Kasusumlaut bei Ortsnamen
Auf Reflexe des Kasusumlauts bin ich durchs Unterrichten gestoßen: Bei der Vorbereitung für eine Seminarsitzung zur historischen Morphologie des Deutschen nahm ich mal wieder die Einführung von Nübling und Kolleginnen in die Hand, die mittlerweile die stolze fünften Auflage erreicht und sich zu einem regelrechten Handbuch gemausert hat. Dort findet sich im Kapitel zur Interaktion von Phonologie und Morphologie der kurze Hinweis auf die Relevanz von Ortsnamen (Nübling et al. 2017: 299–300), und zwar mit Bezug auf die bahnbrechende Untersuchung von Sonderegger (1979), wo dieses Thema en passant erwähnt wird. An einem Freitag Nachmittag gegen Ende des Semesters, wo die angestrebte Einheit von Lehre und Forschung mehr und mehr einer geistigen Leere weicht, kam mir der Gedanke, dass sich da sehr schnell neue Befunde gewinnen lassen, und über diese möchte ich hier berichten.
Zuerst ein bisschen sprachgeschichtlicher Hintergrund: Der sogenannte i-Umlaut ist eine der phonologischen Veränderungen, die alle altgermanischen Sprachen betrifft (wenn wir einmal großzügig das Gotische ausklammern). Während er im Englischen oder Niederländischen wieder weitgehend beseitigt wurde, ist er im Nordgermanischen in unterschiedlichen Graden erhalten, dümpelt aber sozusagen als Anomalie vor sich hin. Um deutlichsten sind seine Spuren im Isländischen greifbar, wo sich beispielsweise Umlaute ins ganze Paradigma von gestur ,Gast‘ gefressen haben, während das zur selben Deklinationsklasse gehörende staður ,Stelle‘ umlautlos ist. Hier gibt es freilich Wechselwirkungen mit anderen vokalischen Veränderungen, die zu palatalisierten Vokalen führen (siehe dazu Nübling 2013: 22–26), aber dies ändert nichts an dem Befund, dass wir es mit einer phonologischen Sauerei ohne morphologische Aufräumarbeiten zu tun haben. Dieses grobe Bild berücksichtigt nicht die mitunter große dialektale Variabilität, z.B. sind die ostniederländischen Dialekte deutlich umlautfreudiger als ihre westlichen Pendants (Nübling 2013: 26–27).
Nur im Deutschen schaffte es der Umlaut ins morphologische System und führte dort zu tiefgreifenden Veränderungen, die allenthalben bemerkbar sind (Übersicht zusammengestellt aus Wiese 1996: 114, 116; Nübling et al. 2017: Kap. 10.2):
Konjunktiv, z.B. ahd. sungi (1. Pers. Sg.) → mhd./fnhd. sünge → nhd. sänge; mit analogischer Ausbreitung auf andere Verben, z.B. hätte, bräuchte.
Sogenannter Rückumlaut, z.B. mhd. hœren – hōrte → hören – hörte. Die umgelauteten Formen dehnen sich aus, so dass im heutigen Deutschen nur noch wenige Verben variieren (z.B. nennen – nannte – genannt).
Nicht-lautgesetzlich ist der Umlaut beim Plural und Infinitiv von Modalverben, z.B. ahd. muozan → mhd. müezen → nhd. müssen.
In der Wortbildung haben wir u.a. produktiven Umlaut bei Movierung (Arzt → Ärztin), -lich-Derivationen (bläulich) oder bei Diminutiven mit -chen (← mhd. -ichîn) oder -lein (← mhd. -līn).
Das bekannteste Beispiel für die Morphologisierung ist die Substantivdeklination: So finden wir beispielsweise bei den i-Stämmen Umlautformen genau in den Paradigmenzellen, die den entsprechenden Auslöser, d.h. stammbildendes i und seine Reflexe enthalten.
Tabelle 1: Ahd. i-Stämme (Formen aus Braune und Heidermanns 2018: 277 und Paul et al. 2007: 185, 187)
Beim Übergang zum Mittelhochdeutschen verschwinden die Kasusumlaute im Gen. und Dat. wieder; auslautendes e (das durch die Nebensilbenabschwächung aus i entstanden ist) wird in diesen Paradigmenzellen apokopiert. In den Pluralformen bleibt der Umlaut demgegenüber erhalten, jedoch zeigt nur noch der Dativ eine eigene Form (im Ahd. sind Genitiv und Dativ noch durch die Flexive -im bzw. -io markiert). Das bedeutet, dass Kasusunterschiede abgebaut werden, die Numerusunterscheidung aber stabil bleibt und teilweise sogar per analogischer Ausdehnung ausgebaut wird (Stichwort: Numerusprofilierung vs. Kasusnivellierung; Hotzenköcherle 1962). So weist das Substantiv Wort (a-Deklination), das ursprünglich einen Nullplural hatte, im Neuhochdeutschen den doppelt markierten Plural Wört-er auf, wobei beide morphologische Zeichen, also der Umlaut und das Suffix -er, per Analogie übertragen wurden. Bei gewissen Substantiven mit den Stammauslaut auf Schwa-Silbe oder silbischem Sonoranten -er, -en und -el kann er als alleiniges Pluralkennzeichen dienen, z.B. Mütter /ɐ/, Gräben /ən/, Vögel /əl/ (siehe dazu Wiese 2009: 138–139). Insbesondere in jenen Dialekten, bei denen die Apokope additive Pluralkennzeichen beseitigt hat, stellt analogischer Umlaut die Pluralkennzeichnung sicher (Schirmunski 1962: 203), geht aber auch über diese Kontexte hinaus. Konkretes Anschauungsmaterial aus meinem Vorarlberger Alemannischen sind Formen wie Taag – Tääg ,Tage‘, Hund – Hünd ,Hunde‘, Nama – Näma ,Namen‘, Broot – Brööter ,Brote‘ usw.
Im Ahd. bzw. frühen Mhd. gibt zum Thema Kasusumlaut noch einiges zu holen. Dies lässt die kleine ReM-Korpusrecherche von Hartmann (2018: 131–132) zu kraft erkennen, die er anhand des Referenzkorpus Mittelhochdeutsch durchführte: Auch noch in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts findet sich robuste Evidenz für umgelautete Formen im Gen./Dat., wenngleich eine deutliche generelle Tendenz zur Abnahme festzustellen ist. Auch im unlängst erschienen Morphologie-Band der großen Mittelhochdeutschen Grammatik wird auf Vorkommen des Kasusumlauts eingegangen (Klein et al. 2018: 121 und später), aber die Angaben sind etwas inkonklusiv (Danke an Jürg Fleischer für diesen Hinweis).
Zurück zum Thema: Ein bemerkeneswerter Datenbereich, wo sich Reflexe des Kasusumlautes erhalten haben, sind Ortsnamen. Der sprachgeschichtliche Hintergrund ist hier leicht anders gelagert (Infos im Folgenden aus Braune und Heidermanns 2018: 282–287 [§§ 221–224], 309–310 [§§ 255–256]): Auch bei der schwachen Adjektivdeklination finden sich im Gen. und Dat. Sg. Kasusumlaute; diese stimmt mit den maskulinen und neutralen Substantiven der n-Deklination überein (an-Stämme), erkennbar an Formen wie hanin/henin ,Hahn‘ (Gen./Dat.) oder namin/nemin ,Name‘ (Gen./Dat.) In Tabelle 2 sind entsprechende Formen in einer vergleichenden Übersicht zusammengetragen (aus Sonderegger 1979: 309).
Tabelle 2: Kasusumlaute beim schwachen Adjektiv und Substantiv im Vergleich
Ich habe eine kleine Auswertung zum erstarrten Kasusumlaut bei Ortsnamen durchgeführt. Als Beispiele dienten Langenfeld und Langenbach, bei denen von einer weitgehend unproblematischen Etymologie auszugehen ist, z.B. zi demo langin/lengin fëlde ,bei dem langen Feld‘. Solche Erstarrungen des Dativs als Präpositionalkasus bei lokal-statischer Bedeutung zum Nominativ sind bei der Onymisierung von Ortsnamen häufig zu beobachten (Nübling et al. 2015: 217). Im Einzelnen wäre dies natürlich zur prüfen, insbesondere das Alter der jeweiligen ON (bei nicht-fassbarem Umlaut) zu bestimmen, ist keine triviale Angelegenheit. Hier stößt man schnell auf praktische Probleme, da man ggfs. die verfügbare onomastische Spezialliteratur konsultieren müsste, die nicht immer leicht zu finden oder zu beschaffen ist.
Berücksichtigen konnte ich nur jene Orte, die über Wikipedia verfügbar und deren Geokoordinaten via Scraping abgreifbar sind. Vermutlich gibt es noch zahlreiche weitere Fälle, z.B. Flurnamen, Ortsteile oder Weiler, aber die erste Probebohrung hat durchaus Interessantes zutage gefördert. Die Originaldaten und das dafür verwendete Python-Skript sind über GitHub hinterlegt, mit dem Rede-SprachGIS lassen sich dynamische Punktkarten erstellen und verlinken (blöderweise braucht man einen Benutzeraccount, um die Kartierung ansehen zu können). Hier die statische Version zu direkten Anschauungszwecken:
Karte 1: Varianten des Ortsnamens Langenfeld (e/ä-Formen jeweils orange)
Karte 2: Varianten des Ortsnamens Langenbach (e/ä-Formen jeweils orange)
Was sieht man? Wirft man beide Einzelkartierungen in einen Topf, wie dies online einfach möglich ist, erkennt man eine bemerkenswerte areale Häufung von Umlautformen im Oberdeutschen. Dies ist umso erstaunlicher, als insbesondere die erstere Sprachlandschaft als resistent gegenüber dem phonologischen Umlaut gilt (Schirmunski 1962: 201).
Man darf’s mit der rückprojizierenden Kartenexegese à la Frings nicht zu weit treiben, aber einen ersten Anhaltspunkt liefert diese Auswertung allemal.
Braune, Wilhelm und Frank Heidermanns (2018): Althochdeutsche Grammatik. Bd. 1: Laut- und Formenlehre. (Sammlung kurzer Grammatiken germanischen Dialekte –Hauptreihe; 5.1). Berlin, Boston: De Gruyter.
Hartmann, Stefan (2018): Deutsche Sprachgeschichte. Grundzüge und Methoden. (UTB; 4823). Tübingen: Francke.
Hotzenköcherle, Rudolf (1962): Entwicklungsgeschichtliche Grundzüge des Neuhochdeutschen. In: Wirkendes Wort 12: 321–331.
Klein, Thomas, Hans-Joachim Solms und Klaus-Peter Wegera (2018): Mittelhochdeutsche Grammatik. Bd. 2: Flexionsmorphologie. Berlin, Boston: De Gruyter.
Paul, Hermann [et al.] (2007): Mittelhochdeutsche Grammatik. (Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte – Hauptreihe; 2). Tübingen: Niemeyer. 25. Aufl.
Nübling, Damaris (2013): Zwischen Konservierung, Eliminierung und Funktionalisierung: Der Umlaut in den germanischen Sprachen. In: Jürg Fleischer und Horst J. Simon (Hgg.): Sprachwandelvergleich – Comparing Diachronies: 15–42. (Linguistische Arbeiten; 550). Berlin, Boston: De Gruyter.
Nübling, Damaris, Fabian Fahlbusch und Rita Heuser (2015): Namen: Eine Einführung in die Onomastik. (Narr Studienbücher). Tübingen: Narr. 2. Aufl.
Nübling, Damaris [et al.] (2017): Historische Sprachwissenschaft des Deutschen: Eine Einführung in die Prinzipien des Sprachwandels. (Narr Studienbücher). Tübingen: Narr. 5. Aufl.
Schirmunski, Viktor (1962): Deutsche Mundartkunde. Vergleichende Laut- und Formenlehre der deutschen Mundarten. (Veröffentlichungen des Instituts für deutsche Sprache und Literatur; 25). Berlin: Akademie Verlag.
Sonderegger, Stefan (1979): Grundzüge deutscher Sprachgeschichte. Diachronie des Sprachsystems. Bd. 1: Einführung – Genealogie – Konstanten. Berlin, New York: De Gruyter.
Wiese, Richard (1996): Phonological versus morphological rules: on German Umlaut and Ablaut. In: Journal of Linguistics 32: 113–135.
—(2009): The grammar and typology of plural noun inflection in varieties of German. In: Journal of Comparative Germanic Linguistics 12: 137–173.