61 Fenster für das Solothurner Kulturschaffen Nr. 7 – Otto Lehmann
Aus Anlass der 37. Kantonalen Jahresausstellung der Solothurner Künstler:innen im Kunstmuseum Olten stellen wir Ihnen die beteiligten Kunstschaffenden und ihre Exponate vor.
Die Jahresausstellung der Solothurner Kunstschaffenden findet abwechselnd in Olten und Solothurn statt. 2021 wird sie vom Kunstverein Olten im Kunstmuseum Olten ausgerichtet.
Am Ende des Jahres gibt die Ausstellung Einblick in die vielgestaltige und lebendige Solothurner Kunstszene. Zahlreiche Veranstaltungen machen sie zur wichtigen Plattform für den Austausch mit und zwischen den Kunstschaffenden der Region.
Otto Lehmann WP 13
Kraftvoll aber auch düster und beklemmend, beinahe angsteinflössend wirken die beiden Werke von Otto Lehmann (1943–2021), mit denen sich die Besucher:innen als Auftakt der Jahresaustellung konfrontiert sehen. (Abb. 1 rechts & Abb. 2)
Mit schwarzer Tusche auf der Rückseite alter Ausstellungsplakate flüssig über die teils schon leicht spröden Papierfalten gemalt, knüpfen diese Pinselzeichnungen an frühere Darstellungen zum Thema «Aufbruch – Rückzug» an.
Auf dem linken Blatt nimmt ein menschliches Wesen grösste Anstrengungen auf sich, um aus dem Körper einer Schlange herauszudrängen und sich zu befreien. Auf dem anderen Blatt hat sich ein nicht näher zu definierendes Wesen – sei es zur Tarnung oder zur Verwandlung – in eine schwarz gestreifte Haut gehüllt. «Ob es sich zu einem späteren Zeitpunkt wieder aus der Verhüllung lösen wird, ist offen.», mutmasste der Künstler im Bewerbungsdossier für die Teilnahme an der Jahresausstellung.
Abb. 2 Otto Lehmann WP 13, 2021 Chinatusche auf Plakatpapier, je 128 x 89 cm Ausstellungsansicht Kunstmuseum Olten, 2021 Foto Kaspar Ruoff © Erben Otto Lehmann
Nur wenige Tage nach dem Eingang seines Dossiers, noch vor der Jurierung, ist Otto Lehmann am 14. Oktober 2021 im Alter von 78 Jahren überraschend verstorben, nachdem er bei der Gartenarbeit einen Schlaganfall erlitten hatte. Die Nachricht hat bei den Organisator:innen der Jahresausstellung grosse Bestürzung und Trauer ausgelöst. Denn mit Otto haben wir nicht nur einen bedeutenden Schweizer Künstler seiner Generation, sondern auch eine zentrale Figur der Solothurner Kunstszene, einen wunderbaren Menschen und langjährigen Freund unseres Hauses verloren.
Abb. 3 Ausstellungsansicht Kunstmuseum Olten, 2021 mit Werken von Otto Lehmann und Kondolenzbuch
So scheint es selbstverständlich, dass seine beiden Arbeiten mit dem Titel «WP13» in der Ausstellung einen Ehrenplatz erhalten haben und uns Anlass bieten zum gemeinsamen Gedenken. Diesem widmen wir am Donnerstag, den 27.1.2022, um 18 Uhr, eine eigene Veranstaltung. Im Rahmen einer erweiterten Werkbetrachtung möchten wir an diesem Abend anhand ausgewählter Werke von Otto Lehmann aus der Sammlung des Kunstmuseums Olten auf sein reiches Lebenswerk zurückblicken und an wichtige Wegmarken unserer gemeinsamen Geschichte, an Ausstellungen, Begegnungen und Schenkungen erinnern.
Abb. 4 Otto Lehmann und Dorothee Messmer im Kunstmuseum Olten anlässlich der Übergabe einer grossen Schenkung früher Druckgraphiken, 2019 Foto Katja Herlach
In den letzten Jahren arbeitete Otto Lehmann intensiv an Farbstiftzeichnungen der Werkgruppe «Noli me tangere» (Rühr mich nicht an). Die Blätter dieser Serie, mit der er sicherlich auch die Bedrohung durch eine Krebserkrankung zu bannen versuchte, sind von expressiver Farbigkeit und einem überbordenden, oft ornamentalen Formen- und Detailreichtum geprägt. Im Unterschied dazu weisen die neusten, in Schwarz-Weiss gehaltenen Arbeiten auf den Beginn seiner Karriere als freischaffender Künstler in den späten 1970er-Jahren zurück. Mit reduzierten Mitteln verbildlicht er wie damals in einer kruden, eindringlichen, zugleich direkten und enigmatischen Sprache existentielle Befindlichkeiten, Gefühle und Ängste.
Die beiden Tuschzeichnungen sind als Gegensatzpaar aufeinander bezogen: den Bildraum sprengende Bewegung auf der einen, skulpturale, in sich ruhende Festigkeit auf der anderen Seite. Aufbruch und Rückzug.
Durch die Falten im Papier erlangen die Blätter reliefartige Raumhaltigkeit und Körperlichkeit. Als Spuren eines – nicht eben pfleglichen – Umgangs mit dem als Verbrauchsmaterial konzipierten Bildträger gelesen, bringen die Knicke in den umgedrehten Ausstellungsplakaten auch eine zeitliche Dimension ins Spiel, deuten Verletzlichkeit an und verorten die Kunstproduktion in einem Spannungsfeld zwischen häuslichem Alltag, stiller Arbeit im Atelier und Partizipation am Kunstsystem, als Protagonist ebenso wie als Rezipient. Weist uns das Recycling allenfalls gar auf Fragen der Nachhaltigkeit und auf Wertediskussionen im Kunstkontext hin?
Immer schon war die Haptik der Kunstwerke zentral im Schaffen von Otto Lehmann. Ob er mit dem Bleistift das Papier derart traktiert, dass Risse und Löcher entstehen, während die satten Graphitlagen metallen glänzen (Abb. 5), ob er mit Kreide ungestüm auf grossen Wandtafeln zeichnet (Abb. 6) oder mit Ölfarbe eine eigene Radierung übermalt (Abb. 7), immer betonen seine Arbeitsweise und sein Umgang mit dem Material dessen Charakteristika. Der offensichtliche Widerstand des Materials macht dabei die Impulsivität der Geste deutlich. In Verbindung mit der Motivebene trägt somit auch das Materielle zur hohen Präsenz und zur Dringlichkeit der Werke bei und offenbart eine starke emotionale Engagiertheit des Künstlers.
Abb. 5 Otto Lehmann Ohne Titel, 1981 Bleistift auf Ingres Papier, 30.5 x 43.5 cm Kunstmuseum Olten, Inv. 2013.14 Geschenk des Künstlers Foto Kaspar Ruoff © Erben Otto Lehmann
Abb. 6 Otto Lehmann Wandtafel, 1981 Ölpastellkreide und Acryl auf Pavatex, 150.5 x 200.5 cm Kunstmuseum Olten, Inv. 2013.9 Geschenk des Künstlers Foto Kaspar Ruoff © Erben Otto Lehmann
Abb. 7 Otto Lehmann Ohne Titel, 1980 Kaltnadelradierung, übermalt, auf Kupferdruckpapier, 53.2 x 38 cm Kunstmuseum Olten, Inv. 2019.69 Geschenk des Künstlers Foto Kaspar Ruoff © Erben Otto Lehmann
An den Exponaten in der Jahresausstellung lässt sich ein weiterer Wesenszug von Otto Lehmanns Schaffen aufzeigen: Die Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Figur und Raum beschäftigt ihn nicht nur kompositorisch, sondern auch auf inhaltlicher Ebene. Selten bietet der Raum Halt. Oft ist er entgrenzt, undefiniert und leer (Abb. 8), ober aber vergittert, verstellt und eng umschlossen (Abb. 9). Manchmal ist die Balance zwischen Positiv- und Negativräumen so fein austariert, dass das Auge wie beim Betrachten von Vexierbildern unwillkürlich von einer Anschauung zur andern hin- und herspringt. Die ausgeprägte Spannung zwischen Hell und Dunkel, die sich schon früh in Lehmanns Werken manifestiert, ist Ausgangspunkt seines formal wie inhaltlich gesuchten Ausgleichs der Pole, schreibt Christoph Vögele treffend in der von ihm 2019 veröffentlichten Monografie. (Abb. 10)
Abb. 8 Otto Lehmann Ohne Titel, 2007 Acryl auf Zerkall Büttenpapier, 24 x 32 cm Kunstmuseum Olten, Inv. 2013.19 Geschenk des Künstlers Foto Kaspar Ruoff © Erben Otto Lehmann
Abb. 9 Otto Lehmann Ohne Titel, 1991 Lithographie auf Kupferdruckpapier, 38.5 x 50.3 cm Kunstmuseum Olten, Inv. 2019.77a Geschenk des Künstlers Foto Kaspar Ruoff © Erben Otto Lehmann
Abb. 10 Otto Lehmann Ohne Titel, 1981 Linolschnitt auf Kupferdruckpapier, 53.3 x 37.8 cm Kunstmuseum Olten, Inv. 2019.72 Geschenk des Künstlers Foto Kaspar Ruoff © Erben Otto Lehmann
Biographisches
In Solothurn 1943 geboren und aufgewachsen, liess sich Otto Lehmann bereits 1965 im Kanton Luzern nieder. Nach einer Ausbildung zum Grafiker und dem Besuch der Kunstgewerbeschule in Bern, arbeitete Lehmann zunächst als Gebrauchsgrafiker. Zugunsten des freien künstlerischen Schaffens reduzierte er seine Tätigkeit und gab sie schliesslich – dank der Unterstützung seiner Ehefrau Kristin – zu Beginn der 1980er-Jahre ganz auf. Bereits Ende der 1970er-Jahre hatte die Beschränkung auf die Auseinandersetzung mit der menschlichen Figur schlagartig zur Entwicklung eines unverwechselbaren, kompromisslosen Stils geführt, mit dem er bald – auch dank der Förderung durch seinen Galeristen Jörg Stummer – breite Anerkennung erhielt.
Nach einigen Experimenten im Bereich der Druckgraphik (Abb. 7, 9, 10) verwendete er zunächst ausschliesslich den Bleistift, um den Menschen in auf das Existenzielle reduzierten Extremsituationen festzuhalten (Abb. 5). Dann entdeckte er die Wandtafelzeichnung für sich und fand zu grösseren Formaten (Abb. 6). Seine Acrylbilder, die stets die Herkunft von der Zeichnung her erkennen lassen und eine beschränkte Farbpalette aufweisen, zeigen Einzelfiguren in räumlich definiertem Umfeld und zunehmend auch menschenleere Raumbilder, deren Tiefenillusion flächigen Gitterstrukturen weicht und die Frage nach dem Existenziellen ins Erkenntnistheoretische verlagern. Nach einer Phase, in der malerische Fragen in den Vordergrund rücken und vorübergehend zur Monochromie führen, kehrt das Gegenständliche in seine Arbeiten zurück. Ab den 2000er-Jahren begann er, Bleistift, Acryl und Tusche zu kombinieren.
Trotz seines Umzugs in die Innerschweiz ist Otto Lehmann seinem Heimatkanton und dessen Kunstszene eng verbunden geblieben. 1990 wurde er mit dem kantonalen Fachpreis für Malerei ausgezeichnet und 2014 realisierte er gemeinsam mit seiner Frau Kristin eine grosse Kunst und Bau Arbeit mit dem Titel «Minotaurus. Ariadnes Fadenkneuel» in der neuen Justizvollzugsanstalt Solothurn.
Als zurückhaltender, aufmerksamer Beobachter und anregender Gesprächspartner hat er das Programm der Kunstinstitutionen begleitet und unterstützt. Immer wieder hat er sich an den Kantonalen Jahresausstellungen beteiligt. Das Kunstmuseum Solothurn hat sein Schaffen dreimal in Einzelausstellungen präsentiert, zuletzt 2019 «Noli me tangere». Im Kunstmuseum Olten war er wiederholt an Gruppen- und Sammlungsausstellungen beteiligt.
Dank früher Ankäufe und grosszügiger Schenkungen des Künstlers darf das Kunstmuseum Olten mehrere Werkserien und Einzelarbeiten Otto Lehmanns sein Eigen nennen. Sie vermitteln einen Überblick über sein Schaffen und halten die Erinnerung an einen einfühlsamen, überaus konsequenten und liebenswürdigen Menschen wach.
Mehr erfahren
Nachruf in der Solothurner Zeitung von Christoph Vögele, 25.10.2021
Nachruf in der Luzerner Zeitung von Niklaus Oberholzer, 17.10.2021
Otto Lehmann im SIKART-Lexikon
Otto Lehmanns Blog
Otto Lehmann auf artlog.net
Publikation: Otto Lehmann. Noli me tangeren, Ausst.-Kat. Kunstmuseum Solothurn 2019, Wien: Verlag für moderne Kunst, 2019
Abbildungen
Abb. 1 Ausstellungsansicht 37. Jahresausstellung der Solothurner Künstler:innen Kunstmuseum Olten, 2021 mit Werken von Tomaz Gnus (links) und Otto Lehmann (rechts) Foto Kaspar Ruoff © Tomaz Gnus & Otto Lehmann
Abb. 2–10 Siehe Legenden
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Ein Beitrag von Katja Herlach, Kuratorin Kunstmuseum Olten und Marina Stawicki, wiss. Mitarbeiterin Kunstmuseum Olten
Redaktion Katja Herlach, Kuratorin Kunstmuseum Olten
veröffentlicht am 20.1.2022












