25. Juni 2021
Leb wohl, skrupelloser Ablesevortrag, es hätte so schön sein können mit dir
Nachdem ich vor wenigen Tagen herausgefunden habe, wie man in Zoom eine Google-Slides-Präsentation teilen und dabei trotzdem noch die speaker notes sehen kann, findet der nächste Workshop, bei dem ich vortragen soll, natürlich nicht in Zoom statt, sondern in Webex. Am ersten Tag der Veranstaltung hat ein anderer Redner kurz Probleme beim Einrichten des Screensharing mit der Anzeige der eigenen Notizen, sagt dann aber “ah jetzt hab ich’s”. Ich sage schnell “die Lösung würde mich auch interessieren”, weil wir uns in der Pause befinden, aber alle haben gerade zu tun.
Ich teste das Screensharing dann wieder wie gehabt mit mir selbst, indem ich mich bei Webex anmelde, selbst ein Meeting starte und mich selbst in einem anderen Browser einlade. Ich sehe mich zweimal, die Ansichten sind so ähnlich wie “Meeting host (you)” und “Meeting co-host” beschriftet. Das Screensharing erweist sich als ganz einfach, es passiert im ersten Versuch genau das Gewünschte und ich freue mich im Redaktionschat darüber, dass das, was in Zoom schwierig ist, in Webex so einfach geht.
Am nächsten Tag werde ich von jemandem, der meine Frage gehört hat, eingeladen, mich etwas früher einzufinden, damit wir dieses Problem gemeinsam lösen können. Ich habe es zwar schon gelöst, bin aber trotzdem früher da, was sich als gut erweist, weil es heute nicht auf Anhieb, sondern erst nach etwas Gebastel klappt. Die anderen bestätigen mir, dass sie tatsächlich die Vollbildansicht der ersten Slide sehen, und mein Vortrag kann beginnen.
Nachdem ich etwa zehn Minuten über den Inhalt meiner Slides geredet habe, schaltet jemand aus dem Orgateam sein Mikro ein und teilt mir mit, dass alle anderen weiterhin nur den Titel meines Vortrags sehen. Ich habe in der “presenter view”-Ansicht munter weitergeklickt, aber in der Version, die die anderen sehen, ist nichts passiert.
Ein paar Minuten bastle ich herum und versichere währenddessen mehrfach, dass ich es wirklich vorher gründlich getestet habe! Das stimmt nicht ganz, denn genau die Frage, ob die Slides auch wirklich für alle weitergeklickt werden oder nur für mich, habe ich nicht überprüft. Wozu auch, das ist bisher noch nie das Problem gewesen.
Am Ende geht es dann irgendwie, dafür kann ich den Rest des Vortrags nicht mal die paar Bilder der Leute sehen, die mit eingeschalteten Kameras an der Veranstaltung teilnehmen. Hören kann ich sowieso niemanden, weil alle korrekt ihre Mikros ausgeschaltet haben, um störende Nebengeräusche zu vermeiden. Alle paar Minuten frage ich nach, ob überhaupt noch jemand da ist, weil es mich nervös macht, so ins Leere zu reden.
Jetzt reicht es mir mit den speaker notes. Ich werde zum guten alten Auswendigvortragen zurückkehren, dabei kann wenigstens nicht ganz so viel schiefgehen.
Was ich gerne sehen würde, weil es so praktisch wäre.
Was ich in Zukunft wieder stattdessen sehen werde.
Ich habe ja nichts gegen peinliches Scheitern an Dingen, die ich vorher überhaupt noch nie als Problem erahnt habe. Aber über Jahre hinweg immer wieder auf neue Arten an dieser Speaker-Ansicht zu scheitern, immer wieder zu rufen, dass ich aber wirklich vorher alles getestet habe und dabei genau zu wissen, was das Publikum von solchen Beteuerungen hält, das geht nicht und damit höre ich jetzt wieder auf.
(Kathrin Passig)












