Internationaler Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust
Im Rahmen von The Vienna Project wurden gleich mehrere Veranstaltungen organisiert, die sich an diesem Tag auf unterschiedliche Weise den Themen Erinnern und Vergessen annäherten.
Gegen 12:00 startete TVP Direktorin und Künstlerin Karen Frostig mit der Performance ERASURE. Hierzu lud sie an einen der 38 Orte, die Universität Wien, ein:
Was passiert, wenn die Erinnerung an Menschen gelöscht, „ausradiert“ wird? Die Universität Wien wurde am 12. März 1938 von Nationalsozialist_innen übernommen. Mehr als 2 700 größtenteils jüdische Student_innen, Profesor_innen und Büroangestellte wurden ausgeschlossen. Auch Karen Frostigs Vater, ein damaliger Praktikant der Juridischen Fakultät, war einer von ihnen.
ERASURE lud dazu ein, das Thema Vergessen zu diskutieren. Mit Radiergummis auf denen die Worte „Was passiert, wenn wir vergessen uns zu erinnern?“ gedruckt waren, wurde gemeinsam radiert, gelöscht, vergessen. Was am Ende der Veranstaltung blieb, waren leere Blätter Papier.
Um 15:00h ging es dann zu einem weiteren Ort der Erinnerung: dem ehemaligen Palais Rothschild. Ferdinand Schmatz und Esther Dischereit, Profesor_innen des Instituts für Sprachkunst an der Universität für Angewandte Kunst Wien, organisierten hier mit ihren Studierenden die Performance Erinnern I Vergessen – Vergessen I Erinnern.
Das Palais Rothschild wurde bereits 1938 konfisziert. Im Jahre 1942 wurde hier die „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“, nach einer Idee von Adolf Eichmann, eingerichtet. Hier wurden Jüd_innen ihres ganzen Besitzes und ihrer Rechte beraubt. Was diesen Menschen blieb, war eine Bescheinigung, mit der sie noch für 14 Tage im Land bleiben durften. Nach dieser Frist drohte ihnen die Abschiebung ins Konzentrationslager.
Nach dem Krieg wurden die zerstörten Überreste des Palais abgerissen. Heute befindet sich an diesem Ort die Arbeiterkammer, welche die Performance Erinnern I Vergessen – Vergessen I Erinnern unterstützte. Hier sei nochmals ein Dank an Mag. Roman Berka ausgesprochen, der auch im Rahmen der Veranstaltung einleitende Worte sprach.
Begonnen wurde mit der Aktion Erinnerungsbrüche von Gastperformerin Zsusanna Balla an der Straßenbahnhaltestelle: Sorgsam trug Balla lebensgroße rote Stoffpuppen von einer Straßenseite zur anderen. Zwischen ankommenden und abfahrenden Strassenbahnen, einsteigenden und aussteigenden Passant_innen, dem Strassenverkehr und inspiriert von einem Gedicht aus Esther Dischereits Gedichtband: Vor den Hohen Feiertagen gab es ein Flüstern und Rascheln im Haus, (AvivA 2009) wurde hier ein sprachlicher Rhythmus in Performance übersetzt.
Auch Rick Reuter hatte mit einer Säge, die man vor der Arbeiterkammer in einer Bretterwand hin und hersägen konnte, einen zusätzlichen Rhythmus zu seinem Sprachkunstwerk, dem Anagramm aus ARBEIT MACHT FREI, geschaffen.
Im Anschluss folgten acht kurze Lesungen der Studierenden, die auf unterschiedliche Weise das Erinnern und Vergessen beleuchteten:
Isabel Walter: Erinnern und Vergessen
Gunda Kinzl: Betrifft: Gedenken
Kadisha Belfiore: Gestern
Dominik Ivancic: Irritieren
Malte Abraham: Edith Abraham, 1928 in Lodz (Polen)
Frank Ruf: United Stasi of America Blues
Bastian Schneider: Ordem e progresso
Einen würdevollen Ausklang gab es schließlich abends, als das Institut für Sprachkunst in die Librería Utopía - radical bookstore vienna einlud.
Unter der Moderation von Rick Reuther, lasen die Autor_innen Noémi Nagy und Lászlo Garaczi aus ihren neusten Büchern auf Ungarisch vor. Ins Deutsche übersetzt wurde von György Buda, Éva Zádor und Péter Méses. Geistreich und pointiert handelte der Abend vom Weggehen aus der Heimat, Erinnerungen an die Kindheit und dem Tod. Somit wurde gekonnt der Bogen ins Heute gespannt. Wir vergessen und wir erinnern. Aber was bedeutet das für uns? Wenn wir gewillt sind, die Steine der Erinnerung in den Fluss des Vergessens zu werfen, welche Wellen kann das schlagen? Und: was passiert, wenn wir es nicht tun?