Privatopias - Ein kritischer Blick auf Gesellschaft in privater Hand
Gleich und Gleich gesellt sich gern; dieses Sprichwort wird wohl den meisten Menschen geläufig sein. Doch was steckt dahinter?
Empirisch lässt sich beobachten, dass bei vielen Paaren, darunter auch Ehepaare, eine hohe Ähnlichkeit in Merkmalen wie zum Beispiel Alter, Herkunft, psychische Merkmale etc. bestehen, was darauf schließen lässt, dass das Sprichwort auch hier seine Anwendung findet.
Ebenfalls findet es sich in den menschlichen Grundbedürfnissen wieder, spezifisch in dem grundlegenden Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Veranschaulicht an einem Beispiel könnte dies so aussehen: Wenn das Bedürfnis nach Zugehörigkeit entsteht, spricht ein Mensch mit vielen anderen Menschen, auf der Suche nach positiver Resonanz zu einem gewissen Thema. Findet er Personen, die gleichgesinnt sind und ihm positive Rückmeldungen geben, setzt das Zugehörigkeitsgefühl ein und Serotonin, ein Glückshormon, wird ausgeschüttet. Dies führt dazu, dass man sich als Teil von etwas fühlt und glücklicher, sowie entspannter wird. Gleich und Gleich gesellt sich gern.
Würde dies also bedeuten, dass man in einer Gesellschaft, in der man nur auf Gleichgesinnte trifft, automatisch glücklicher ist? Würden diese Glücksgefühle, diese Entspannung, diese Ähnlichkeiten zu anderen Menschen andere Bedürfnisse wie z.B. nach Freiheit oder Selbstbestimmung unwichtig machen?
Daher stellt sich nun die Frage: Ist ein Leben in einer Umgebung, die vollständig auf eine Zielgruppe ausgerichtet ist, also das Leben in einer sogenannten Privatopia, wünschenswert? Wäre eine solche Zukunftsoption überhaupt realistisch? Könnte man dies vielleicht sogar auf eine viel größere Personengruppe anwenden, eventuell sogar Privatopias als gesellschaftliche Zukunftsoption ansehen?
Um der Beantwortung dieser Fragen näher zu kommen, müssen wir erstmal die Ausgangslage für solch eine Situation betrachten.
Problemanalyse und Entstehungsgedanke
Durch die Industrialisierung wuchsen die Städte unkontrolliert und die Preise schossen in die Höhe. Als Reaktion darauf hatte Briten Howard 1898 die Idee einer neuen Art von Stadt, der sogenannten Gartenstadt. Er hatte den Glauben an eine utopische Zukunft und wollte eine neue Zivilisation zum Dienste des Gemeinwesens. Für Howard war vor allem wichtig, dass die Gartenstadt nicht chaotisch ist, sondern dem Gemeinschaftswohl dient. Deshalb wollt er Raumplanung und eine politische sowie wirtschaftliche Organisation.
In den 40er Jahren wurde Levittown als Vorort von New York City durch Abraham Levitt und durch seine Firma Levitt and Sons errichtet. Levittown wurde für Heimkehrer aus dem zweiten Weltkrieg und deren Familien gebaut. Levittown sollten den American Dream erfüllen sowie Privatsphäre als auch Unabhängigkeit bieten. Levittown war quasi die Gegenleistung für ihren Dienst im Krieg.
Abbildung 1: Levittown
In Amerika entwickelte sich nebenher ein zunehmender Wunsch nach Privatisierung. Es wurden Gemeinschaften für Privatismus entwickelt, sogenannte „exklusive Quartiere“. Hier stand eher der Gedanke des Privatismus im Vordergrund, nicht das Gemeinschaftswohl, welches für Howard von großer Bedeutung war.
Nach der Wirtschaftskrise gab es dann einen Boom an geschlossenen Gemeinden mit dem gleichen Interesse und die Idee von Howard wurde wieder aufgenommen.
Aus der Mischung von der utopischen Gartenstadt und dem amerikanischen Wunsch nach Privatisierung entstanden dann 1994 die Privatopias durch Evan McKenzie.
Allgemein kann man sagen, dass Privatopias eine Reaktion auf das explosive Wachstum war, weil dies das Zusammengehörigkeitsgefühl gestört hat. Die Lösung war dann Privateigentum eines Konzerns mit eigenen Regeln.
Aus diesem Entstehungsgedanke erschließt sich also die Relevanz für die Privatopia. Aber auch in der heutigen Zeit beziehungsweise der heutigen Gesellschaft lassen sich Probleme erkennen, bei welchen eine Privatopia die geeignete Lösung darstellen könnte. Heutzutage kommt es immer häufiger zu Meinungsverschiedenheiten zwischen den Menschen. Gerade wenn man die aktuelle pandemische Lage anschaut, tauchen sehr starke Meinungsverschiedenheiten zwischen Geimpften und Nicht-Geimpften Personen auf. Hier könnte man sich also überlegen, ob eine Privatopia für Geimpften beziehungsweise Nicht-Geimpften eine passende Lösung darstellen könnte, um dieser Art von Konflikten entgegenzuwirken. Die verschiedenen Meinungen der Menschen würden also nicht mehr aufeinandertreffen und die bisherigen Spannungen in den Gesellschaften wären beseitigt.
Diese Situation lässt sich auch auf andere Konflikte der Gesellschaft übertragen wie zum Beispiel den Klimaschutz.
Kennzeichen
Privatopias sind geprägt von strengen Regeln. Es gibt keine bis wenig demokratische Strukturen und die Bewohner sind auch sonst festgelegten Verhaltensregeln unterstellt. Beispielsweise muss der Rasen stets in einer bestimmten Länge gemäht sein, die Vorhänge an den Fenstern müssen weiß sein. Es gibt Vorschriften, die jegliche Umbauten an den Häusern verbieten. Wird man in so einer Stadt glücklich? Ist ein Leben dort langfristig überhaupt realistisch?
Menschen streben nach Freiheit, doch um ein Leben in solch einer Stadt zu führen, muss ein Teil seiner Freiheit aufgegeben werden und man muss sich den Regeln des Unternehmens, das die jeweilige Privatopia besitzt, hingeben. Viele der Bewohner merken vorerst überhaupt nicht, wie weit sie doch eigentlich in ihrem Handeln eingeschränkt sind und wie sehr ihnen alles vorgelebt und vorgegeben wird, da es oft nur kleine, unscheinbare Veränderungen zum vorherigen Leben sind. Viele werden sich wohl damit abfinden, dass die Vorhänge von nun an weiß bleiben oder dass es nur noch bestimmte Haustiere geben wird, doch andere werden merken, dass sie sich ihr Leben so nicht vorgestellt haben und sich in ihrer Freiheit eingeschränkt fühlen.
Jedoch wird einem dafür im Gegenzug Sicherheit, gleichgesinnte Menschen und auch Komfort geboten. Es wird darauf geachtet, dass die Menschen dort ein möglichst perfektes Leben haben und alles haben was sie benötigen, um sorglos zu leben. Man lebt in einer Stadt, die wie perfekt für einen geschaffen ist. Alle Mitbewohner haben die gleichen Interessen oder das gleiche Alter und man kann sich in vielen Aspekten mit ihnen identifizieren. Dadurch entsteht das Gemeinschaftsgefühl, das sich viele immer ersehnt haben und welches ihnen in ihrem alten Leben gefehlt hat. Es gibt keine Konflikte in der Nachbarschaft, viele haben die gleichen Hobbys und Ansichten. Doch hin und wieder kommt es natürlich vor, dass man seine Meinung zu etwas plötzlich ändert. Darf man das dann überhaupt? Wird man ausgegrenzt, weil man die Meinung der anderen nicht mehr vertreten kann? Womöglich muss man sich tagtäglich verstellen, um dazugehörig zu bleiben. Hier ist die Exklusion ein präsentes Thema. Wenn man die Meinung der anderen nicht mehr teilt, sei es auch nur zu einem winzigen Aspekt, kann es sein, dass man aus Gruppe ausgegrenzt wird. Und so schnell kann das Gemeinschaftsgefühl dann auch wieder weg sein und man darf nicht mehr am Leben der anderen teilhaben. Es sollte sich also wirklich gut überlegt werden, ob man für so ein Leben geschaffen ist oder ob man daran nur kaputt gehen wird. In eine Privatopia ziehen, ist nichts was man voreilig machen sollte. Man kann nicht nach einem Monat sagen, dass es nichts für einen ist und dass man wieder ausziehen möchte. Es ist also wirklich eine Entscheidung fürs Leben und diese Entscheidung ist sicher nicht für jeden leicht, denn man entscheidet sich aktiv dazu, seine Freiheit nicht mehr so ausleben zu können, wie es vorher möglich war. Das kann für viele US-Amerikaner jedoch ein Problem darstellen, da die uneingeschränkte Freiheit bei ihnen sehr wichtig ist und sie den American Dream als Ziel ihres Lebens ansehen, welcher vor allem Freiheit, Rechte und Demokratie beinhaltet. Die meisten Privatopias gibt es in den USA, was wie schon erwähnt, gegen die Ideologie der Amerikaner spricht. Daher ist auch fraglich, weshalb es die meisten Privatopias in den USA gibt, wenn diese doch in vielerlei Hinsichten gegen die Ideologie vieler Amerikaner spricht?
Abbildung 2: Privatopia Sun City
Zurück zur Fragestellung...
Um nun zu den vorher gestellten Fragen zurückzukehren, schauen wir uns nochmal die mit Privatopias verbundenen Fragestellungen an.
Versuchen wir als Erstes die Frage zu klären, ob Privatopias eine realistische Zukunftsoption sind. Um dies genauer zu betrachtet, hilft ein Blick in die Gesellschaft.
Eine steigende Unzufriedenheit in der Gesellschaft im Laufe der letzten Jahrzehnte ist an mehreren Stellen zu bemerken. Das wohl aktuellste Beispiel von Unzufriedenheit in der Gesellschaft bieten „Quer-Denker“. Oftmals wahrgenommen als „Verschwörungstheoretiker“, lässt sich sagen, dass sie grundlegend gegen den Umgang der Politik mit solch einer brisanten Lage wie der Corona-Pandemie sind. Zudem sind sie mit den Pandemie- Maßnahmen nicht einverstanden und vermutet dahinter manchmal die Absicht von bekannten Persönlichkeiten wie Bill Gates.
Des Weiteren ist auch die steigende Beliebtheit von extremen populistischen Parteien ein Abzeichen für Unzufriedenheit in der Gesellschaft. So stellte u.a. Heiko Giebler fest, dass soziale Unzufriedenheit in Deutschland in Verbindung gebracht werden kann mit der Nähe zur „Alternative für Deutschland“ (AfD). Auch beeinflusst die stärkere Präsenz von Gewalttaten in Deutschland aufgrund der Sozialen Medien das Sicherheitsbedürfnis der Menschen.
Da wäre eine alternative Zusammensetzung der Gesellschaft im Sinne der interessensorientierten Selbstsegregation nicht abwegig. Die Idee eines interessensbasierten Zusammenlebens würde natürlich von der Akzeptanz der Gesellschaft anhängen.
Allerdings ist der Schritt zu einer „Gesellschaft in privater Hand“ nicht so weit weg, wie man anfangs vermuten könnte. Die Privatisierung von verschiedenen Aspekten wie staatliche Sicherheit, Gesundheitswesen und Verkehrswesen sind nur ein paar Beispiele dafür, wie stark wir doch inzwischen schon von privaten Unternehmen anhängig sind.
Ist da der Schritt zu einer Gesellschaft in privater Hand so groß? Ist es noch in so ferner Zukunft, dass ein Unternehmen wie Telekom, Volkwagen oder BMW anfangen, ein Gelände so groß wie eine Stadt zu steuern? Möglich wäre es beispielweise, dass BWM anbietet, für Auto-Liebhaber eine Privatopia zu erbauen ausgelegt auf allerlei Aspekte, die das Herz eines Auto-Liebhabers höherschlagen lassen. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, es könnte mehrere Auto-Werkstätte, eigene Rennstrecken und vieles mehr geben. Was mit den Deutschen Recht vereinbar ist, müsste in jeden Fall einzeln betrachtet werden. Sicher wäre schon mal, dass in dieser erdachten BMW-Privatopia kein Volkswagen zu finden wäre. Die Autos wären von BWL, weitere Produkte oder Regeln würden auch von der Bayerische Motoren Werke Aktiengesellschaft festgelegt werden.
Wenn man die Gedanken ein bisschen in die Zukunft schweifen lässt, klingt unserem Empfinden nach „Privatopia als Zukunftsoption“ eindeutig realistisch.
Anders verhält es sich allerdings mit „wünschenswerte Zukunftsoption“.
Stellen Sie sich einmal vor: „Sie könnten in einer Gesellschaft leben, die genausten auf Sie ausgelegt ist. Sie haben die Nachbarn, die Sie wollen, Sie haben alles für Sie Notwendige in der engeren Umgebung und dafür müssen Sie nur ein Teil ihrer Freiheit aufgeben.“
Natürlich ist der Grad des Freiheitsverlust immer subjektiv. Wenn man Freiheiten verlieren, die man sowieso nie in Anspruch genommen hat, fällt der Abgabe dieser wahrscheinlich nicht so schwer. Aber eine Grundvoraussetzung von Privatopias ist die starke Regelung des Zusammenlebens durch eine private oder unternehmerische Organisation. Die Möglichkeit auf demokratische Entscheidungen alle Lebensaspekte betreffend, leidet unausweichlich durch die private Steuerung.
Zudem darf der Aspekt der Exklusion in Privatopias nicht vergessen werden. Durch die Exklusion und Exklusivität entsteht erst das Gemeinschaftsgefühl in Privatopias. Durch die gemeinsamen Eigenschaften wie beispielsweise Alter oder Hobbies, werden Personen ohne diese Eigenschaften ausgegrenzt. Sie sind einfach nicht willkommen.
Diese Exklusion steht allerdings im Gegensatz zu dem gesellschaftlichen Ziel der Inklusion. Die Inklusion wird stark gefördert und man versucht genau etwas gegen diese Exklusion zu tun. Wie kann dann eine wünschenswerte Zukunft so gestaltet sein, dass sie so extrem einem so wichtigen Ziel unserer heutigen Zeit widerspricht?
Unserer persönlichen Meinung kann dieser so schwierige Widerspruch auch nicht durch den Fakt aufgehoben wird, das es durchaus Erleichterung bringen kann, wenn einem Endscheidungen angenommen werden. Nicht umsonst kennt jeder das Sprichwort: Wer die Wahl hat, hat die Qual. Es kommt vor, dass man mit einer zu großen Auswahl an Entscheidungsmöglichkeiten überfordert ist. Bei einem Überangebot an Entscheidungen, fallen wir häufiger lieber keine als die falsche Entscheidung zu treffen.
An diesem Dilemma setzen Privatopias an und nehmen einem etwas von diesem „Überangebot“ an Entscheidungen ab. Dabei können auch demokratische oder Entfaltungs-Entscheidungen betroffen sein.
Im Endeffekt muss jede Person, bei der Frage, ob ein Leben in einer Privatopia wünschenswert, selbst abwägen zwischen Freiheit und Komfort. Für die Autor*innen dieses Beitrags fiel die Entscheidung immer auf die Freiheit und gegen Privatopias als wünschenswerte Zukunftsoption.
Literaturverzeichnis:
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Autorinnen: Lena Lubini, Sofie Hepfner, Melina Dufner, Melissa Kopp











