nicht zu entziehen.
Ich habe Ben nie wieder gesehen.
Ein Arschfick ist Erniedrigung nicht
Erniedrigung ist dein Gesicht
wenn es wegschaut
wenn es ganz laut
Obst
zu Innereien zerkaut
Joseph Roth: Radetzkymarsch
Ein allabendliches Ritual
Dritter Akt:
ErzĂ€hler: âDen dritten Akt gibt es in drei alternativen Fassungen.
Hier die Fassung 1:
Peter und Petra kugeln vergnĂŒgt auf dem Boden ihrer Wohnung. Zwei leere Flaschen und eine fast leere Flasche stehen rum.â
Peter: âStop!â
ErzĂ€hler: âPetra zieht eine CD aus dem Regal.â
Petra: âOoh!â (ĂŒberrascht) âNa da bin ich mal gespannt.â
ErzĂ€hler: âPetra legt eifrig die CD ein. Musik ertönt.â
Peter: âHaaaaaaaaa!â (freudig erregt, hebt die Hand in die Luft und dreht sie aus dem Handgelenk schnell hin und her). âDas ist Third World, die hab ich mal beim Summer Jam gesehen. Hm, mach mal die Nummer 4, das ist geil!â
ErzĂ€hler: âPetra drĂŒckt am CD-Player rum. Poppiger Reggae ertönt. Peter steht auf und groovt mit.â
Peter (joggt auf der Stelle)
Petra (sitzt weiterhin auf dem Boden): âWir mĂŒssen weitermachen.â (eifrig) âAugen zu!â (bestimmt, gespielt genervt)
ErzĂ€hler: âEinige Sekunden vergehen. Petra schrabbelt mit dem Finger am CD-Regal entlang.â
Peter: âStop!â
ErzĂ€hler: âPetra zieht eine CD aus dem Regal.â
Petra: âOh Gott, was ist das dem?â (schaut gespielt unglĂ€ubig, verzĂŒckt, verliebt und kopfschĂŒttelnd zu ihm.)
ErzĂ€hler: âPetra legt eine CD ein. Breiiger Synthesizer-Sound erklingt.â
Peter: âAch du Scheisse, oh je, die hat Piet mir mal geschenkt. Oh Gott.â (verzerrt das Gesicht vor Grauen). âBoah, die kann weg.â
ErzĂ€hler: âPetra und Peter werfen die CD ĂŒbermĂŒtig aus dem Fenster im vierten Stock hinunter in die Altstadtgasse. Sie freuen sich diebisch und feixen wie verrĂŒckt.â
(HĂ€lt das Schild mit âEndeâ hoch.)
âDas war Fassung Nummer 1. Nun Fassung Nummer 2.â
ErzĂ€hler: âPetra und Peter hĂ€ngen etwas schlaff am Tisch, aufgestĂŒtzt, dicke rote Nasen. Drei leere Flaschen und eine halb leere Flasche Sherry stehen auf dem Tisch.â
Petra: â Aber Zivilisation IST doch Konkurrenz! Was sonst? Das ist doch logisch und wenn du mal die aktuelle Philosophie-Diskussion verfolgt hĂ€ttest⊠ach du raffst das eh nicht.â (Ă€rgerlich)
Peter: âSchon gut.â (will beschwichtigen) âDu hast recht, wie immer.â (beleidigt)
Petra (total bockig): âMann, jetzt fĂ€ngst du schon wieder an, echt, du Heulsuse. Nicht mal anstĂ€ndig diskutieren kann man mit dir.â (genervt) âAch lass mich doch in Ruhe.â
Peter (beleidigt und verletzt): âBitte. Ich geh jetzt ins Bett.â
Petra: âIch auch.â
ErzĂ€hler: âPeter geht ins Bett. Petra geht ins GĂ€ste-Bett ins Arbeitszimmer. Peter kann nicht schlafen und will sich entschuldigen, aber Petra ist nicht aus dem komatösen Schlaf zu holen.
Peter (melodramatisch, mitleidig): âDu bist so klug. Aber Morgen weiĂt du nichts mehr von unserem GesprĂ€ch.â
(HĂ€lt das Schild mit âEndeâ hoch.)
âDas war Fassung Nummer 2. Es folgt Fassung Nummer 3.â
ErzĂ€hler: âIn dieser Szene kann Peter auch Petra sein und umgekehrt.â
ErzĂ€hler: âPetra und Peter sitzen am Tisch voreinander, er hĂ€lt ihre HĂ€nde. Drei leere Flaschen stehen auf dem Tisch.â
Petra (schluchzend, lallend): âIch hab das noch gar nicht verarbeitet. Es belastet mich jeden Tag! Und der Stress, immer dieser Druck, von ĂŒberall. Ich kann nicht mehr.â
Peter: âAch mein Schatz.â (verstĂ€ndnisvoll, tröstend) âDu brauchst mehr Ruhe.â
ErzĂ€hler: âDas war Fassung Nummer 3.â
(HĂ€lt Schild mit âEndeâ hoch. Nimmt es wieder runter. HĂ€lt es wieder hoch.)
Ein allabendliches Ritual
Zweiter Akt:
ErzĂ€hler: âPeter kauft zwei Sekt und einen Winzerschoppen in der Weinstub um die Ecke. Es regnet, der Hund stinkt.â
Ein allabendliches Ritual
Ein Ein-Frau/Mann-StĂŒck
Requisite: ein Schild, auf dem âEndeâ steht
ErzĂ€hler: âHerzlich willkommen zum TheaterstĂŒck âEin allabendliches Ritualâ.
Dramatis Personae:
ErzÀhler, gespielt von Schauspieler 1
(ErzÀhler verbeugt sich)
Peter, gespielt von Schauspieler 1
(Tritt vor und verbeugt sich)
Petra, gespielt von Schauspieler 1
(Tritt vor und verbeugt sich)
Hund, spielt aber keine Rolleâ
Erster Akt:
ErzĂ€hler: âIn einer etwas chaotischen und ĂŒberladenen Altbauwohnung in der Mainzer Innenstadt.â
Peter (steht an der TĂŒr, Leine in der Hand): âTschĂŒhĂŒs!â (winkt)
Petra (sitzt im Schneidersitz auf dem Boden, schreibt aus einem Buch ab, sachlich, freundlich, leicht abwesend): âBringst duân Sekt mit?â
Peter (rollt leicht mit den Augen, schaut leicht verzweifelt, lĂ€sst beide Arme hĂ€ngen): âSpatzlum, muss das sein!? Wir können doch nicht jeden Abend...â
Petra (schaut auf, grinst leicht, unschuldig): âAber Mann,â (Geste: Hand wird aus dem Handgelenk mit abgespreizten Fingern vom Körper weggedreht, HandflĂ€che zeigt nach oben) âdoch nicht JEDEN Abend. Nur heute, ausnahmsweise. Bitte!â (treuer Blick)
Peter (kompromissbereit): âGibtâs denn was zu feiern?â
(Macht Petra mit hoher Stimme nach) âNaTĂRlich gibtâs was zu feiern. Meine neuen Schuhe, mein gutes Aussehen, dass ich dich lieb habâ (nachmachend: groĂe Augen, betörendes Blinzeln, lĂ€cheln und grinsen).
(Normale Stimme, seufzt) âHachâ (grinst), âmein Kerlâ (lacht), âdu bist unmöglich.â (gibt ihr eine Kopfnuss)
ErzĂ€hler: ââDu bist unmöglichâ bedeutet âich hab dich liebâ.â
Petra (lacht und freut sich): âDu bist ein Schatz!â (ĂŒberzeugend, wirft ihm einen Kuss nach). âDanke!â
ErzĂ€hler: âPeter geht mit dem Hund aus der TĂŒr.â
Die perfekte Teekanne
Kate kam trĂ€nenĂŒberströmt zu mir, der Kajal schon bis zur Nasenspitze verlaufen. Völlig nĂŒchtern, ganz klar, ganz bei sich - tieftraurig, enttĂ€uscht, verletzt, wĂŒtend. Ein groĂes Glas stellte ich ihr trotzdem hin, entkorkte einen Rotwein und frittierte Salbei in der Pfanne. Frittierter Salbei geht immer. Ihre Freundin hatte ihr gerade gesagt, dass sie sie liebe, sehr, fĂŒr immer mit ihr zusammen sein wolle, sie eine groĂartige Frau sei, dass sie unglaublich attraktiv sei, und dass auch ihr Bauch, der mit knapp 40 Jahren und durch ein mittlerweile fast aus der PubertĂ€t entwachsenes, jugendliches kleines Mini-Wunder wundervoll weich ist, ihrer Schönheit keinen Abbruch tĂ€te.
Kate, von schlanker Statur, hervorragend proportioniert, hat ein BĂ€uchlein, das ein Teil ihres Lebens erzĂ€hlt. Unter einem kleinen SpeckgĂŒrtel liegen solide Muskeln, die sich am oberen Rand, zwischen und unter den Rippen, andeuten. Weiter unten sind keine Muskeln zu sehen: die Fettschicht darĂŒber ist zu dick. Sie ist nicht dick, aber zu dick, um die Muskeln darunter zu sehen. Es könnten 2cm Fett sein, die ĂŒber den Muskeln liegen.
Und dieses BÀuchlein sollte also, der Aussage von Kates Freundin zufolge, geeignet sein, die sonstige Schönheit in Frage zu stellen, statt die Schönheit zu unterstreichen, gar wesentlich auszumachen?
Kate war zutiefst getroffen. Wie es sein könne, dass dieser Bauch, der das Wunder neuen Lebens vollbracht hat, als weniger schön betrachtet wird als einer, der das noch nicht geschafft hat? Weniger schön als einer, bei dem auf der Muskelschicht kein Fett zu sehen ist oder auf dem die Haut anliegt wie Frischhaltefolie? Wie kann es sein, dass diese Leistung den weiblichen Wert, den der Körper einer Frau darstellt, schmÀlert statt fördert? Ist das nicht eine Perversion schlechthin?
Kate sagt: Wenn ich eine Teekanne kaufen möchte, dann will ich eine Teekanne mit bestimmten Eigenschaften. Meine sollte mindestens einen Liter fassen und ich möchte eine, die auf mein Stövchen passt und nicht wackelt. Sie soll rund sein, das finde ich hĂŒbsch, und der Henkel geschwungen und sie darf nicht Tropfen, denn ich kann es nicht leiden, wennâs nach jedem AusgieĂen tropft und ich aufwischen muss. Dies sind die mindest-Voraussetzungen fĂŒr meine Teekanne. Ich gehe in den Laden und finde eine, die wirklich hĂŒbsch ist, mit BlĂŒmchen. Ich finde sie sehr nett und nehme sie mit. Aber immer wieder trĂ€ume ich davon, eine zu haben, die auch einen Goldrand hat und bei der der Henkel etwas ausladender geschwungen ist. Ich liebe meine Kanne, sie ist jetzt lange bei mir und hat viel mitgemacht, es ist âmeineâ Kanne und man sieht ihr ihre treuen Dienste an. Aber eigentlich hĂ€tte ich doch immer lieber eine gehabt, die meinem Ideal voll und ganz entspricht. Bin ich nicht auch eine Teekanne? Mindest-Standards erfĂŒllt, aber eben doch nur hĂŒbsch und nett und âihreâ, aber eben nicht die Schönste und Tollste, die man sich vorstellt und ertrĂ€umt?
Vielleicht können die Augen der Liebe die Sichtweise verĂ€ndern, fragte ich Kate. Wenn ihre Freundin sie mit Liebe betrachtet, könnte sie auch den Bauch lieben und groĂartig finden. Ja, resignierte Kate, aber es bezieht sich immer auf die Leistung dahinter und nicht auf die sexuelle Anziehung, die offenbar fĂŒr Kates Freundin ausschlieĂlich in der Optik liegt.
Nein, die Optik alleine ist es nicht. Es ist die Mischung aus der wunderbaren Frau und einem wundervollen Körper. Und niemand ist perfekt fĂŒr einen anderen. Kate maulte, dass niemand perfekt ist und doch jeder perfekt ist. âGott macht keine Fehler.â Und auĂerdem geht es hier um den perfekten Körper.
Wenn Kate liebt, wird ihre Freundin dadurch perfekt. Sie passt perfekt, weil die jeweilige Freundin das ist, was Kate gerade braucht. Sozusagen vom Universum zur idealen Entwicklung zur VerfĂŒgung gestellt. Mit einem perfekten Körper. Kate hat kein anderes Ideal als ihre Freundin. Welche auch immer das in diesem Moment ist. Kates Freundin ist immer die schönste und schĂ€rfste Frau der Welt. Denn Kate schaut sie mit Hingabe und Liebe an, sie vergleicht nicht und erstellt kein Ideal daneben. Der Körper ihrer Freundin ist immer perfekt. Nicht etwa, weil sie, wie sie jetzt moniert, in dem Körper die Geschichte sieht. Sondern weil es der Körper ist, den sie liebt. Und allein dieser Körper ist der MaĂstab, da ihre Liebe der MaĂstab ist.
Milan Kundera: Die Unwissenheit (2000)
Jemand
Ich liege hier rum und frage mich
ob jemand mich mag oder ob eher nicht,
ob jemand denkt, ich sei liebenswert,
ob jemand sich noch nach mir verzehrt,
ob jemand denkt ich sei ungerecht,
hinterhÀltig, gemein oder abgrundtief schlecht,
ob jemand denkt ich sei Àrgerlich
oder wĂŒtend, traurig, sĂ€uerlich,
ob jemand denkt ich sei ne Niete im Bett,
billig und schlampig und obendrein fett,
ob jemand denkt, ich sei schön und schlau,
ob jemand denkt: wow, was fĂŒr ne Frau!
Ob erbÀrmlich, dumm oder lÀcherlich
ob wundervoll, ob groĂartig,
komisch, albern oder chaotisch
Witzig, spritzig, lieb oder frisch...
Ich liege hier rum und frage dich:
Bist du jemand? Und wer bin ich?