Das Zeitalter der Kosmopolitisierung
Politik, Medien und Sport tun so, als ob der Nationalstaat ewig bestehen müsste. In Wahrheit sind wir längst alle Weltbürger, gestehen es uns aber nicht ein. Höchste Zeit, sich über Chancen und Risiken Gedanken zu machen.
08.09.2013, von ULRICH BECK
Unsere Welt ist von radikalen sozialen Ungleichheiten gekennzeichnet. Am unteren Ende der Welthierarchie sind unzählige Menschen im Kreislauf von Hunger, Armut und Schulden gefangen. Von blanker Not getrieben, sind viele zu einem verzweifelten Schritt bereit. Sie verkaufen eine Niere, einen Teil ihrer Leber, eine Lunge, ein Auge oder auch einen Hoden. So entsteht eine Schicksalsgemeinschaft der ganz besonderen Art: Das Schicksal von Bewohnern der Wohlstandsregionen ist gekoppelt mit dem Schicksal von Bewohnern der Armutsregionen.
Für beide Gruppen geht es um Existentielles im Wortsinn, das Leben und Überleben. Was früher koloniale Landnahme war, vollzieht sich allerdings heute als „Körpernahme“, als transkontinentale Aneignung und Verteilung lebender Organe in der Spaltung der Welt zwischen Reichsten und Ärmsten.
Organhandel und biopolitischen Weltbürgertum
In einer empirischen Fallstudie zeigt die Anthropologin Nancy Scheper-Hughes, wie die Ausgeschlossenen der Welt, die wirtschaftlich und politisch Enteigneten - Flüchtlinge, Obdachlose, Straßenkinder, Migranten ohne Papiere, Häftlinge, alternde Prostituierte, Zigarettenschmuggler und Diebe -, Teile ihres Körpers an die Transplantationsmedizin liefern. In den Körperlandschaften der Individuen verschmelzen Kontinente, Rassen, Klassen, Nationen und Religionen. Muslimische Nieren reinigen christliches Blut. Weiße Rassisten atmen mit der Hilfe schwarzer Lungen. Der blonde Manager blickt mit dem Auge eines afrikanischen Straßenkindes auf die Welt.
Ein katholischer Bischof überlebt dank der Leber, die aus einer Prostituierten in einer brasilianischen Favela geschnitten wurde. Die Körper der Reichen verwandeln sich zu kunstvoll zusammengesetzten Patchwork-Arbeiten, die der Armen zu einäugigen beziehungsweise einnierigen Ersatzteillagern. Der stückweise Verkauf ihrer Organe wird so zur Lebensversicherung der Armen, in der sie einen Teil ihres körperlichen Lebens hingeben, um in Zukunft überleben zu können. Und als Resultat der globalen Transplantationsmedizin entsteht der „biopolitische Weltbürger“ - ein weißer, männlicher Körper, fit oder fett, in Hongkong, Manhattan oder Berlin, ausgestattet mit einer indischen Niere oder einem muslimischen Auge.
Der globale Arme ist zugleich in einem sehr spezifischen Sinne inkludiert und exkludiert. Er ist in unserer körperlichen Mitte - und nicht zuletzt deswegen kein „globaler Anderer“ mehr.
Siegeszug der weltweiten Kommunikationsmedien
In diesem Fall treten die Kennzeichen der Conditio humana am Beginn des 21. Jahrhunderts hervor. Die Gegensätze zwischen national und international, innen und außen, Wir versus die Anderen bleiben bestehen, aber werden doch vom Fortschreiten der Moderne überrollt. Sie lösen sich auf und verschmelzen zu neuen Formen. „Frische Nieren“, die von Körper zu Körper, vom globalen Süden in den globalen Norden transplantierten Organe, stellen kein Ausnahmebeispiel dar: Sie sind Symbol für eine umfassende Entwicklung. In der inneren Verbindung der radikal ungleichen Welten verwandeln sich Institutionen und Lebensbereiche - zum Beispiel Liebe, Elternschaft, Familie, Haushalt, Beruf, Erwerbsarbeit, Arbeitsmarkt, Fußball, Religion, Recht, Nation, Militär, Staat.
Das alltägliche Ineinander der Welten zeigt sich in den Regalen der Supermärkte und auf den Speisekarten der Restaurants; an der Sprachenvielfalt in den Klassenzimmern und Pausenhöfen der Schulen; an den weltweiten Auslandseinsätzen der deutschen Bundeswehr und ihrer Verwandlung zu einer internationalen Friedenstruppe; am Etikett „Made in Germany“, das oft ein Etikettenschwindel ist, weil das Produkt nicht made in Germany ist, sondern in globalisierten Produktionsketten und Billiglohnländern hergestellt wird; an der Champion-Liga der Fußballvereine wie Bayern München oder Real Madrid, die zutreffender „Bayern global“ oder „Real global“ heißen müssten.
Dieses alltägliche Ineinander der Welten vollzieht sich im Siegeszug der weltweiten Kommunikationsmedien von Internet, Skype, Facebook et cetera und durchzieht Kunst, Wissenschaften, Weltreligionen. Es bricht über uns herein in Form von Weltrisiken wie Klimawandel, Finanzkrise, Terrorbedrohung oder digitaler Datenausspähung (der abhörende Andere ist in unserer Mitte), denen eines gemeinsam ist: Sie unterstehen dem Gesetz des kosmopolitischen Imperativs „kooperieren oder scheitern“, das heißt, sie können nicht im nationalen Alleingang, sondern nur auf dem Weg der grenzübergreifenden Zusammenarbeit bekämpft werden.
Kollidierende Wahrheitsansprüche werden zum Brandsatz
Das Zeitalter der Kosmopolitisierung hat, wie gesagt, auch den Bereich des Religiösen erfasst. Während die Weltreligionen viele Jahrhunderte lang nebeneinander in je politisch-geographisch getrennten Räumen existierten, sind sie heute im eigentlichen Wortsinn zu Weltreligionen geworden, die im globalen Kommunikationsraum politisch explosiv aufeinandertreffen. Es entsteht eine Vielgötterei der Monogötter, die gleichzeitig in weiten Teilen des Westens auf aggressive Gleichgültigkeit und antireligiösen Säkularismus trifft.
© JULIA ZIMMERMANNEin Gastbeitrag des Soziologen Ulrich Beck
Der kosmopolitische Blick macht verstehbar, was ohne ihn unsichtbar bliebe: Es handelt sich bei diesem oft tödlichen Aufeinanderprallen religiöser und säkularer Gewissheiten nicht nur um einen Zusammenstoß gegensätzlicher Vorstellungen von Religion und Gott, sondern um die Kollision gegensätzlicher Wertvorstellungen von Freiheit. Wie ein muslimischer Demonstrant erklärt: „Wir denken nicht, dass die Verspottung des Propheten ein Zeichen der Freiheit ist. Wir denken genau umgekehrt, dass sie ein Angriff auf unsere Freiheitsrechte ist.“
Kosmopolitisierung meint hier also keineswegs: Wir alle sind oder werden Kosmopoliten. Es meint vielmehr: Der entfernte religiöse Andere ist in unserer Mitte. Durch die Vernetzung der Welten kollidieren die universellen Wahrheitsansprüche und werden zu einem Brandsatz, zum Weltrisiko.
Die größten und fruchtbarsten Kontroversen der europäischen Aufklärung sind mit der Idee des Kosmopolitismus verbunden - und in Vergessenheit geraten. „Der Patriotismus ist einseitig, klein, aber er ist praktisch, nützlich, beglückend, beunruhigend, der Kosmopolitismus ist herrlich, groß, aber für einen Menschen fast zu groß, der Gedanke ist schön, aber das Resultat für dieses Leben ist innere Zerrissenheit“, schreibt Heinrich Laube im Jahre 1876. Dagegen prophezeite zur selben Zeit Heinrich Heine, der sich selbst als eine Verkörperung des Kosmopolitismus sah, „dass dieser am Ende die allgemeine Gesinnung wird in Europa, und (...) mehr Zukunft hat, als unsere deutschen Volkstümler, diese sterblichen Menschen, die nur der Vergangenheit angehören“. Und er kritisierte den Nationalismus der Deutschen, der darin bestehe, „dass sein Herz enger wird, dass es sich zusammenzieht wie Leder in der Kälte, dass er das Fremdländische hasst, dass er nicht mehr Weltbürger, nicht mehr Europäer, sondern nur noch ein enger Deutscher sein will“.
Heute ist nicht mehr darüber zu streiten, ob der Patriotismus zu klein, aber praktikabel, der Kosmopolitismus dagegen großartig, aber kalt, elitär und unlebbar ist. Heute steht zur Diskussion, dass die Wirklichkeit selbst kosmopolitisch geworden ist. Mit Fernliebe, Weltfamilien und globalisierten Haushaltshilfen, mit der deutschen Bundeswehr, die zum militärischen Arm von Amnesty International geworden ist, mit der zunehmenden Ortspolygamie und dem Kollisionspunkt der Weltreligionen an allen Orten der Welt hat der Kosmopolitismus aufgehört, eine bloße, dazu noch umstrittene Vernunftidee zu sein.
Er ist, wie verzerrt auch immer, aus den philosophischen Luftschlössern aus- und in die Wirklichkeit eingewandert. Mehr noch: Er ist zur Signatur eines neuen Zeitalters geworden, des Zeitalters der Kosmopolitisierung. Nun benötigen wir für diese kosmopolitisch gewordene Welt dringend einen neuen Beobachterstandpunkt - den kosmopolitischen Blick -, um zu erkunden, in welcher gesellschaftlichen und politischen Wirklichkeit wir eigentlich leben und handeln.
Kosmopolitismus und Kosmopolitisierung
Es ist allerdings zentral, klar zwischen Kosmopolitismus und Kosmopolitisierung zu unterscheiden. Kosmopolitismus handelt von Normen, Kosmopolitisierung von Fakten. Kosmopolitismus im philosophischen Sinn, bei Immanuel Kant wie bei Jürgen Habermas, beinhaltet eine weltpolitische Aufgabe, die von oben, also Regierungen und internationalen Organisationen, oder von unten, etwa zivilgesellschaftlichen Akteuren, durchgesetzt wird.
Kosmopolitisierung dagegen vollzieht sich von unten und innen, im alltäglichen Geschehen, oft erzwungen, unbemerkt, ungewollt - selbst wenn weiterhin Nationalflaggen geschwenkt werden und Politiker die nationale Leitkultur ausrufen und den Tod des Multikulturalismus verkünden.
Wie tief geht der Epochenwandel, der einen anderen Blick auf die Welt fordert? Erleben wir vielleicht sogar eine neue Achsenzeit? Wir wissen es nicht. Einen Überblick gibt es nicht. Wir sind mittendrin im Handgemenge. Aber ein paar Einblicke und Ausblicke wollen wir doch bekommen. Die andere Art, das alltägliche Ineinander der Welten zu sehen, die soll „der kosmopolitische Blick“ eröffnen und erproben - eine Serie von Artikeln in dieser Zeitung.