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Ich glaube, daß der Berliner Häuserkampf, weil er unter dem Namen >>Instandbesetzung<< stattgefunden hat, so etwas wie ein Aufstand der Heinzelmännchen gewesen war, eine Mischung aus freiwilligem Arbeitsdienst und Rebellion. Ich glaube ferner, daß der Instandbesetzer fürs eigene und noch mehr fürs allgemeine Bewußtsein, für die Öffentlichkeit eine Synthese aus Barrikadenkämpfer und Trümmerfrau verkörpert hat, und mit dieser Doppeldeutigkeit erkläre ich die gespaltene Reaktion, auf welche die Hausbesetzer bei den Behörden und bei der Bevölkerung gestoßen sind.
Die Trümmerfau durfte sich im Fernsehen mit prominenten Berufspolitikern zanken, die verständnisvolle, geduldige und fast schuldbewußte Gesichter machten. Unterdessen wurde der Barrikadenkämpfer auf der Straße von der Polizie schikaniert und verprügelt, die niemand anders kommandiert, als jene verständnisvollen Berufspolitiker
[...]
Die Trümmerfrau war eine Figur, welche die Bevölkerung ohne dazuzulernen, begreifen, mit der sie sich identifizieren konnte. Instandbesetzung ist in Berlin nämlich nicht der Ausnahmefall, sondern Alltag. In keiner Stadt gibt es so viele Geschäfte für Tapete, Auslegewaren, Bastlerbedarf usw. Vielleicht, weil viele Wohnungen schlecht sind, aber kaum deshalb allein, wird in dieser Stadt in der Freizeit überall renoviert, eine Dusche installiert, ein Hochbett gezimmert, eine Wand eingerissen. Es wirkt im Verborgenen ein unerhört emsiger Aufbauwille, unter dem man fast immer zu leiden hat, wenn man hier Bekannte besucht, teils, weil man dauernd in irgendwelche Bauarbeiten hineinplatzt, teils, weil man gezwungen ist, das vollendete Werk zu bewundern.
[...]
Mit einer Jugend, die sich nicht mehr für Che Guevara oder die Revolution interessierte, auch nicht für die Stones oder die Beatles, sondern dafür, wie man ein Waschbecken fachgerecht befestigt - mit einer solchen Jugen konnte der Bürger reden, er konnte ihr sogar helfen, was fürs Selbstbewußtsein noch wichtiger war, und schließlich: er brauchte sich vor dieser Jugend nicht mehr schämen, schämen darüber, daß er mit seinem Heimbohrer wie ein Goldhamster im Käfig rotiert.
Wolfgang Pohrt - Rebellion der Heinzelmännchen
Ob den Linken das heute gefällt oder nicht: Sie waren früher alle Marxisten. Zumindest hat keiner gegen dies Etikett protestiert. Hätte er, würde man ihn kennen, denn er wäre aufgefallen. Also gab es nur Überzeugte und Mitläufer. Mitläufer ist man, wenn man unter Bedingungen schweigt, wo Schweigen Zustimmung bedeutet. Schweigen bedeutet Zustimmung dann, wenn politisch Nahestehende laut und vehement eine Meinung vertreten. Heute sind die vielen Marxisten alle verschwunden.
Erinnert ihr ungeklärter Verbleib nicht an diverse andere Wunder? Als die Alliierten Nazi-Deutschland erobert hatten, fanden sie dort nur Demokraten vor. Als der Staat gegen die RAF mobil machte, hatten die Befürworter revolutionärer Militanz sich in Gegner jedweder Anwendung von Gewalt verwandelt.
Als es nur Marxisten gab, unterschied man zwischen schlechten Marxisten und guten. Die schlechten waren die anderen: dogmatisch, dumm, autoritär. Sie hingen am Gängelband der KPdSU oder der DKP. Die guten standen in der Tradition von Bloch, Adorno, Horkheimer, Marcuse, Trotzki, Rosa Luxemburg. Sie fühlten sich einsam, schutzlos und verlassen, denn sie besaßen auf dieser Welt außer ihren Büchern keinen Freund und statt eines großen Feindes zwei. Feind Nr. 1 war das Kapital im Westen, Feind Nr. 2 waren die spätstalinistischen Machthaber im Osten.
Oder trug der Intellektuelle, der den tragischen Helden spielte, den Hauptfeind in der eigenen Brust? War es der Zweifel des Zauderers bei der Pferdewette? Die Ungewißheit, welcher Gaul gewinnt? Auf welchen Herrn man setzen sollte? Welcher der beiden Herren der mächtigere war?
Die verabscheuten Machthaber im Osten sind weg. Schön für den besseren Marxismus, sollte man denken. Jetzt kann er richtig loslegen und seine ganze Energie auf die Kritik des Kapitals konzentrieren. Aber keine Spur davon. Mit den schlechten Marxisten sind auch die guten verschwunden. Alle verzichten darauf, Marxsche Begriffe überhaupt noch zu verwenden. Man nimmt sie nichtmal mehr in den Mund. Worte wie Ausbeutung, Mehrwert, Klassenkampf, Revolution, Imperialismus, entfremdete Arbeit, Kapital empfindet man fast als peinlich. Warum wird dieser Umstand nicht als erklärungsbedürftig empfunden?
Wolfgang Pohrt - Kommunismus oder Barbarei
brand eins: Weshalb nennen Sie die westliche Empörung über die Arbeitsbedingungen in chinesischen Kohlegruben oder beim chinesischen Apple-Lieferanten Foxconn "verlogen"?
Pohrt: Gut, dass Sie Foxconn erwähnen. Ich zitiere aus der "Süddeutschen Zeitung": "Seit Anfang des Jahres haben sich 20 Mitarbeiter von France Télécom das Leben genommen, im Schnitt jeden Monat mehr als zwei. Hinzu kommen weitere zwölf Selbstmordversuche seit Februar 2008." (20. August 2009). "Die aufsehenerregende Selbstmordserie unter Mitarbeitern des französischen Telekomriesen France Télécom hat einen neuen dramatischen Höhepunkt erreicht. Am Dienstag verbrannte sich ein Beschäftigter auf dem Parkplatz einer Unternehmensniederlassung bei Bordeaux. Für den 57 Jahre alten Mann sei jede Hilfe zu spät gekommen, teilte das Unternehmen mit." (26. April 2011). Muss ich das kommentieren? Ich glaube nicht.
brand eins: Das ändert aber nichts an den Verhältnissen in asiatischen Sweatshops. Werden die akzeptabel, nur weil France Télécom möglicherweise auch schlecht mit seinen Mitarbeitern umgeht?
Pohrt: Sie verniedlichen Arbeitsbedingungen, die Menschen kaputt machen, zu einer Frage des Benehmens. Solche Bedingungen gehören zum Kapitalismus, nicht zur Globalisierung. Zur Globalisierung gehört, solche Arbeitsbedingungen in fernen Ländern anzuprangern, nicht daheim, damit die Kritik folgenlos bleibt.
- Wenn die Maus den Elefanten tritt , Wolfgang Pohrt im brand eins Interview
Das Recht auf nationale Autonomie und staatliche Souveränität ist nur ein anderer Name für das Unrecht, Leute zu schikanieren, auszuweisen, abzuschieben mit der Begründung, daß sie den falschen Paß oder die falsche Geburtsurkunde besäßen, und dieses Unrecht ist keine Verfälschung der Nationalstaatsidee, sondern ihr - bisweilen durch die Toleranz einsichtiger Menschen freilich gemildertes - Wesen.
Wolfgang Pohrt - Kreisverkehr, Wendepunkt