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CSD-Veranstalter: Parade wird politischer
Bunt, laut und auch ein bisschen schrill – aber nicht nur: Am Sonnabend zieht wieder die große Parade des Christopher Street Days (CSD) durch die Hamburger City. Schwule, Lesben, Bi- und Transsexuelle feiern, aber demonstrieren auch für ihre Rechte – in Erinnerung daran, dass sie 1969 in der Christopher Street in New York zum ersten Mal gegen Polizeigewalt auf die Straße gingen – sich zum ersten Mal wehrten. Seitdem ist auch in Hamburg viel geschehen. Stefan Mielchen, Erster Vorsitzender von Hamburg Pride, spricht im Interview über das diesjährige Motto, über schwule und lesbische Flüchtlinge und das politischen Profile der Parade.
1980 ist die Veranstaltung der Lesben und Schwulen in Hamburg noch politisch betonter als heutzutage – wie etwa mit einem Protest gegen den CSU-Politiker Franz-Josef Strauß, der 1970 in einem Zeitungsinterview sagte: „Ich will lieber ein kalter Krieger sein als ein warmer Bruder.“
Das Stonewall Inn in der St. Christopher Street in New York: Hier kommt es 1969 zu Auseinandersetzungen zwischen Schwulen und der Polizei. Um daran zu erinnern, findet 1970 die erste CSD-Parade statt.
Beim ersten CSD in Hamburg kommt es zu einer Prügelei zwischen Polizei und Aktivisten. Heute ist das Verhältnis entspannt.
Erste Dragqueens sind mit Rollschuhen, Perücken und in Frauenkleidern unterwegs: Gunther Schmidt (l.) als eine der ersten Dragqueens überhaupt und Schwulenaktivist Corny Littmann (M.), später Theater-Macher und Präsident des FC St. Pauli.
Auch 1982 demonstrieren die Aktivisten für wärmere Zeiten, gegen Paragrafen, die Homosexualität bestrafen und für „Liebe ohne Grenzen.“
1992 wird die Hamburger Stonewall-Demonstration in Christopher Street Day Parade umbenannt. Motto: „Das Wärmste am Norden“.
Weltreligionen werden beim CSD etwa 1995 auf die Schippe genommen. Die katholische Kirche hat das ehemals strikte Kondomverbot mittlerweile eingeschränkt.
1996: Biker-Power auf dem CSD. Der Bewegung geht es darum darzustellen, wie vielfältig die Szene sein kann.
2003 kommt mit einer Erfolgsbotschaft daher: Politiker können öffentlich zu ihrer Sexualität stehen…
… wie Hamburgs damaliger Bürgermeister Ole von Beust, hier beim CSD 2009.
Die Botschaft der Bewegung ist in der Politik angekommen. Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz ist 2011 dabei.
Nun soll die Bewegung auch im Profifußball der Männer ankommen. Deswegen hat die Veranstaltung 2011 eine sportliche Botschaft: Auch Fußball ist schwul.
Das Motto 2012: Die Hansestadt soll und kann stolz sein auf die von Schwulen und Lesben ausgehende Kultur.
Bis in die 80er-Jahre gab es in Hamburg Rosa Listen. Hier wurden mutmaßlich homosexuelle Bürger registriert. Eine Karriere als Lehrer mit einem solchen Eintrag damals – unmöglich. Heute ganz normal.
Nicht nur die nationale Situation der Schwulen und Lesben bewegt 2014 die Hamburger Szene – auch die Weltpolitik.
Sie steht für den Hamburger CSD wie kaum eine andere: Dragqueen Olivia Jones.
2014 kämpfen 15.000 Teilnehmer für Toleranz und Respekt. An den Straßen stehen 150.000 Menschen, um den Umzug durch die Hamburger Innenstadt zu begleiten.
Das diesjährige Motto der CSD-Parade lautet: „Normal ist, wer Menschen achtet“. Um was geht es Ihnen konkret?
Stefan Mielchen: Es geht nicht darum, einen Begriff von Normalität zu definieren. Das kann ja keiner. Es geht darum, darüber zu reden: Was soll und was kann normal sein. Und es geht vor allem um den Begriff der Achtung. Menschen zu achten, heißt, sie in ihrer Vielfalt zu respektieren, egal, wo sie herkommen und egal, wen sie lieben. Und das wollen wir in diesem Jahr mit diesem Motto ganz besonders transportieren, weil es noch Defizite in der deutschen Community gibt. Wir haben aber auch eine ganze Reihe von Menschen, die im letzten Jahr als Geflüchtete zu uns gekommen sind. Mit denen müssen wir uns ja auch arrangieren. Da prallen ganz unterschiedliche religiöse und kulturelle Prägungen aufeinander. Und da geht es darum zu verhandeln: Wie wollen wir eigentlich zusammen leben? Da ist die Achtung voreinander erst einmal das Allerwichtigste.
Hamburger CSD: „Normal ist, wer Menschen achtet“
In Hamburg gehen beim CSD wieder Schwule, Lesben, Bi- und Transsexuelle auf die Straße, um zu feiern, aber auch um ihre Rechte zu kämpfen. Stefan Mielchen erläutert das diesjährige Motto
Sie haben bereits abgestimmt.
Unter den vielen Flüchtlingen, die nach Hamburg kommen, sind auch Schwule und Lesben, die hier weiter gemobbt und diskriminiert werden. Wie kann man denen helfen?
Mielchen: Man kann ihnen helfen, indem man offen auf sie zugeht und sie aus ihrer Isolation herausholt. Da gibt es eine ganze Reihe von engagierten Menschen und Gruppen – auch in Hamburg. Im Konfliktfall kann man ihnen natürlich auch helfen, indem man ihnen Wohnraum zur Verfügung stellt, der sie außerhalb der Flüchtlingsunterkünfte sicher leben lässt. Das ist in dieser Woche passiert. Damit ist zum ersten Mal kurz vor einer CSD-Parade auch eine politische Forderung in die Tat umgesetzt worden. Hamburgs Sozialsenatorin ist ja auch gleichzeitig unsere Schirmherrin und hat darauf reagiert, dass wir im Vorfeld protestiert haben. Jetzt wird es sichere Unterkünfte in Kürze geben.
Schwule und lesbische Flüchtlinge werden morgen auch mitfeiern und mitdemonstrieren. Das ist ja für sie eine ganz neue Erfahrung.
Mielchen: Wir haben 15 Geflüchtete eingeladen, die aus ganz Deutschland zu uns kommen werden. Für manchen wird es das allererste Mal sein, an einer solchen Demonstration teilzunehmen. Das ist natürlich etwas ganz Besonderes. Es wird einen schwulen Mann geben, der im Vorfeld gesagt hat, dass er mit einer Maske mitlaufen werde, damit er nicht erkannt wird. Das zeigt zum einen, welche Probleme die Geflüchteten noch haben. Das zeigt aber auch, mit welcher Selbstverständlichkeit wir hier als Homosexuelle in Deutschland viele Dinge einfach schon gar nicht mehr zur Kenntnis nehmen.
Für Schlagzeilen sorgt bundesweit, dass die Türkische Gemeinde am Hamburger CSD teilnimmt. Das ist ja erst mal eine Funktionärsentscheidung. Was sagt das über die tatsächliche Wahrnehmung von Schwulen und Lesben in der türkischen und muslimischen Community?
Mielchen: Das muss man die Community selber fragen. Ich freue mich aber erst einmal sehr über dieses Zeichen, weil irgendwer den ersten Stein ins Wasser werfen muss. Dann wird es Wellen geben. Ich finde es sehr mutig von der Türkischen Gemeinde, dass sie diesen Schritt geht. Ich weiß auch, dass das intern nicht ganz unumstritten ist. Nebahat Güçlü, die Vorsitzende, hat dafür gekämpft. Sie hat es schon mal versucht. Jetzt ist sie dabei. Und da nehmen wir sie auch ganz herzlich auf und heißen sie willkommen. Sie wird ein Grußwort auf unserer Abschlusskundgebung sprechen. Dann wollen wir mal sehen, wo wir da anknüpfen können und was wir in Zukunft miteinander erreichen können.
In der Türkei selbst wird der CSD zusammengeprügelt. Da hätte man sich von der Türkischen Gemeinde auch mal ein klares Wort gewünscht, oder?
Mielchen: So ist es. In Istanbul ist in diesem und im vergangenen Jahr der CSD mit Tränengas und Gummigeschossen zusammengeknüppelt worden. Das ist eine unerfreuliche Entwicklung. Ich habe im vergangenen Jahr dem türkischen Generalkonsul in Hamburg einen Brief geschrieben und dagegen protestiert. Da ist nie eine Antwort gekommen. Ich glaube, die türkische Community ist auf unterschiedlichen Ebenen unterwegs. Wir müssen darüber einfach diskutieren. Es nutzt nichts, immer nur übereinander zu reden. Man muss auch miteinander sprechen.
Stimmt der Eindruck, dass der CSD in den vergangenen Jahren an politischem Profil gewonnen hat? Ende der 1990er Jahre und Anfang der 2000er war es ja mehr ein Karneval.
Mielchen: Ich glaube das schon. Es gibt eine größere Sensibilität und vor allem eine Ungeduld auch bei den Betroffenen – nämlich bei Schwulen und Lesben, die immer noch auf eine vollständige rechtliche Gleichstellung warten. Und auch das Attentat von Orlando hat da noch mal etwas bewirkt. Es gab eine sehr große Trauer auch hier in Hamburg. Es hat gezeigt, dass wir als Homosexuelle auch mal gemeint sind mit so einem schlimmen Anschlag, der uns treffen kann wie alle anderen. Das führt dann eben in diesem Jahr auch zu einer größeren Politisierung.
So eine Parade ist ja Zeichen westlicher Freiheit. Welche Rolle spielt nach den Nachrichten der vergangenen Wochen und Monate die Sicherheit?
Mielchen: Wir sind natürlich sensibilisiert durch das, was um uns herum geschieht. Aber wir lassen uns nicht verrückt machen. Sonst hätten die Terroristen schon ein erstes Ziel erreicht Wir sind in engem Austausch mit der Polizei, und die Polizei sagt uns, dass es keine Anhaltspunkte für irgendwelche Gefährdungen gibt. Deshalb gehe ich ganz entspannt am Samstag auf die Straße.
Der CSD ist auch eine große Party mit einem Straßenfest an der Binnenalster. Wie viele Heterosexuelle kommen da eigentlich?
Mielchen: Wir fragen ja nicht am Eingang ab, wer da so kommt und welche sexuelle Präferenz er hat, aber wir laden alle ein, und ich würde mir wünschen, dass sich auch schon bei der Demonstration das Verhältnis umkehrt: Wir haben ungefähr 150.000 Zuschauerinnen und Zuschauer an der Strecke und 15.000 Teilnehmer bei der Parade. Umgekehrt wäre es eigentlich viel, viel besser: Wenn sich die Heteros unsere Themen auch zu eigen machen würden und sagen: Da stehen wir genauso dahinter und marschieren mit.
Das Interview führte Daniel Kaiser.
Dieses Thema im Programm:
NDR 90,3 | Abendjournal | 05.08.2016 | 19:00 Uhr
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