29. August 2023
Worin ich mich blöd anstelle, was das Bezahlen im öffentlichen Nahverkehr der Niederlande angeht. Aber zum letzten Mal!
Ich will vom Amsterdamer Hauptbahnhof zum Fährhafen in Ijmuiden, und zwar mit öffentlichen Verkehrsmitteln, weil der Shuttlebus der Fähre erst in vielen Stunden geht. Ich habe das schon gemacht und kenne die Strecke, ich brauche nur erst mal ein Ticket von Amsterdam Centraal nach Amsterdam Sloterdijk. Der Zug, mit dem ich direkt dorthin weiterfahren könnte, steht am Bahnsteig gegenüber, ich habe zwei Minuten Zeit, es könnte klappen.
Ich öffne den DB Navigator und gebe Abfahrts- und Zielbahnhof ein. Der DB Navigator leitet mich weiter zu einer Bahn-International-Seite, die nach meinem Geburtsdatum und meiner Bahncard fragt, um mir dann mitzuteilen, dass sie mir kein Ticket verkaufen kann. Das sagt sie immer. Ich habe mir bisher nicht die Mühe gemacht, rauszufinden, ob es auch Fälle gibt, in denen sie hilfreich ist. Der Zug fährt ohne mich ab.
W. ist dieselbe Strecke vor drei Wochen gefahren und hat im Chat berichtet: "Ich kann im Zug ein Ticket kaufen, mit EC Karte bezahlen und dann ist die EC Karte meine Fahrkarte." Ich habe aber leider nicht nachgefragt, wie sie das gemeint hat, und außerdem gibt es EC-Karten seit 2007 nicht mehr und meine Kreditkarte war immer dann, wenn es drauf ankam, keine solche nicht mehr existierende EC-Karte.
Ich gehe nach unten in die Bahnhofshalle, auf der Suche nach einem Ticketautomaten. In der Bahnhofshalle gibt es keine Ticketautomaten.
Ich verlasse den inneren Bahnhof durch die Schranke, die meinen deutschen QR-Code heute willig akzeptiert. Das ist manchmal so, aber nicht immer. Ich finde einen Ticketautomaten. Auf dem Automaten steht, dass man sich auch an gvb.nl/ovpay wenden könnte. Eine App, die dieses Problem ein für allemal für mich lösen würde, fände ich gut. Ich sehe mir das an. Die niederländische Erklärung ist sehr kurz und deutet irgendwas mit Karte oder Handy und Ein- und Auschecken an. Aber wie es genau funktioniert, kann ich mir nicht vorstellen, und ich möchte ungern ausgerechnet beim Einsteigen in den Bus alle aufhalten mit meiner Ahnungslosigkeit.
Ich denke, dass man bestimmt eine App dafür brauchen wird, suche im Play Store nach OV-Irgendwas und lade mir die "OVpay"-App herunter. Ich gebe meine Mailadresse ein und muss auf eine Bestätigungsmail warten.
Weil ich eine Mailweiterleitung von meiner eigenen Domain zu Gmail habe und Gmail nicht besonders oft nach neuen Mails sieht, wird das mindestens eine Viertelstunde dauern. Nach zehn Minuten verliere ich die Geduld und gehe doch zum Ticketautomaten. Es ist kein Automat, an dem man alle Tickets bekommen kann, zum Beispiel eines nach Sloterdijk oder eines nach Ijmuiden. Er kann nur Tourismus-Spezialtickets. Ich glaube, die Einheimischen brauchen schon lange keine Papiertickets mehr und deshalb auch keinen Automaten, der alles kann. Für 6,50 € bekomme ich ein Ticket aus Papier, mit dem ich anderthalb Stunden lang mit drei verschiedenen Verkehrsmitteln der Amsterdamer Region fahren darf. In Berlin habe ich gestern auch BVG-Tickets aus Papier am Automaten gekauft, weil das jetzt gerade am schnellsten und am einfachsten für mich geht.
Ich halte das Papierticket an mehrere Einlassschranken, die sich nicht öffnen, und bekomme von der Schranken-Erklärperson erklärt, dass zu diesen drei verschiedenen Verkehrsmitteln keineswegs die Bahn gehört.
Ich suche nach einer anderen App und installiere eine namens "NS" wie "Nederlandse Spoorwegen". Sie hat keine Ticketfunktion, bietet mir aber von sich aus eine Verbindung an, die ohne Bahn auskommt. Sogar den Weg zur Bushaltestelle zeigt sie mir auf leicht verständliche Weise in Google Maps. Die Haltestelle ist wenige Meter von mir entfernt, jedenfalls sieht es so aus.
Nachdem ich eine Viertelstunde verwirrt herumgelaufen bin, finde ich die Haltestelle auch, eine Ebene über mir. Von übereinanderliegenden Ebenen ahnt Google Maps nichts. Ich zeige dem Fahrer mein Papierticket und er deutet auf den Scanner. Ich halte das Ticket an verschiedene Stellen des Scanners und es funktioniert, obwohl auf dem Ticket weder ein QR-Code noch ein Barcode noch ein Magnetstreifen ist. Es muss aber wohl doch was im Inneren des Papiertickets existieren, man kann es erahnen, wenn man es gegen das Licht hält.
Später freigelegt: das RFID-Innenleben des Tickets
Als ich in Amsterdam Sloterdijk in den nächsten Bus einsteige, lehnt der Scanner dasselbe Ticket ab. Ich gucke den Busfahrer fragend an. Er lässt sich das Ticket zeigen und sagt, dass es hier nicht mehr gilt. Stadtgebiet Amsterdam mein Arsch! Beziehungsweise ist der wahrscheinlich sogar größer!
Ich frage den Busfahrer, was es sonst noch so für Optionen gibt. Er fragt, ob ich eine Kreditkarte oder so was habe. Er sagt Kreditkarte, nicht irgendwas vor fünfzehn Jahren Ausgestorbenes. Ich muss die Kreditkarte nur an den Scanner halten. "Muss ich dann auch wieder auschecken?", frage ich, denn erstens hatte ich schon mal eine physische OV-chipkaart, und zweitens können die Kreditkarte und der Scanner ja nicht wissen, wie weit ich fahren will. Ja, sagt der Busfahrer, man muss auch auschecken.
Man braucht nur beim Einsteigen und Aussteigen die Kreditkarte an den Scanner zu halten. Ohne App, ohne Anmeldung, ohne alles. Das Handy ginge auch. Das war es, was mir die OVpay-Seite sagen wollte, ich wollte es nur nicht glauben, weil es zu einfach wirkte. Kann ja niemand ahnen, dass es Verkehrsbetrieben auch manchmal gelingt, etwas Unkompliziertes in die Welt zu setzen. Vorausgesetzt, man denkt ans Auschecken.
Update: Auf dem Rückweg im November kann ich es dann, fühle mich dabei sehr einheimisch und finde außerdem heraus, dass das Verfahren keine privaten Daten erhebt oder Bewegungsprofile erstellt. Man wird trotz Kreditkartengebrauch anonymisiert. Das finde ich sehr gut.
(Kathrin Passig)













