Kojèves Ende der Geschichte
"In einer Fußnote zu seinen Vorlesungen erläuterte er 1946, als eine Allparteien-Koalition der Résistance Frankreichs Zugehörigkeit zur siegreichen Anti-Hitler-Koalition verbürgte, seine Interpretation eines Endes der Geschichte in der Zukunft — die stalinistische Aktualisierung war entfallen und durch einen Verweis auf Marxens Perspektive eines künftigen ‘Reichs der Freiheit’ zurückgenommen. Die Perspektive war historisch optimistisch auf den ‘Weltmythos’ der Industrialisierung und philosophisch depressiv auf die Animalisierung der Menschheit in Frieden und Überfluß (d. h. ohne Kampf und Arbeit) gerichtet:
'Das Verschwinden des Menschen am Ende der Geschichte ist also keine kosmische Katastrophe: die natürliche Welt bleibt, was sie von aller Ewigkeit her ist. Und es ist ebensowenig eine biologische Katastrophe: der Mensch bleibt als Tier am Leben, das im Einklang ist mit der Natur und dem Seienden. Was verschwindet ist der Mensch im eigentlichen Sinn, d.h. das das Seiende negierende Handeln und der Irrtum oder, ganz allgemein, der gegensatz von Subjekt und Objekt. Das Ende der menschlichen Zeit oder der Geschichte, d.h. der endgültigen Aufhebung des eigentlichen Menschen oder des freien geschichtlichen Individuums, bedeutet ja ganz einfach das Aufhören des Handelns im eigentlichen Sinn des Wortes. Das heißt praktisch: das Verschwinden der Kriege und blutigen Revolutionen. Und auch das Verschwinden der Philosophie; denn da der Mensch sich nicht mehr wesentlich selbst ändert, gibt es keinen Grund mehr, die (wahren) Grundsätze zu verändern, die die basis der Welterkenntnis und der Selbsterkenntnis bilden. Aber alles übrige kann sich unbegrenzt erhalten: die Kunst, die Liebe, das Spiel usw.; kurz, alles, was den Menschen glücklich macht.'
Zu dieser Fußnote fügte er als einzige Ergänzung der 2. Auflage 1960 eine weitere hinzu, welche die erste mangelnder Konsequenz zieh: ‘die post-historischen Tiere der Spezies homo sapiens’ seien nicht glücklich, sondern per definitionem zufrieden, weil auch der Logos, das Suchen nach der diskursiven Weisheit und diese Weisheit selbst verschwänden; statt dessen würden die posthistorische Tiere ‘nur noch durch bedingte Reflexe auf tönende und mimische Reflexe reagieren’. Und Kojève berichtete, daß bereits kurz nach der Abfassung des obigen Textes, nämlich 1948 (als auf dem Höhepunkt der amerikanischen Suprematie die europäische Linke vollends auseinanderbrach), begriffen habe, daß Hegel doch recht hätte und die Geshcichte mit der Schlacht von Jena zu Ende gegangen sei. Nun nannte er den ‘American way of life die typische Lebensweise der post-historischen Periode’.”
— Lutz Niethammer, Posthistoire. Ist die Geschichte zu Ende?, Rohwolt, 1989, S. 79 - 80.





