„Der Markt ist die Instanz, welche die Aufspaltung der gesellschaftlichen Gesamtarbeit in spezialisierte Einzeltätigkeiten ermöglicht, weil sie diese Einzeltätigkeiten in bestimmter Kombination und Proportion erzwingt. Nur vom Markt und durch ihn leben die Menschen, seit ihnen ihrer Vielzahl wegen der Rückweg versperrt ist, im Notfall wieder autark, also Selbstversorger zu werden. […] Es ist nicht die Herrschaft von Menschen über Menschen, sondern es herrscht ein Sachzusammenhang über die Menschen, der von ihnen selbst geschaffen worden ist.“
brand eins: Weshalb nennen Sie die westliche Empörung über die Arbeitsbedingungen in chinesischen Kohlegruben oder beim chinesischen Apple-Lieferanten Foxconn "verlogen"?
Pohrt: Gut, dass Sie Foxconn erwähnen. Ich zitiere aus der "Süddeutschen Zeitung": "Seit Anfang des Jahres haben sich 20 Mitarbeiter von France Télécom das Leben genommen, im Schnitt jeden Monat mehr als zwei. Hinzu kommen weitere zwölf Selbstmordversuche seit Februar 2008." (20. August 2009). "Die aufsehenerregende Selbstmordserie unter Mitarbeitern des französischen Telekomriesen France Télécom hat einen neuen dramatischen Höhepunkt erreicht. Am Dienstag verbrannte sich ein Beschäftigter auf dem Parkplatz einer Unternehmensniederlassung bei Bordeaux. Für den 57 Jahre alten Mann sei jede Hilfe zu spät gekommen, teilte das Unternehmen mit." (26. April 2011). Muss ich das kommentieren? Ich glaube nicht.
brand eins: Das ändert aber nichts an den Verhältnissen in asiatischen Sweatshops. Werden die akzeptabel, nur weil France Télécom möglicherweise auch schlecht mit seinen Mitarbeitern umgeht?
Pohrt: Sie verniedlichen Arbeitsbedingungen, die Menschen kaputt machen, zu einer Frage des Benehmens. Solche Bedingungen gehören zum Kapitalismus, nicht zur Globalisierung. Zur Globalisierung gehört, solche Arbeitsbedingungen in fernen Ländern anzuprangern, nicht daheim, damit die Kritik folgenlos bleibt.
- Wenn die Maus den Elefanten tritt , Wolfgang Pohrt im brand eins Interview
Ich glaube, daß der Berliner Häuserkampf, weil er unter dem Namen >>Instandbesetzung<< stattgefunden hat, so etwas wie ein Aufstand der Heinzelmännchen gewesen war, eine Mischung aus freiwilligem Arbeitsdienst und Rebellion. Ich glaube ferner, daß der Instandbesetzer fürs eigene und noch mehr fürs allgemeine Bewußtsein, für die Öffentlichkeit eine Synthese aus Barrikadenkämpfer und Trümmerfrau verkörpert hat, und mit dieser Doppeldeutigkeit erkläre ich die gespaltene Reaktion, auf welche die Hausbesetzer bei den Behörden und bei der Bevölkerung gestoßen sind.
Die Trümmerfau durfte sich im Fernsehen mit prominenten Berufspolitikern zanken, die verständnisvolle, geduldige und fast schuldbewußte Gesichter machten. Unterdessen wurde der Barrikadenkämpfer auf der Straße von der Polizie schikaniert und verprügelt, die niemand anders kommandiert, als jene verständnisvollen Berufspolitiker
[...]
Die Trümmerfrau war eine Figur, welche die Bevölkerung ohne dazuzulernen, begreifen, mit der sie sich identifizieren konnte. Instandbesetzung ist in Berlin nämlich nicht der Ausnahmefall, sondern Alltag. In keiner Stadt gibt es so viele Geschäfte für Tapete, Auslegewaren, Bastlerbedarf usw. Vielleicht, weil viele Wohnungen schlecht sind, aber kaum deshalb allein, wird in dieser Stadt in der Freizeit überall renoviert, eine Dusche installiert, ein Hochbett gezimmert, eine Wand eingerissen. Es wirkt im Verborgenen ein unerhört emsiger Aufbauwille, unter dem man fast immer zu leiden hat, wenn man hier Bekannte besucht, teils, weil man dauernd in irgendwelche Bauarbeiten hineinplatzt, teils, weil man gezwungen ist, das vollendete Werk zu bewundern.
[...]
Mit einer Jugend, die sich nicht mehr für Che Guevara oder die Revolution interessierte, auch nicht für die Stones oder die Beatles, sondern dafür, wie man ein Waschbecken fachgerecht befestigt - mit einer solchen Jugen konnte der Bürger reden, er konnte ihr sogar helfen, was fürs Selbstbewußtsein noch wichtiger war, und schließlich: er brauchte sich vor dieser Jugend nicht mehr schämen, schämen darüber, daß er mit seinem Heimbohrer wie ein Goldhamster im Käfig rotiert.
»Die patriotische Gesinnung der deutschen Friedensbewegung, die den Weltkrieg verhindern will, um das bedrohte kleine Vaterland vor der Verwüstung durch die Supermächte zu retten, ähnelt logisch ein wenig der Absicht eines Schiffbrüchigen, der das Meer austrinken will, weil er nicht schwimmen kann. Die Friedensbewegung behauptet einerseits, speziell Deutschland sei das willenlose Objekt, das designierte Opfer, die Geisel und das atomare Schlachtfeld der Supermächte. Und sie schlußfolgert daraus: eben deshalb hätten die Deutschen ein besonderes Interesse und eine besondere Verpflichtung, den Weltkrieg zu verhindern. So unterstellt die Friedensbewegung stillschweigend andererseits, noch immer würde über den Weltfrieden maßgeblich in Deutschland mitentschieden, was nur heißen kann: Deutschland ist trotz der Niederlage in zwei Weltkriegen Dreh-, Angel- und Mittelpunkt der Weltgeschichte geblieben, ist noch immer der Schicksalsort, an dem sich Wohl und Wehe der ganzen Menschheit entscheidet. Aus der pathetisch beschworenen besonderen Bedrohung der Deutschen erwächst diesen gewissermaßen eine besondere Verantwortung und eine besondere historische Heilsmission: die Deutschen an die Friedensfront, diesmal, um die Welt nicht vor der roten oder gelben Gefahr, sondern vor dem Atomkrieg zu retten. Schon immer lagen Verfolgungs- und Größenwahn dicht beieinander. [...]
Um die Widersprüchlichkeit der Friedensbewegung deutlich werden zu lassen, ihre Ambivalenz, genügt es bereits, die Prämissen, welche sie voraussetzt, mit den politischen Schlußfolgerungen zu konfrontieren, welche sie aus diesen Prämissen zieht.
Gesetzt also den Fall, es wäre so, wie die Friedensbewegten meinen: die ohnmächtigen deutschen Teilstaaten seien von den Supermächten als Spielwiese auserkoren, praktisch die ganze Welt habe sich gegen Deutschland verschworen, das Land sei wieder einmal restlos eingekesselt, umzingelt und umstellt und seine Vernichtung, wenn nicht gar ausdrücklich geplant, so doch stillschweigend in die strategischen Überlegungen einbezogen. Gesetzt den Fall also, es gäbe tatsächlich den von der Friedensbewegung unterstellten Interessengegensatz zwischen einerseits Deutschland und andererseits den großen Machtblöcken, also einen Interessengegensatz zwischen Deutschland und dem Rest der Welt: dann müßten die Deutschen, wären sie ernstlich daran interessiert, mit dem Leben davonzukommen, angesichts dieser überwältigenden Übermacht alle Anstrengungen unternehmen, um den Interessengegensatz zwischen sich und dem Rest der Welt überzeugend zu verleugnen; dann müßten sie, schwach, wie sie doch angeblich sind, gerade nicht egoistisch aufs eigene nationale Interesse pochen, sondern stattdessen auf eine universelle Vernunft und Humanität. Sie müßten bemüht sein zu zeigen, daß die Verhinderung der Nachrüstung und die Reduzierung von Kernwaffen ganz allgemein nicht nur, nicht einmal vorwiegend im ohnmächtigen deutschen Interesse liegt, sondern daß Nachrüstungsverzicht und Abrüstung im Interesse derer liegen, welche die Macht besitzen, ihren Interessen Geltung zu verschaffen, also im Interesse der Sowjetunion und der Vereinigten Staaten.
Gerade den umgekehrten Weg geht die deutsche Friedensbewegung, was nur heißen kann, daß sie entweder den von ihr beschworenen Untergang in Wahrheit ersehnt, oder daß sie ihre eigenen Prämissen nicht glaubt und etwas ganz anderes als den Frieden möchte. Niemand, der am Leben hängt, wird den, der ihn mit einer Pistole bedroht, ernsthaft dadurch umstimmen wollen, daß er über die Schmerzhaftigkeit und Gefährlichkeit von Schußverletzungen klagt. Sondern er wird dem Täter erklären, daß ihn lebenslänglich Zuchthaus erwartet, und daß es also in seinem Interesse, und nicht nur in dem des Opfers liegt, von der beabsichtigten Tat zu lassen.«
— Wolfgang Pohrt: Lebensschutz und Nationalpolitik. Motive, Ziele und Geschichtsbild der Ökologie- und Friedensbewegung, in: Initative Sozialistisches Forum: Frieden – je näher man hinschaut desto fremder schaut es zurück. Zur Kritik einer deutschen Friedensbewegung, Freiburg 1984.
Wolfgang Pohrt war der wichtigste Kritiker der westdeutschen Linken. In der größer gewordenen BRD ist er immer mehr verstummt. Seine gesamme
Meueler: Konstant ist aber seine Kritik am Genozidbegriff, den damals die Friedensbewegung ebenso bemüht hat wie heute die Palästina-Solidarität. Für ihn gilt der Genozidbegriff für den industriellen Massenmord an den Juden und sonst eben nicht. Diese Kritik scheint mir von der Linken nicht reflektiert worden zu sein.
Kannapin: Welch ein Wunder, dann müsste man ja nachdenken. Und vor allen Dingen ist gerade die Inflationierung dieser Art von Begriffen wie Genozid und Ähnlichem ein ganz klarer Ausweis, dass wir mitten in der Barbarei sind, weil eben diese Reflexionsebene fehlt. Wie Klaus schon gesagt hat: Heute gibt es genügend Anlässe für große Debatten, aber die Debatten finden nicht statt.
Meueler: Immer wenn die Feuilletons von Debatten sprechen, sind es keine.
Hayner: Es gibt diese interessante Bemerkung von Pohrt, dass die großen Feuilletons auf die Finanzkrise 2008 mit Debatten über Alternativen zum Kapitalismus reagierten. Und er fragte: Warum fangen die jetzt damit an? Das ist nach Pohrt ganz einfach: Sie wissen selber, dass es keine Alternative zum Kapitalismus gibt oder dass diese unter den jetzigen gesellschaftlichen Bedingungen zumindest nicht von den Debatten, die im Feuilleton geführt werden, abhängt. Diese Debatten haben also etwas zutiefst Illusionäres. Illusionspflege und Bekenntnisrituale ist Pohrt immer direkt angegangen, und das völlig zu Recht.
[...]
Kannapin: Wenn Autoren zu Werkausgaben und damit zu Klassikern werden, dann ist nicht die Frage, was Pohrt heute gedacht hätte, sondern: Wie kann man ihn als Denkhilfe benutzen?
In den 80er Jahren war der Soziologe und Publizist Wolfgang Pohrt der wichtigste Ideologiekritiker der westdeutschen Linken, der er nationalistische, autoritäre und antisemitische Tendenzen vorwarf. Dafür wurde er gehasst: Robert Jungk bezeichnete ihn als »verwirrten Typen«, der mit seiner »Aggressivität« nicht fertig werde; für Reinhard Mohr war er ein »deutscher Apokalyptiker«, und Hermann L. Gremliza nannte ihn einen »bürgerlichen Marxisten«. Er kam von der Kritischen Theorie und wollte aber lieber als Journalist als an der Universität arbeiten.
Nach dem Mauerfall untersuchte er in zwei Studien das »Massenbewusstsein« der Deutschen (»Der Weg zur inneren Einheit«) und »Die Menschen im Zeitalter ihrer Überflüssigkeit« (»Brothers in Crime«) und zog sich sukzessive aus der Öffentlichkeit zurück. Er starb am 21. Dezember 2018 im Alter von 73 Jahren nach langer Krankheit. In der Edition Tiamat sind seine Werke in 13 Bänden erschienen – in ihrem blauen Einband sehen sie aus wie die von Marx und Engels.
[...]
Bittermann: Pohrt hatte als wissenschaftlicher Mitarbeiter einen total lockeren Job, aus heutiger Perspektive traumhaft. Er musste keinerlei Organisation und Bürokratie bewältigen und hatte die »Ein-Tage-Woche«, wie er mir mal schrieb, erfunden: Von Hannover bzw. Berlin nach Lüneburg fahren, das Seminar halten, dann wieder zurückfahren, und der Rest der Woche war frei. Aber er fand es deprimierend, in Lüneburg zu arbeiten vor Studenten, die mit der Kritischen Theorie nichts mehr anfangen konnten, von der er ja geprägt war. Doch ich kenne tatsächlich Leute, die sogar aus Hamburg nach Lüneburg angereist sind, um dort seine Seminare zu besuchen. Das heißt: Er ist als Wissenschaftler schon damals aufgefallen. Doch er hat die Uni als Ort empfunden, an dem man nichts bewirken kann. Er hätte ohne Probleme Professor werden können, das wurde ihm mehr oder weniger sogar angeboten. Aber er hat die Uni gehasst, vor allen Dingen seine Kollegen.
Hayner: Es gibt bei Pohrt etwas spezifisch Antiakademisches. Wenn man allein an seine Dissertation denkt, die »Theorie des Gebrauchswerts« – die legt direkt gegen die Professoralform des Marxismus los. Später gibt es Polemiken zum Staatsfeind auf dem Lehrstuhl, wo Pohrt sich dazu äußert, warum Adorno auf einem Lehrstuhl gelandet und warum das etwas anderes ist, als wenn seine gesamte Schülerschaft glaubt, sie müsse naturgemäß auch auf einem Lehrstuhl landen. Da gibt es eine große Abneigung dagegen, die Kritik zu institutionalisieren. Denn dann ist sie auch eingesperrt. Kritische Akademie heißt ja eben auch: Wirkungslosigkeit zu akzeptieren als eine Voraussetzung dafür, sein eigenes Zeug machen zu können.
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Bittermann: Für Pohrt nicht. Man hat seinen Texten immer angesehen, worauf die rekurrieren und worauf die gründen. Christoph Türke hat damals gesagt, was er an Pohrt wirklich so bewundert habe, war, dass er es verstanden habe, die Theorie der Frankfurter Schule auf den Journalismus anzuwenden, ohne dass viel verloren gegangen sei. Das war die Kunst, und das war anspruchsvoller Journalismus, wo einem ansonsten meist nur Halbwissen angeboten wird.
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Bittermann: Jakob, du hast in der »Welt«, als du Pohrts Briefe besprochen hast, die als letzter Band in der Pohrt-Ausgabe erschienen sind, gefragt: Was würde Pohrt heute sagen? Ich finde aber, dass Pohrt auf die heutige Zeit nicht so einfach anzuwenden ist. Für Pohrt hat immer der Grundsatz gegolten, dass die Wahrheit einen zeitlichen Kern hat. Was wahr ist, ist also davon abhängig, wie die gesellschaftlichen Verhältnisse sich entwickeln. Und die sind heute anders als in den 90er oder nuller Jahren. Die Ausländerverfolgung, die Pogrome Anfang der 90er, gab es später nicht mehr in dem Maße, wie Pohrt 2004 in »FAQ« schrieb. Zu diesem Zeitpunkt wurde die Ausländerverfolgung praktisch zur Staatsräson, als Schröder den »Aufstand der Anständigen« ausrief. In diesem Moment geht es dann darum zu fragen: Was steckt hinter dieser Politik? Das heißt nicht, dass Pohrt die vorhandene Ausländerfeindlichkeit geleugnet hätte, aber in dem Moment, wo der Staat, sich dieses Problems annimmt, geht es für einen Soziologen um andere Fragestellungen. Die Haltung, grundsätzlich misstrauisch gegen den Mainstream zu sein, die Pohrt auszeichnete, hätte für ihn heute vermutlich keinen Bestand mehr, denn der sich austobende Antisemitismus angesichts der Tatsache, dass sich Israel zur Wehr setzt, hätte ihn vermutlich ziemlich in Rage versetzt. Es ist also falsch, Pohrt vorzuwerfen, er habe seine Meinung wie seine Hemden gewechselt.
Kannapin: Das würde ich mittlerweile komplett anders sehen. Ich habe 2012 eine Polemik gegen seinen Band »Kapitalismus forever« geschrieben und fand, da sei er hinten runtergefallen, habe sozusagen seinen Frieden mit allen gemacht. Wenn man das aber im Nachhinein noch mal liest, dann stellt man fest, dass sich an Pohrts Grundpositionen nicht viel geändert hat. Nur die Sachlage ist eine andere. Er weiß nicht mehr, mit wem er kämpfen soll, also muss er sehen, wie er sich selber positioniert. Das gilt auch für »Das allerletzte Gefecht«: Man muss seine späteren Texte lesen, um dann auf seine früheren zurückzukommen. Und natürlich hätte er in so einer Kriegssituation wie jetzt nicht geschwiegen, da bin ich mir ziemlich sicher.
Hayner: Noch mal zur Frage »Was würde Pohrt heute sagen?«. Er hatte in den 80ern an der Friedensbewegung einiges auszusetzen, hat sie als »deutschnationale Erweckungsbewegung« bezeichnet. Wenn aber heute die Massen mit ihren Ukraine-Fähnchen wedeln und ihre Instagram-Profile damit schmücken, dann sind sich alle einig, dass, wer vom Frieden redet, als Putinist, mindestens als Friedensschwurbler zu gelten habe. Die marode Friedensbewegung ist nun keine nationale Erweckungsbewegung mehr, sondern nationales Feindbild. Deshalb kann man nicht sagen: 1982 gilt derselbe Pohrt wie 2023. Das Pohrt’sche Denken bietet uns trotzdem die Kategorien und die Begriffe und irgendwie auch den nötigen Schmiss, den nationalen Konsens zu analysieren: Heute ist nicht die Kriegsgegnerschaft, sondern die Kriegsbefürwortung tonangebend. Wer für den Frieden ist, kann nicht mehr für den Westen und für die Freiheit und was auch immer sein. In nahezu allen politischen Fragen heute gibt es im Großen und Ganzen nur Zustimmung. Und die geht bis zu dem Flügel der Linken oder der Regierung, der alles mitmacht, aber immer mit Bauchschmerzen. Abschiebung und Aufrüstung mit Bauchschmerzen.
Meueler: Konstant ist aber seine Kritik am Genozidbegriff, den damals die Friedensbewegung ebenso bemüht hat wie heute die Palästina-Solidarität. Für ihn gilt der Genozidbegriff für den industriellen Massenmord an den Juden und sonst eben nicht. Diese Kritik scheint mir von der Linken nicht reflektiert worden zu sein.
Ob den Linken das heute gefällt oder nicht: Sie waren früher alle Marxisten. Zumindest hat keiner gegen dies Etikett protestiert. Hätte er, würde man ihn kennen, denn er wäre aufgefallen. Also gab es nur Überzeugte und Mitläufer. Mitläufer ist man, wenn man unter Bedingungen schweigt, wo Schweigen Zustimmung bedeutet. Schweigen bedeutet Zustimmung dann, wenn politisch Nahestehende laut und vehement eine Meinung vertreten. Heute sind die vielen Marxisten alle verschwunden.
Erinnert ihr ungeklärter Verbleib nicht an diverse andere Wunder? Als die Alliierten Nazi-Deutschland erobert hatten, fanden sie dort nur Demokraten vor. Als der Staat gegen die RAF mobil machte, hatten die Befürworter revolutionärer Militanz sich in Gegner jedweder Anwendung von Gewalt verwandelt.
Als es nur Marxisten gab, unterschied man zwischen schlechten Marxisten und guten. Die schlechten waren die anderen: dogmatisch, dumm, autoritär. Sie hingen am Gängelband der KPdSU oder der DKP. Die guten standen in der Tradition von Bloch, Adorno, Horkheimer, Marcuse, Trotzki, Rosa Luxemburg. Sie fühlten sich einsam, schutzlos und verlassen, denn sie besaßen auf dieser Welt außer ihren Büchern keinen Freund und statt eines großen Feindes zwei. Feind Nr. 1 war das Kapital im Westen, Feind Nr. 2 waren die spätstalinistischen Machthaber im Osten.
Oder trug der Intellektuelle, der den tragischen Helden spielte, den Hauptfeind in der eigenen Brust? War es der Zweifel des Zauderers bei der Pferdewette? Die Ungewißheit, welcher Gaul gewinnt? Auf welchen Herrn man setzen sollte? Welcher der beiden Herren der mächtigere war?
Die verabscheuten Machthaber im Osten sind weg. Schön für den besseren Marxismus, sollte man denken. Jetzt kann er richtig loslegen und seine ganze Energie auf die Kritik des Kapitals konzentrieren. Aber keine Spur davon. Mit den schlechten Marxisten sind auch die guten verschwunden. Alle verzichten darauf, Marxsche Begriffe überhaupt noch zu verwenden. Man nimmt sie nichtmal mehr in den Mund. Worte wie Ausbeutung, Mehrwert, Klassenkampf, Revolution, Imperialismus, entfremdete Arbeit, Kapital empfindet man fast als peinlich. Warum wird dieser Umstand nicht als erklärungsbedürftig empfunden?